Deutsche Olympiabewerbungen: PR-Spektakel und Verzerrung der Realität – Grundlagen für einen demokratischen Entscheidungsprozess? 

Liebe Münchner, liebe Berliner, liebe Hamburger, liebe Ruhrpottler,  

Die aktuellen Werbekampagnen der jeweiligen Städte/Regionen sowie des DOSB erzeugen große Skepsis, da die Informationsbroschüren und Kampagnen signifikante Defizite in Bezug auf die Auswirkungen der Olympischen Spiele aufweisen. In der Tat lässt sich sogar von einer gewissen politischen Skrupellosigkeit sprechen, da entscheidende Argumente gegen eine Ausrichtung weder explizit erwähnt noch indirekt in Form von Nebensätzen angeführt werden. Gleichzeitig spricht z. B. der Münchner Rat von „transparenter Kommunikation und (einer) umfassenden Einbeziehung der Bevölkerung“. Gleiches suggeriert der „Olympi-O-Mat“ des DOSB, der eine Anspielung auf den „Wahl-O-Mat” ist. Letzterer stellt die Programme aller Parteien vor einer Bundestagswahl neutral gegenüber. Der DOSB missbraucht das Vertrauen in dieses Medium, indem er mit seinem eigenen Online-Abstimmungstool „Olympi-O-Mat“ durch Struktur und Design eine neutrale Position suggeriert, die Teilnehmer*innen beim Durchklicken jedoch lediglich über positive Effekte der Olympischen Spiele informiert oder ihnen Fragen stellt, die sie zu der Aussage „100 % für Olympia“ verleiten. Liegt hier vorsätzliche Täuschung vor? Diese Vorgehensweisen sollte der organisierte Sport nicht anwenden, da sie die eigene Glaubwürdigkeit massiv untergraben. 

Im Folgenden möchte ich darlegen, warum das Vorgehen in München und das vom DOSB Empörung auslösen. Zunächst ist festzuhalten, dass ich als Sportwissenschaftler und Breitensportler Sportveranstaltungen positiv gegenüberstehe. Eine deutsche Ausrichtung ist aus Sicht der Sportwissenschaft positiv zu sehen, da diese trotz ihrer gesellschaftlichen Relevanz – von Spitzensport über Gesundheit, Bildung hin zu sozialen Herausforderungen – chronisch unterfinanziert ist, und mit mangelnder Wertschätzung sowie dem fehlenden Austausch zwischen Wissenschaft, Sportorganisationen und Entscheidungsträgern kämpft. Ein solches Event könnte zu einem größeren Fokus verhelfen. 

Zudem ist es für jede*n einzelne*n Kaderathlet*in, möglicherweise vor der eigenen Familie und all den Freunden, in einem solch bedeutenden Weltsportereignis aktiv zu sein, ein unglaublich aufregendes Erlebnis, das durch einen Erfolg noch intensiviert werden kann. Jedem einzelnen Athlet*in, der sich heute unter den schweren Bedingungen, in Deutschland entscheidet, einer spitzensportlichen Karriere in Form einer dualen Karriere nachzugehen, sei dieses herausragende Erlebnis gegönnt. Die alltäglichen Belastungen und Herausforderungen, denen ein/ eine Spitzensportler*in ausgesetzt ist, in Kombination mit der psychischen Belastung, fortwährend sportliche Höchstleistungen erbringen zu müssen, sind signifikant. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass viele deutsche Athletinnen parallel eine Berufsausbildung bzw. ein Studium absolvieren, welches durch einen hohen qualitativen Anspruch gekennzeichnet ist. Infolgedessen sehen sich diese Athletinnen einer permanenten Doppelbelastung ausgesetzt und haben mit den Erwartungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Teilsysteme zu kämpfen. Es ärgert, dass der deutsche Sport bis heute so wenig Profit aus den vielen tollen Persönlichkeiten im Sport schlägt. Ihre Leistungen sind beeindruckend – wer wünscht diesen Athlet*innen nicht eine möglichst hohe öffentliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung? Falls die Entscheidung fällt, die Olympischen Spiele nach Deutschland zu vergeben, bin ich auf jeden Fall dabei, die Athlet*innen anzufeuern. 

