Der Zwang zum Staatssport – Frust über das System Sportdeutschland (Teil 8)

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Bundeswehrsoldaten (Foto: Andreas Cappell / modifiziert)

Kommentar: In dem folgenden Artikel geht es nicht darum, den Sportsoldaten in Misskredit zu bringen, sondern vielmehr strukturelle Schwächen dieser Fördermaßnahme aufzudecken. Auch geht es nicht darum, diese Fördermaßnahme in Gänze zu diskreditieren oder abzuschaffen. Vielmehr geht es darum, Fördersummen für den Spitzensport nach den tatsächlichen Berufsinteressen der Athleten zu verteilen. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass über 20% der Athleten Berufssoldaten werden möchten. Dieser Wunsch besteht in der Gesamtbevölkerung ebenfalls nicht. Sollte ein Athlet den Wunsch nach einer Karriere innerhalb der Bundeswehr haben, sollte er auch die Möglichkeit einer Berufsausbildung bei den Streitkräften erhalten, um somit auch nach der spitzensportlichen Karriere innerhalb der Bundeswehr arbeiten zu können.

Das Bundesministerium der Verteidigung erhält über 60 Millionen Euro für die Sportförderung der Bundeswehr, über die Hälfte werden exklusiv in die Spitzensportförderung investiert. Über ein Fünftel des aktuellen Gesamtetats für den Spitzensport in Deutschland ist somit für ca. 800 Athleten in der Bundeswehr. Die exklusiven Förderplätze werden durch den DOSB und das Streitkräfteamt in Relation zu den Förderkontingenten für olympische und nicht-olympische Spitzenverbände verteilt, dabei sind ca. 20 Millionen Euro der insgesamt über 30 Millionen Euro für Personalkosten der Spitzensportler vorgesehen (vgl. Bundesministerium des Inneren, 2011, Anlage 4).

Im Bundeswehrhaushalt wird die Fördersumme des Sports bzw. Spitzensports nicht explizit aufgeschlüsselt, was eine Effizienzüberprüfung auch nach der aktuellen Spitzensportreform unmöglich macht. Inoffiziell gehen Mitarbeiter jedoch von einer Gesamtsumme von bis zu 100 Millionen Euro im Jahr aus. Die Angaben der Bundeswehr belaufen sich auf rund 60 Millionen Euro. Diese Zahlen verdeutlichen die gute finanzielle Situation der Athleten während ihrer Karriere bei der Bundeswehr (vgl. Bendrich, 2015, 81).

Viele deutsche Olympioniken, wenn sie nicht bei dem Bundesgrenzschutz, der Bundeswehr oder der Bundes- und Landespolizei beschäftigt sind, verdienen durchschnittlich lediglich ca. 620 Euro im Monat und bleiben damit bis heute Tagelöhner. Manche sind zwischenzeitlich sogar auf Arbeitslosengeld angewiesen, um ihre spitzensportlichen Karrieren fortsetzen zu können. Deshalb suchen die Sportler permanent nach Wegen, ihre persönliche Situation zu verbessern.

Es ist letztlich die bessere finanzielle Unterstützung, die die Bundeswehr für Spitzensportler attraktiv macht. Das Risiko Spitzensport erscheint für die Zeit der aktiven Karriere bei der Bundeswehr am geringsten. Sie ist die einzige Fördermaßnahme, die neben der spitzensportlichen Tauglichkeit keine weitere Voraussetzung durch den jeweiligen Fachverband und den DOSB einfordert. Für Leistungssportler ist die Bundeswehr somit der „leichte“ Karriereweg. Es ist mit einer gewissen Bequemlichkeit verbunden, da der Athlet mit einer Kaderstelle innerhalb der Bundeswehr für einen bestimmten Zeitraum finanzielle Sicherheit und damit Unabhängigkeit besitzt. Doch diese Sicherheit ist begrenzt, da ihre Vorgesetzten – oft Trainer und Vorgesetzter zugleich – über die sportliche und finanzielle Zukunft entscheiden. Sportdirektoren und Trainer besitzen im Rahmen der Strukturen der Bundeswehr oftmals den Rang des Feldwebels und sind diejenigen, die über die Zukunft der Athleten entscheiden. Diese Machtkonstellation zeigt das System der Abhängigkeiten, in dem sich die Athleten bewegen. Trainer sind häufig sowohl für den sportlichen als auch beruflichen Bereich verantwortlich. Das System gibt den Verbänden und Trainern die Macht, über die Athleten zu verfügen, ihnen zu übermitteln, was von ihnen erwartet wird.

Zudem werden die Stellen innerhalb der Bundeswehr durch den DOSB und die jeweiligen Verbände durch das neue Reformpapier als „Premiumstellen“ der Bundeswehr deklariert und sollen in Zukunft noch gezielter an Athleten mit den aussichtsreichsten Medaillenchancen vergeben werden, auch wenn die Spitzensportler nicht an einer Karriere innerhalb der Bundeswehr interessiert sind. Dies bedeutet, dass der DOSB weiterhin an staatsportähnlichen Strukturen mit Nachdruck festhält bzw. diese sogar durch die neue Ausrichtung der Spitzensportförderung intensiviert und erweckt den Eindruck eines politisch gewollten Karrierewegs, mit einer singulären Fokussierung auf den Spitzensport. Die Förderung der Spitzensportler innerhalb der Bundeswehr besitzt bis heute Priorität und gilt nach Ansicht des Bundesministeriums des Inneren und der Verteidigung als unangefochtene und effiziente Form der Spitzensportförderung des Bundes. Die Art der Förderung erhält einen starken politischen und sportpolitischen Rückhalt (vgl. Bendrich, 2015, 81). Die Athleten werden in das enge, entmündigende Korsett der Bundeswehr gezwungen, es kommt zur Förderung der Profikarriere auf Zeit. Zwar erhalten die Sportler eine deutlich höhere finanzielle Unterstützung und sind während ihrer sportlichen Karriere gut abgesichert, jedoch kann von einer beruflichen Perspektive nicht die Rede sein. Sie werden beruflich gesehen in Handschellen gelegt.

