Athletenrechte, wo sind sie? – Das March Madness – Turnier als Beispiel der Ausbeutung von Sportlern (Der US-Collegesport Teil 1)

Video (Peter Gilbert, Sports Storytelling program/ Wake Forest, director: Manie Robinson)

Der US-Collegesport ist „in“, die Zuschauerzahlen des March Madness im Basketball steigen weltweit und das Interesse innerhalb der USA scheint nicht abzureißen (siehe z.B. New York Times). Millionen von Menschen füllen jährlich die sogenannten „Brackets“ (Ausfüllen des Turnierbaums) aus, beschäftigen sich schlagartig mit Statistiken und Taktiken, wetten legal bzw. illegal auf Spiele ihrer Alma Mater und besuchen regionale Vorentscheide. Dieses Thema dominiert die Medienlandschaft auf allen Kanälen über die nächsten Wochen; die Sportarten Basketball und Football sind die beiden Zugpferde der NCAA und die Haupteinnahmequelle des nationalen Verbandes. Zusammen mit Baseball und Eishockey (an einigen Universitäten) werden diese Sportarten als „high profile sports“ bezeichnet. Eine Differenzierung zu anderen Sportarten ist wichtig, um das System hinsichtlich seiner Vor- und Nachteile zu analysieren.

Alle anderen Sportarten werden zwar genauso professionell betrieben, sind jedoch „low profile sports“, da sie fast nie finanzielle Gewinne abwerfen. Trotzdem werden in beiden Bereichen interessante Stipendien vergeben.

Immer mehr europäische Nachwuchstalente wie der Berliner Moritz Wagner (University of Michigan) erhalten attraktive Stipendien, um ihre dualen Karrieren nach dem Schulabschluss/ Abitur in den USA fortzusetzen. Europäische Spitzensportler profitieren dabei vom US-Collegesystem sowohl im „high profile sports“ als auch „low profile sports“. Diese Athleten haben oft im akademischen und sportlichen Bereich Erfolg, da sie mit guten akademischen Voraussetzungen an die amerikanischen Hochschulen wechseln. Im internationalen Vergleich garantiert das Abitur einen gewissen Standard, was den meisten studentischen Spitzensportlern zu einem guten Studienstart in den USA verhilft und viele der deutschen Athleten auch nach vier bzw. fünf Jahren ihren Hochschulabschluss erhalten (vgl. Bendrich, 2015).

Für einheimische afro-amerikanische Basketball- und Footballspieler sieht die Realität an den meisten Universitäten jedoch anders aus. Sie werden häufig bereits mit illegalen Mitteln (z.B. teuren Geschenken für die Familie, Parties) an die jeweiligen Universitäten gelockt, dort von der Außenwelt abgeschirmt und als sportliches Aushängeschild der jeweiligen Bildungsinstitution genutzt. Akademischer Erfolg dieser Athleten hat für viele Universitäten keine Priorität. Sportler aus den „high profile sports“ (Basketballer, Footballer) sind zudem oft durch ihre Biographie schlecht auf ein Studium vorbereitet, sodass der akademische Abschluss bereits von Anfang an außer Reichweite erscheint. Auch eine Profikarriere scheint für die Mehrzahl der Athleten unrealistisch – lediglich 1, 1% der Athleten wechselt in die Profiliga (vgl. NCAA, 2017). Eine nicht geringe Anzahl von Universitäten und ihre Athletic Departments missbrauchen die Athleten in den „high profile sports“ für die eigene finanzielle Profitgier. Skandale wie an den Elitehochschulen Penn State und University of North Carolina verdeutlichen, wie skrupellos die Institutionen agieren und zeigen, dass diese Verfehlungen nicht die Ausnahme sind. Ganze Hochschulseminare und Vorlesungen werden erfunden, Credits verschenkt und selbst hochgradig kriminelle Machenschaften (Kindesmissbrauch durch Trainer) wie an der Penn State University werden über Jahre hinweg vertuscht, um den Sport und die Universität nicht zu beschmutzen (vgl. Sports Illustrated, 2011).