Doch die Bewerbungen der deutschen Städte sind bei wichtigen Punkten problematisch. Sowohl der DOSB (mit seinen Olympi-O-Mat und seiner digitalen Informationskampagne „Dafür sein ist alles”) als auch die einzelnen deutschen Städte agieren nicht mit der erforderlichen Ehrlichkeit, Offenheit und Skepsis gegenüber den Olympischen Spielen und besonders dem IOC.  

Z.B. die Empfehlung des Deutschen Alpenvereins München, den sogenannten „Olympi-O-Mat“ zu nutzen, um “die wichtigsten Argumente und Informationen” bezüglich einer möglichen Olympiabewerbung zu erhalten, ist problematisch. Werden Inhalte vorenthalten, wie im Falle der Werbekampagne des DOSB, kommt es zu einer Verzerrung des Willensbildungsprozesses. In Bezug auf den Olympi-O-Mat warte ich nur auf diejenigen, die das Tool herunterreden, nachdem es detailliert analysiert wurde. „Das darf man ja alles nicht so ernst nehmen“ und so weiter. Aber schauen wir uns das Tool doch einmal genauer an! Der Olympi-O-Mat ist nicht, wie suggeriert, ein neutrales Informationstool, sondern vielmehr ein überzeugungsorientiertes, meinungsmachendes Instrument, das wichtige Informationen außer Acht lässt und beeinflussend wirkt. Zunächst einmal verstößt die Konstruktion gegen die Grundprinzipien der Neutralität und der qualitativen Sozialforschung. Klar, vielleicht war das von Anfang an auch gar nicht das Ziel, aber dieses Tool suggeriert allein durch seinen Namen Neutralität. Zudem reicht es, Folgendes von der Startseite des Tools zu zitieren: „Du bist noch unsicher, ob Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland tatsächlich einen Mehrwert für dich haben? Der Olympi-O-Mat soll dich dabei unterstützen, eine Antwort auf diese persönliche Frage zu finden. Entdecke die wichtigsten Argumente und bilde dir deine Meinung, der Olympi-O-Mat ist ein Informationsangebot des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).“ Doch der Olympi-O-Mat ist kein Informationsangebot, sondern lediglich ein PR-Instrument. Das Ziel ist eindeutig: Die Teilnehmer*innen sollen durch die Gestaltung, die Themenauswahl und das Framing zu einer generellen Zustimmung gebracht werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Olympische Spiele” findet erst gar nicht statt. 

Betrachtet man die 25 zu bewertenden Aussagen genauer, wird deutlich, dass suggestive Formulierungen genutzt werden, um die positiven Effekte der Olympischen Spiele zu betonen und wichtige kritische Aspekte vollständig auszulassen, Ähnliches passiert auf der gesamten Informationsseite des DOSB . Der Großteil der Aussagen ist als positiv gegenüber den Olympischen Spielen zu bewerten. Des Weiteren konzentriert sich die Betrachtung auf positive gesellschaftliche Effekte wie Sportförderung, Ehrenamt und nationale Reputation, wodurch es zu einer einseitigen Fokussierung auf sogenannte „Soft Benefits“ einer Großveranstaltung kommt, die nicht zwingend mit Olympischen Spielen zu tun haben müssen. Zudem gelingt das anvisierte Framing durch Strategien wie die emotionale Provokation der Teilnehmenden (mehrere Aussagen). Aussagen wie „Erfolge deutscher Spitzensportlerinnen sind mir egal“ sind anders nicht zu verstehen: eine Provokation, anstatt das Thema sachlich abzuwägen. Nur drei Aussagen thematisieren kritische Aspekte wie Kosten, Ökologie und Infrastruktur, ohne diese jedoch tatsächlich zu vertiefen. Die traditionell mit den Olympischen Spielen verbundene Kostenexplosion oder auch die Gentrifizierung in den Metropolen bei der Ausrichtung der Spiele wird gar nicht thematisiert. Völlig außer Acht gelassen werden außerdem Themen wie Menschenrechte in Bezug auf die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen oder den Umgang mit den Athletinnen und deren unzureichende Vergütung durch das IOC. Lediglich 4 % der Einnahmen des IOC gehen an die Athlet*innen (vgl. Bradish et al., 2019). Auch das Thema Korruption oder der sich in einem Graubereich befindende, ausschweifende Lobbyismus werden nicht behandelt. Ebenso bleiben die langfristigen Folgen wie schwer nutzbare Sportstätten oder hohe finanzielle Belastungen für die Kommunen unerwähnt, oft über Jahrzehnte hinweg ein Problem für die Ausrichterstädte. Auch die hohen Sicherheitskosten, die in Paris im Milliardenbereich lagen, und die Militarisierung der Polizei werden nicht mit einem Wort erwähnt. Zudem werfen die Aussagen die Frage nach den Prioritäten des deutschen Sports auf. Wo liegen diese beim Breiten- oder beim Spitzensport? Welches Zusammenspiel sollte es geben? Stattdessen kommt es zur normativen Forderung: „Deutschland sollte eine vielfältige Sportlandschaft haben.“ Eine vollkommen allgemeine und für eine konkrete Auseinandersetzung inhaltlich leere Aussage. Damit wird deutlich, dass der Olympi-O-Mat ein simples Narrativ reproduziert: Großevents schaffen einen Mehrwert. Komplexe Themen wie die Kosten sind nur Randbemerkungen wert. Durch die Struktur des Tools gelingt es so, eine Pro-Olympia-Haltung als „innovativ“ zu inszenieren, während eine grundlegende Skepsis eher „emotionslos“ erscheint. 

