
„Die Athleten stehen im Mittelpunkt“: Diese Auffassung wird wiederholt aus verschiedenen Richtungen geäußert. Es sieht so aus, als ob alle sich in dieser Hinsicht einig sind.
Doch weder im gegenwärtigen 2. Entwurf des Sportfördergesetzes noch im deutschen Sport stehen die Athlet*innen im Zentrum. Im neuen Sportfördergesetz stehen sie nicht einmal an der Seitenlinie, sondern befinden sich außerhalb der Entscheidungsräume und dürfen lediglich unverbindliche Vorschläge im Stiftungsbeirat geben. Ein historischer Fehler, denn innovativer und zeitgemäßer Spitzensport kann nur in Zusammenarbeit mit den Athlet*innen als integralem Bestandteil in Entscheidungsgremien erreicht werden. Sie sind es, die beobachten, an welchen Stellen es hakt, wo Fördermaßnahmen nicht greifen und an welchen Orten Maßnahmen intensiviert werden sollten. Die erneute strukturelle Exklusion dieser Gruppe im gegenwärtigen Gesetzesentwurf (kein Sitz im Stiftungsrat) führt dazu, dass die seit Jahrzehnten bestehende massive Repräsentationslücke konserviert und abermals nicht geschlossen wird. Ist dies bewusst geschehen?
Die offensichtliche Dysbalance hat zur Folge, dass Athlet*innen weiterhin systematisch von wesentlichen Entscheidungsprozessen und Ressourcen ausgeschlossen bleiben oder spät über wichtige Maßnahmen informiert werden und dann aufgrund von Zeitmangel und fehlenden Ressourcen nicht mehr angemessen reagieren können. In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Förderprogramme im Spitzensport stets als Top-down-Reformen implementiert, häufig ohne eine gründliche Bewertung der tatsächlichen Bedürfnisse der Athlet*innen. Wiederholt wurden lediglich Fördermaßnahmen intensiviert oder neue Förderbereiche konzipiert, ohne angemessen auf die verschiedenen strukturellen Bedingungen einzugehen. Der gegenwärtige Gesetzesentwurf konzentriert die Macht zunächst beim Bund als Geldgeber und dann abermals beim DOSB (drei von neun Sitzen im Stiftungsrat der geplanten Spitzensportagentur sowie ein einstimmiges Votum des Stiftungsrats für die Wahl des Vorstands – der DOSB verfügt somit über ein Vetorecht). Der DOSB strebt sogar hinter den Kulissen in Kooperation mit der CSU an, die neu gegründete Sportagentur unter seiner eigenen Organisation zu integrieren. Ein einmaliger Vorgang – besteht da ein Zusammenhang mit der Bewerbung Münchens für die Olympischen Spiele 20XX? Die Unabhängigkeit der Agentur könnte laut DOSB dennoch durch einen unabhängigen Vorstand sichergestellt sein. Über die äußerst problematische Doppelrolle des DOSB als Lobbyist und Empfänger von Steuergeldern und die Ineffektivität dieser Strukturen wird dabei interessanterweise nicht diskutiert.
Institutionen, wie die Bundeswehr, wurden in der Förderung kontinuierlich erweitert, was zu einer Monopolstellung der Bundeswehr führte, ohne zu wissen, ob diese Art von Fördermaßnahme überhaupt von einem Großteil der Athlet*innen gewünscht wird. Ist diese Art der Förderung politisch gewollt? Und nutzen viele diese Fördermöglichkeit lediglich, da hier die finanziellen Garantien deutlich am höchsten sind? Auf politischer Ebene wurde beschlossen, diese Form des Staatssports weiter zu intensivieren. Doch sollte eine duale Karriere nicht in allen beruflichen Bereichen realisierbar sein? Die Notwendigkeit, genau diese bereits am besten finanzierte duale Karriere mit zusätzlichen finanziellen Ressourcen auszustatten, während zivile Alternativen weiterhin unterfinanziert bleiben, ist zu hinterfragen. Der Bund verwendet die Institution Bundeswehr, um über die finanzielle und infrastrukturelle Macht, Sportler*innen an diese Förderung zu binden. Diese Abhängigkeitsbeziehung wird zusätzlich intensiviert durch die Tatsache, dass Trainer*innen auch als Vorgesetzte der Athlet*innen innerhalb der Bundeswehr fungieren.
Im gegenwärtigen Fördersystem, was bereits mehrfach vom Deutschen Rechnungshof bestätigt wurde, besteht eine erhebliche und nicht zu rechtfertigende Verschwendung von Ressourcen. Finanzielle Mittel werden für ungeeignete Projekte im Spitzensport und beteiligte Institutionen bereitgestellt, während bestehende Probleme der Athlet*innen vernachlässigt werden. Dazu ist der deutsche Spitzensport durch eine erhebliche bürokratische Ineffizienz belastet. Ein überproportionaler Anteil der Ressourcen fließt in die Strukturen und die Administration des Sports, bevor er die Trainer*innen und das primäre Förderziel, die Athlet*innen, erreicht (siehe auch „Hoffnungslos verstrickt? Der Teufelskreis des deutschen Spitzensports“). Diese Strukturen führen zu einem Innovationshindernis im deutschen Spitzensport, da das System teilweise die spezifischen Probleme der Athlet*innen und ihr Feedback sowie ihre Perspektive nicht berücksichtigt. Die Abwesenheit einer echten Beteiligung der Athlet*innen führt zu einer Legitimationskrise, da die Entscheidungen der neuen Gremien, die im Sportfördergesetz und damit der neu zu gründenden Sportagentur verankert sind, von den Athlet*innen nicht als gerecht empfunden werden. Gemäß Staatsministerin Schenderlein strebt Deutschland an, die Anzahl der gewonnenen Medaillen zu erhöhen, den Fokus verstärkt auf Medaillenchancen zu richten und sich im Nachgang an Olympischen Spielen daran zu messen (ein Ziel, das bereits unter Thomas de Maizière (CDU) im fast gleichen Wortlaut formuliert wurde). Diese Fokussierung auf Medaillen ist ein schwerwiegender Rückschritt in alte Zeiten. Wo sind die Förderstrukturen und Maßnahmen als grundlegende Voraussetzungen, die sicherstellen, dass sich alle Athlet*innen, insbesondere in sozialer und finanzieller Hinsicht, abgesichert fühlen? Werden die Athlet*innen zu reinen Objekten und als Lieferanten von Medaillen erneut ausgeschlossen? Eine strukturelle Ausgrenzung der Gruppe, die von allen Entscheidungen betroffen ist und nach Aussage der Funktionäre „profitieren“ soll, ist die Folge. Dies ist nicht nur aus der Perspektive der Athlet*innen bedauerlich, sondern ist auch eine verpasste Gelegenheit, das kreative Potenzial und das kollektive Wissen der Athlet*innen und ihrer Repräsentantinnen zu nutzen.
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Die Corona-Krise ist eine Offenbarung für die Elite des deutschen und internationalen Profisports. Die Maske des Humanitarismus fällt durch ein neuartiges Virus endgültig. Funktionäre, Verbände, Ligen und Athleten reagieren auf die Krise und zeigen, welche Interessen sie tatsächlich haben.