So kommt es permanent zu einer ungleichen Verteilung der finanziellen Mittel innerhalb des amerikanischen Collegesystems. Wie beim IOC (und teilweise der FIFA) profitieren besonders Funktionäre und Athletic Directors und im Fall der NCAA zusätzlich die Startrainer von den finanziellen Einkünften. Trainer, oft glorifiziert als Halbgötter des gesamten Campus, in vielen Universitäten auch durch den jeweiligen Universitäts-präsidenten unantastbar, profitieren erheblich von der Vermarktung ihrer Spieler. Schlussendlich sind es oft weiße Funktionäre bzw. Trainer, die ein millionenschweres Jahresgehalt erhalten (vgl. Bendrich, 2013).

Die NCAA hat durch die Vermarktung des March Madness nahezu identische Umsatzzahlen wie das IOC und die Olympischen Spiele. In beiden Fällen können die Athleten nicht direkt von den Sponsoren der Ausrichter profitieren. Im Collegesport müssen nach den Regeln der NCAA alle Athleten „Amateure“ sein und im Hinblick auf die Olympischen Spiele verhindert der Paragraph 40 der Olympischen Charta, dass Athleten Privatsponsoren für einen bestimmten Zeitraum während, vor und nach Olympischen Spielen repräsentieren dürfen. Außer natürlich man heißt Michael Phelps!

Die Athleten erhalten so kein Stück des lukrativen „March Madness-Kuchens“. Parallelen der Systeme sind offensichtlich. Die Verbände missbrauchen die Athleten für ihre eigenen finanziellen Interessen. Nicht der Athlet, die Quelle jeglicher sportlicher Leistung, profitiert von seinen Erfolgen, sondern die Funktionäre dieser Organisationen. Seit den 60er Jahren und den ersten Fernsehverträgen ist das March- Madness- Konzept der NCAA ein hoch lukratives Finanzmodell. Kabelfernsehen und Sportkanäle haben den College Basketball zu einer nationalen, wenn nicht sogar einer internationalen Obsession revolutioniert. Heute kann man weltweit alle Spiele des March Madness live und on demand verfolgen. Dieses mediale Monster ist jährlich ein Milliardengeschäft, an dem die Athleten selbst nichts verdienen.

1991 erhielt die NCAA $28 Millionen Dollar für die Fernsehübertragungen. Wenige Jahre später unterzeichnete die NCAA den ersten großen Vertrag mit dem Fernsehsender CBS, der dem Verband 6 Millliarden Dollar in 11 Jahren garantierte. Damit stieg die NCAA in die Liga des IOCs auf und konnte auf ähnliche finanzielle Möglichkeiten und Umsätze verweisen. Im Jahr 2010 wurde dieser Vertrag abermals aufgebessert, sodass die NCAA zurzeit allein mit den Fernsehrechten bis 2024 11 Milliarden Dollar bzw. 771 Millionen Dollar pro Jahr an Fernsehgelder verdienen wird. Doch auch dieser Deal wurde letztes Jahr bereits auf 8 Jahre verlängert und bringt dem Verband weitere 8,8 Milliarden bis ins Jahr 2032 (vgl. NCAA, 2016). Das March Madness-Event ist ein Milliarden schweres Unternehmen, die Einnahmen stellen dabei 89 % des gesamten Umsatzes des Verbandes dar. Zusätzlich erhält eine Vielzahl von Funktionären in der nagelneuen 50 Millionen Dollar teuren Zentrale in Indianapolis hohe sechs- bis siebenstellige Gehälter, um die „wohl geölte Gelddruckmaschine“ am Laufen zu halten (vgl. Branch, 2011).

Durch diese historisch hohen Fernsehgelder wurden auch die Werbeunterbrechungen für die übertragenden Fernsehsender wie CBS immer wichtiger und lukrativer. Heute beinhaltet jedes Spiel allein 4 Fernseh-Timeouts pro Halbzeit, die allein von den Fernsehregisseuren genommen/ gesteuert werden können. Ein Spiel ist heute auch fremd gesteuert (siehe NCAA, 2016, Media Time-Outs). Neben diesen Media-Timeout gibt es zudem zahlreiche Timeouts durch die jeweiligen Trainer. Ein Spiel wird zunehmend wie die Profiliga zu einem Werbemarathon und für viele Arenabesucher zur Geduldsprobe, da sie während des Spiel häufig auf den nächsten Einwurf warten müssen.

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Die NCAA – Bildungsförderer oder Bildungshürde? Es kommt auf die Sportart und Herkunft an.