Auch eine Analyse der Informationsbroschüren, aktuell der aus München, ergibt, dass die darin enthaltenen Angaben große Mängel aufweisen. Der Flyer zur Bewerbung Münchens, in dem nur positive Effekte der Olympischen Spiele aufgezählt werden, wurde vom Referat Bildung und Sport in München entworfen und gemeinsam mit den Wahlzetteln für die Volksabstimmung an alle Haushalte in München verschickt. Informationen zu den Nachteilen der Olympischen Spiele gab es nicht.  

Die Präsentation ausschließlich positiver Effekte einer olympischen Bewerbung steht in einem nicht angemessenen Spannungsverhältnis zur Transparenz. Den Olympischen Spielen wurde in der Vergangenheit, wie nun auch in der Informationsbroschüre in München, eine Beschleunigung der Entwicklung städtischer Räume zugesprochen. Die Realisierung neuer Infrastrukturprojekte würde sich deutlich beschleunigen und eine positive Wirkung auf die jeweilige Stadt ausüben. Die Bevölkerung wird mit dem Versprechen konfrontiert, die Spiele hätten ausschließlich positive Auswirkungen. Dazu zählen der Bau neuer Wohnungen, der Ausbau des Nahverkehrs, nachhaltige Stadtentwicklung, sowie eine Steigerung des Tourismus und eine höhere Anerkennung für die Ausrichterstadt. Problematisch wird es bei einer möglichen Bewerbung, wenn die potenziellen negativen Auswirkungen ausgeblendet werden, obwohl diese für die Bevölkerung umfangreich sind und sich zudem nicht nur auf den Spitzensport, sondern auch auf den Breitensport und besonders die Gesellschaft auswirken. Diese Auswirkungen belasten eine Region oft über Jahrzehnte. Wenn diese Informationen aber außen vorgelassen werden, wird die Bevölkerung nicht in einem ausreichenden Maße über Vor- und Nachteile aufgeklärt, und ein Flyer wirkt eher als Meinungsbeeinflussung. 