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Athleten in Handschellen durch aktuelle Strukturen? (Foto: Slavealicous)

Bis vor 6 Jahren war ein paralleles Studium für Spitzensportler in der Bundeswehr nicht vorgesehen und ist auch aktuell lediglich unter strengen Vorgaben, wenn sie mit dem Sport und Dienst und den Sichtweisen der Vorgesetzten (Trainer) vereinbar sind, möglich. Bis in das Jahr 2010 war eine Berufsausbildung bei einer Verpflichtungsdauer von unter 8 Jahren prinzipiell nicht möglich (vgl. Kuhlen/ Sarsky, 2009, 8). Seit 2010 gibt es eine Genehmigung von leistungssportgerechter Ausbildung/ Studium durch die Bundeswehr (vgl. Bundeswehr, 2013, 9), die wiederum betont: “Hierbei haben die Terminsetzungen des Dienstherrn Bundeswehr, insbesondere für die militärischen Ausbildungsgänge, als auch die sportfachlichen Vorgaben der Spitzenverbände Priorität“ (Bundeswehr, 2013, 5).

Ein echtes Interesse an einer dualen Karriere seitens der Streitkräfte kann aufgrund dieser Formulierungen ausgeschlossen und seitens des Kooperationspartners DOSB angezweifelt werden. Die Spitzensportler bleiben auch nach der neuen Spitzensportreform Mittel zum Zweck.

So kommt es letztendlich zu einem gewollten Scheinarbeitsverhältnis, das vielmehr die singuläre Fokussierung auf den Spitzensport forciert und die Athleten nach der aktiven Karriere fallen lässt. Kommt es zum Verlust der Kaderstelle, stehen viele der Bundeswehr-Spitzensportler ohne Berufsausbildung dar, da sie lediglich ein bis zwei Lehrgänge besucht haben, jedoch keine umfassende Grundausbildung erhalten haben. Zudem ist eine Übernahme von Spitzensportlern in der Bundeswehr nicht vorgesehen. Dies hat fatale Folgen für den einzelnen Spitzensportler, der nach seiner aktiven Karriere vor dem persönlichen Ruin steht, da viele der Athleten während ihrer aktiven Karriere lediglich ihren Spitzensport und Alltag finanzieren konnten. Finanzielle Reserven anzulegen ist nahezu unmöglich, sodass die Athleten nach dem Verlust der Kaderstelle oft ohne berufliche Ausbildung und finanzieller Basis dastehen. Zudem haben sie häufig nicht in die Rentenkasse eingezahlt, sodass zu diesem Punkt bereits eine Altersarmut zu erwarten ist.

Nur aus finanziellen Gründen sehen sich Sportler gezwungen, Teil des Staatsports zu werden. Viele fragen sich „Warum muss ich Teil der Bundeswehr sein, wenn ich doch nur Spitzensportler sein möchte und studieren will?“

Weitere Teile zur Spitzensportreform 2016/2017:

Der DOSB und seine Spitzensportreform: Weniger ist mehr? Link: https://derballluegtnicht.com/2016/12/21/der-dosb-und-seine-spitzensportreform-weniger-ist-mehr/

Teil 7:“ Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“ – Wie unabhängig sollte eine Athletenkommission sein? Frust über das System Sportdeutschland (Teil 7) Link: https://derballluegtnicht.com/2016/12/01/das-geheimnis-der-freiheit-ist-der-mut-wie-unabhaengig-sollte-eine-athletenkommission-sein-frust-ueber-sportdeutschland-teil-7/

Teil 6: Spitzensportförderung – Es könnte so einfach sein – Das Spitzensportgeld – Frust über das System Sportdeutschland (Teil 6) Link: https://derballluegtnicht.com/2016/10/29/spitzensportfoerderung-es-koennte-so-einfach-sein-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-6/

Teil 5 : Thema: Athletenfokussierung.Titel: Lieber Karriereende als weiterhin Spitzensport? – Um die es gehen sollte, geht es nicht! Link: https://derballluegtnicht.com/2016/10/12/lieber-karriereende-als-weiterhin-spitzensport-um-die-es-gehen-sollte-geht-es-nicht-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-5/

Teil 4: Themen: Das Potentialanalysesystem PotAS und die Folgen bzw. Fragen, Link: https://derballluegtnicht.com/2016/10/07/die-potentialanalyse-potas-und-die-folgen-bzw-fragen-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-4/

Teil 3: Themen= die Dokumente zur Leistungssportreform, Die duale Karriere und das Eckpunktepapier des DOSB, Die Aufgabe der Laufbahnberater, Bildung und Spitzensport – Der studentische Spitzensport, Die Profilquote – Die Vor- und Nachteile, Förderung durch die Bundeswehr. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/09/30/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-3-das-eckpunktepapier/

Teil 2: Themen: Vorraussichtliche Fördersummen 2017,Leistungssportreform – Was bis heute bekannt ist, Die duale Karriere und der DOSB/ adh. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/09/25/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-2/

Teil 1: Themen=Ausbeute bei Olympia, die Athleten, das Strategiepapier, Die neuen Cluster 1-3, Kampf hinter den Kulissen. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/08/23/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-1/

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Autor: derballluegtnicht

Writes about the politics of sports. For him sports and politics always mix.

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