Begriffe wie Sklaverei und Ausbeutung sind bezogen auf die Athleten in den „high profile sports“ nicht weit hergeholt. Bis heute trainieren diese Athleten mehrmals täglich und erhalten dafür lediglich Essen, Logie und Reisekosten. In der englischen Sprache heißen solche Arbeitsverhältnissen „Indentured Servitude“. Zusätzlich profitieren die bereits wohlhabenden Trainer von dieser Art des Systems. Die fünf bestbezahltesten Trainer des diesjährigen March Madness-Turniers sind Duke’s Mike Krzyzewski (bis 2016 auch Nationaltrainer des Team USA), John Calipari (Kentucky), Sean Miller (Arizona), Bill Self (Kansas), und Tom Izzo (Michigan State). Sie alle verdienen durchschnittlich rund 5.5 Millionen Dollar (Coach K’s $7.3 Millionen Dollar) und bessern ihre fürstlichen Gehälter zusätzlich mit privaten Sponsoren auf. Ähnlich hohe Trainergehälter sind auch im American Football vorzufinden (z.B. Jim Harbaugh mit 9 Millionen $ Jahresgehalt).

In den siebziger und achtziger Jahren beliefen sich die Jahresgehälter der Basketballtrainer in der Division I noch auf Beträge im mittleren fünfstelligen Bereich, eine durchaus vertretbare Größenordnung (vgl. LA Times, 2013). Heute muss sich jeder Universitätsprofessor fragen, ob er von seiner jeweiligen Bildungsinstitution noch ernst genommen wird, wenn der Trainer des eigenen Basketballteams ein Vielfaches mehr verdient. Damit wird auch deutlich, wie sehr sich der Sport in den Universitäten von den Bildungseinrichtungen entfernt hat und wie umfangreich die Trainer von den hohen Einnahmen, neben den vielen Funktionären, seit den 80er Jahren profitiert haben.

Die einzige Gruppe innerhalb des Systems, für die sich wenig verändert, für die sich möglicherweise die Situation sogar verschlechtert hat, sind die Athleten. Sie können von den hohen Einnahmen nicht profitieren und müssen heute im Vergleich zu Spielern in den 70er oder 80er Jahren noch weiter reisen, noch mehr Spiele absolvieren, noch mehr PR- Termine wahrnehmen, haben zudem ein höheres Verletzungsrisiko (oft ohne eine Krankenversicherung) und verpassen noch mehr Vorlesungen in ihren Universitäten. Ein Abschluss wird so im Basketball und Football nahezu unmöglich. Diese Sportler werden heute mehr den je durch das System ausgenutzt und missbraucht. Bereits 2014 stellte die Basketballlegende und der Bürgerrechtler Kareem Abdul Jabbar in einem Artikel für das Jacobin Magazin fest: „Life for student-athletes is no longer the quaint Americana fantasy of the homecoming bonfire and a celebration at the malt shop. It’s big business in which everyone is making money — everyone except the eighteen to twenty-one-year-old kids who every game risk permanent career-ending injuries…. in the name of fairness, we must bring an end to the indentured servitude of college athletes and start paying them what they are worth.”(Abdul -Jabbar, 2014).

Die „high-profile sports“ Athleten profitieren zu wenig von den Einnahmen, obwohl sie wie die Olympiateilnehmer der Ausgangpunkt jeglicher Leistung sind. Zudem ist es erschreckend, dass weltweit anerkannte und renommierte Bildungsinstitutionen diesen Weg mitgehen und Mitglieder ihrer Bildungsinstitutionen auf diese Art und Weise ausbeuten.

Athleten beginnen, sich besser zu organisieren, sind auf dem Weg Gewerkschaften zu gründen und ziehen vor Gericht. Das sind erste Schritte, die Situation zu verändern. Das System wird sich zu Gunsten der Athleten nicht freiwillig reformieren.

Weitere Artikel zu den Athletenrechten, der Spitzensportreform 2017 in Deutschland, zum studentischen Spitzensport und Doping in der NBA auf http://www.derballluegtnicht.com.

Über 250 Seiten zum US-Collegesport gibt es bei amazon zum Lesen (+Spitzensport in Deutschland):

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Photos: https://www.flickr.com/photos/chadcooperphotos/13371774995/ https://www.flickr.com/photos/west_point/

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Autor: derballluegtnicht

Writes about the politics of sports. For him sports and politics always mix.

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