Es ist grundsätzlich positiv zu bewerten, wenn Bürger*innen bei Entscheidungen von solch enormer Tragweite, bei denen es um Milliarden von Steuergeldern geht, einbezogen werden. Dies ist ein adäquates Mittel, um die Bevölkerung in diesen grundlegenden Entscheidungen zu involvieren. Darauf bezogen sind München und Hamburg zu loben. Da die betreffenden Städte in ihren Informationsbroschüren die zahlreichen negativen Auswirkungen der Ausrichtung bewusst außer Acht lassen, ist dies eine Täuschung der Bevölkerung. Ein Qualitätsmerkmal einer Vorentscheidung muss sein, die Bevölkerung ausreichend über die Auswirkungen aufzuklären. Unter der Prämisse, dass der Bevölkerung Vor- und Nachteile des modernen Gigaevents sowie eine mögliche Milliardenverschuldung für die Metropole und die Nation bewusst gemacht werden und sie sich aufgrund der mythischen Bedeutung der Spiele für die Ausrichtung entscheidet, ist diese Abstimmung eine demokratische Entscheidung. Im Falle eines „Ja“ attestiert die Bevölkerung dem Spitzensport eine besondere Rolle. Falls emotionale Gründe eine übergeordnete Rolle spielen und zu einer intuitiven Entscheidung führen, von Gefühlen wie Zugehörigkeit, Erfüllung und Leidenschaft geprägt sind, sind auch kritische Stimmen dazu angehalten, die Entscheidung der Mehrheit zu respektieren. Dies gilt selbst dann, wenn die Entscheidung offensichtlich eine kognitive Dissonanz beinhaltet, einen Konflikt zwischen Emotion und Vernunft. In dieser Situation wird dem symbolischen Kapital eines solchen Gigaevents, das sich in Form von Ehre, Anerkennung und Ruhm manifestiert, eine höhere Bedeutung beigemessen als wichtigen ökonomischen oder sozialen Aspekten. Gleichzeitig ist eine solche Entscheidung nur dann demokratisch, wenn die Bevölkerung zuvor adäquat über die potenziellen Vor- und Nachteile informiert wurde. Andernfalls handelt es sich wie im Falle Münchens um einen Täuschungsversuch gegenüber der Bevölkerung mit schwerwiegender Tragweite. Mit der vorhandenen Informationsbroschüre können die Bewohner Münchens aktuell nicht bewusst für ein „Ja“ oder „Nein“ entscheiden, vielmehr sollen sie der Stadt lediglich ihre Zustimmung geben. Aufklärung ist Fehlanzeige – ein erhebliches Defizit. 

Welche Interessen haben die städtischen Vertreter bei einer derart eindeutigen Positionierung? Das Vorgehen der Stadt München erzeugt Misstrauen und erweckt den Eindruck, als ob die Stadt ihren Bewohnern die Abwägung der positiven und nativen Argumente gar nicht zutraut. Es ist evident, dass die negativen Folgen einer Bewerbung und der Ausrichtung der Spiele, insbesondere die vulnerablen Mitglieder der Gesellschaft und die allgemeine Bevölkerung treffen. Die Spiele sind ein ambitioniertes Projekt, bei dem Obdachlose in der jeweiligen Stadt als Stigma betrachtet werden, die Mieten aufgrund der zunehmenden Immobilienspekulationen exorbitant ansteigen, es zu einer signifikanten Gentrifizierung und einer Verschuldung der Ausrichterstadt kommt. Die Kosten haben vorwiegend Auswirkungen auf die Arbeitnehmer*innen. Sie werden weiter aus der Stadt gedrängt, ihre Arbeitswege zu den jeweiligen Arbeitgebern werden länger und sie verlieren ihre Anbindung an die jahrelang aufgebauten Nachbarschaften. Dies kann dazu führen, dass ihre gesamte soziale Anbindung zusammenbricht. Indes profitieren multinationale Großkonzerne in hohem Maße von der Ausrichtung der Spiele. Die Errichtung von Spielstätten und Infrastruktur wirkt sich positiv auf die Bilanz großer Konzerne aus. Zudem werden internationale Hotelketten weitere Investitionen in die jeweilige Stadt tätigen und so weitere Übernachtungsmöglichkeiten schaffen. Ein weiterer Effekt der erhöhten internationalen Aufmerksamkeit ist die verstärkte Nutzung von Wohnungen für den Tourismus über Plattformen wie Airbnb. Ferner ist mit einem verstärkten Zuzug internationaler Immobilienspekulanten in die jeweilige Stadt zu rechnen, mit dem Ziel, von den zu erwartenden Preissteigerungen auf dem Miet- und Immobilienmarkt zu profitieren. In Städten wie Hamburg, München oder Berlin resultiert dies in einer Verstärkung des bereits hohen Drucks auf dem Wohnungsmarkt und in einem dauerhaften Verlust an essenziellem Wohnraum. Obwohl die Problematik des sinkenden Anteils der Anwohner in den Innenstädten bereits durch zahlreiche Anwohner, wie in Hamburg, artikuliert wird, ist ein weiterer Rückgang absehbar. 

Das IOC wird durch Steuervergünstigungen, garantiert durch die deutsche Bundesregierung und das Olympiaschutzgesetz, von der Ausrichtung in Deutschland profitieren und einen erheblichen Teil der Gewinne direkt abschöpfen und in die Schweiz transferieren. Das IOC wird sich nur zu einem geringen Teil an der Errichtung der Spielstätten finanziell beteiligen, diese finanzielle Last wird nahezu ausschließlich den Haushalt der Ausrichterstadt und -nation belasten (Grund: Host City Vertrag). Die Zugeständnisse an das IOC gipfeln darin, dass in Bereichen der Stadt rund um die Spielstätten ausschließlich Produkte von IOC-Sponsoren vertrieben werden dürfen. Viele kleine Einzelhändler werden darunter leiden, bzw. können während der Spiele nicht regulär ihre Kunden bedienen. Das IOC ist zwar noch ein „gemeinnütziger“ Verein nach Schweizer Recht, jedoch real ein Großkonzern mit Milliarden an US-Dollar und in Bezug auf den Spitzensport mit einer einmaligen Monopolstellung, die es der Organisation ermöglicht, wie eine eigene Nation zu agieren und mögliche Ausrichternationen mit umfangreichen Forderungen gegeneinander auszuspielen. Resultat ist, dass die jeweilige Ausrichterstadt erhebliche Eingeständnisse macht und oft Großkonzerne der jeweiligen Nation langfristige Sponsorenverträge mit dem IOC abschließen, eine indirekte Variante der Beeinflussung bei der Entscheidung für eine Ausrichterstadt.  

Nicht erwähnt werden in den aktuellen Informationsbroschüren die oft hohen finanziellen Belastungen der jeweiligen Stadt im Anschluss an die Spiele. Viele Städte hatten in der Vergangenheit mit den verursachten Schulden zu kämpfen. Besonders soziale Projekte und der gesamte Bildungsbereich leiden erfahrungsgemäß dann unter den städtischen Einsparungsmaßnahmen. Studien der Oxford University kommen zu dem Ergebnis, dass alle Austrichterstädte mit einer Verschuldung aus den Olympischen Spielen herausgehen (vgl. Buzier, Flyvberg, 2024; Flyvbjerg et al. 2016). 

Im Flyer der Stadt München fehlt ein grundsätzliches Finanzierungskonzept. Das Argument, die Ausrichtung der Spiele habe direkte positive Auswirkungen auf den Breitensport und die Spiele im eigenen Land treiben die Bevölkerung zu mehr Bewegung an, wurde in der Vergangenheit widerlegt, so auch in London 2012, wo dies sogar die sogenannte Legacy der Spiele ausmachen sollte (siehe z.B. Giulianotti u.a. , 2019, 29; Haut, Gaum, 2020, 101). Auch von der Errichtung der jeweiligen Spielstätten profitiert der Breitensport nicht, was ebenfalls belegt ist. Spielstätten für die Olympischen Spiele sind überdimensioniert, sie sind explizit auf den Spitzensport ausgerichtet, sie besitzen oft ein zentrales Spielfeld mit großen Tribünen für möglichst viele Zuschauer. Breitensportspielstätten haben andere Anforderungen. Diese benötigen möglichst viele Spielfelder und mögliche kleine bis gar keine Tribünen. So bringen die großen Arenen und Stadien dem Breitensport eher wenige Vorteile. Mittlerweile werden einige Spielstätten auch nur für die Zeit der Spiele errichtet, um dann mit Blick auf Nachhaltigkeit wieder abgebaut zu werden.   

In keinem anderen Land gibt es Bewerbungsverfahren für die Spiele wie die in Deutschland. Aktuell geben 4 Metropolen/Metropolregionen mehrere Millionen Euro ausschließlich dafür aus, sich als nationaler Bewerber zu positionieren. Unerwähnt bleibt zudem, dass viele weitere Millionen (im mittleren bis hohen zweistelligen Bereich) ausgegeben werden müssen, um sich dann mit anderen Metropolen aus Indien, Saudi-Arabien und Co. zu messen. 

Diese mind. 6 Millionen Euro an Steuergeldern pro Bewerber fehlen in den jeweiligen Haushalten, möglicherweise weitere Millionen, die nicht in marode Turnhallen in der Region gesteckt werden (z B. in Berlin wurde der Sportetat gekürzt, in Hamburg werden bereits 18 Millionen für 2025/2026 investiert).  

Hier zum Abschluss einige Hinweise, worüber wir stärker nachdenken sollten. Warum erhalten Spitzensportler*innen (Kaderathlet*innen) immer noch keine Grundabsicherung und müssen teilweise am Existenzminimum leben? Anstatt sich auf die mögliche Ausrichtung der Olympischen Spiele zu konzentrieren, erscheint es weitaus relevanter, die strukturellen Bedingungen des deutschen Spitzensports und Breitensports kritisch zu reflektieren. Erfolg, Leistung und Medaillen stehen dabei regelmäßig im Fokus der Betrachtung, während ethische, soziale und gesundheitliche Aspekte systematisch vernachlässigt oder verharmlost werden. Deutsche Athlet*innen sind strukturell benachteiligt, da ihr Handlungsspielraum durch die offensichtlichen Machtasymmetrien im Spitzen- und Breitensport eingeschränkt ist. Deutsche Athlet*innen sehen sich kontinuierlich einem signifikanten ökonomischen Druck ausgesetzt und verfügen gleichzeitig über nur marginale Mitspracherechte in Bezug auf Reformen im Spitzensport. Es bestehen nach wie vor Defizite in der Demokratisierung der Verbandsstrukturen, in der Sportförderung und in der Setzung von sportlichen Zielen.  

Warum stehen die Anlaufstellen gegen sexuelle Gewalt zur Diskussion bzw. zieht sich die Etablierung solcher Stellen hin, obwohl es hunderte Anfragen in den vergangenen Jahren gab, es wieder neue Enthüllungen in der Leichtathletik und im Fußball gibt, diese gravierend und umfangreich sind? Ein ernsthaftes Problem im deutschen Sport. Wie kann es sein, dass solche Stellen überhaupt diskutiert werden, wir stattdessen über die Ausrichtung der Olympischen Spiele reden? Was ist mit dem nahezu nicht zu bewältigenden Investitionsstau in Bezug auf deutsche Sportstätten für den Breiten- und Spitzensport, der Ineffizienz der Förderstrukturen, der fehlenden Zieldebatte, wofür Breiten- und Spitzensport stehen sollen, den strukturellen Problemen in den Vereinen? 

In den kommenden Wochen sind weitere Texte zum Thema einer möglichen Bewerbung und Ausrichtung der Olympischen Spiele geplant.  

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Autor: derballluegtnicht

Writes about the politics of sports. For him sports and politics always mix.

3 Kommentare zu „Deutsche Olympiabewerbungen: PR-Spektakel und Verzerrung der Realität – Grundlagen für einen demokratischen Entscheidungsprozess? “

  1. Servus an die Runde…
    also kurzer Eindruck aus mehreren Vor Ort Terminen mit ua. Fr. Dietel

    „Causa Kallamatsch“ ist nicht allgemein Bekannt….?
    „In Paris liefs Super“ für die Stadt / öffentlicher Hand(Fr. Dietl)

    Wahrscheinlichkeitsrechnung wird nicht so gerne gesehen…

    allgemein sich langsam steigerde Hysterität auf konkrete Fragen….

    (seit Tagen versuche ich gemeinsam mit „Kollegas“ die Antwort zu finden: Wo ist Rosies neue Nummer? )
    also die 520819224121… Auflösung folgt?)

    muss erstmal durchatmen… bis bald

    (gibts eigentlich soetwas wie ein BRD – Bewerbungskostenticker??? + „Canditate Cites“)

    bei Polymarket.com scheint auch noch nichts am Start…?

    von 3-5 Prozent IOC – zu Aktiven schien auch noch keiner gehört zu haben ????

    Scheinbar ist Olympia das neue „Monorail“?

    Olydachsanierung ist „alternativlos“ ????

    Wahltermin Nachfragen… erstes Einlenken bzw. da sollte wohl was aus 8 März

    Also auf diesem Wege die Frage, der Aufruf an „die Grünen“ in Bayern (& Kiel?): In Bayern ist mir jetzt ein gewisser Ludwig H. bekannt, gibt es noch eine 2te Person mit ähnlicher Meinung?

    Gibt es in der SPD München / Bayern eine Person mit ähnlichen/gleichen Vornamen ODER einer ähnlichen Position wie der L.H. von „den Grünen“?

    Bitte melden ? ???
    (also wegen Kumulieren/Panaschieren/ Abservieren…)

    „Schnupftabak aus Neubiberg“ sollte vermeiden werden.

    Ausformulierung evtl. nach der Wahl

    Rückfragen willkommen?!!!! 🙂

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