Die NCAA in der Identitätskrise – Zwischen Skandalen, Sklaverei und Kommerz

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Moritz Wagner im Interview

Immer mehr europäische Nachwuchstalente wie der Berliner Moritz Wagner (der heute Nacht mit seiner Mannschaft (University of Michigan) um den Einzug ins Finale des Final Fours kämpft), erhalten attraktive Stipendien, um ihre dualen Karrieren nach dem Schulabschluss/ Abitur in den USA fortzusetzen. Europäische Spitzensportler profitieren dabei vom US-Collegesystem sowohl im „high profile sports“ als auch „low profile sports“. Einheimische Athleten hingegen haben besonders in den „high profile sports“ oft mit erheblichen Problemen zu kämpfen (siehe Teil 1- Das March Madness-Turnier als Beispiel der Ausbeutung von Sportlern) .

Die Probleme des studentischen Spitzensports in den USA führen den amerikanischen Collegesport in eine handfeste Identitätskrise, die sich in den nächsten Jahren durch weitere Auseinandersetzungen und Gerichtsverfahren über die finanzielle Entschädigung studentischer Spitzensportler in den Hauptsportarten noch intensivieren wird. Im extremsten Fall kann es zur Zerschlagung des Verbandes NCAA führen, des „angeblichen“ Wächters moralischer Werte.

Hinsichtlich der Analyse des amerikanischen Collegesystems ist die internationale und amerikanische Sportwissenschaft partikular zu kritisieren, da sie oft die beiden Hauptsportarten Football und Basketball als Spiegelbild des Gesamtsystems ansieht und den Collegesport schlussendlich insgesamt als korrupt beschreibt, ohne eine ausführliche Strukturanalyse der einzelnen Sportarten durchzuführen. In der Realität sind deutliche Unterschiede in den einzelnen Sportarten und auch hinsichtlich des Geschlechts der Sportler zu erkennen.

Die starke Kommerzialisierung und das Profitdenken in den Sportarten Basketball und Football haben die Akteure dieser Sportarten stark infiltriert, der Sport wird zu einer profisportähnlichen Tätigkeit. Finanzielle Aspekte bestimmen den Alltag und Probleme wie Korruption, Missbrauch von Athleten, Wettmanipulation (z.B. Manipulationen von Spielausgängen) und falsch gesetzte Prioritäten sind Teil des Gesamtgeschehens.[1]

Die Sportler verlieren in den Sportarten, in denen eine professionelle Karriere möglich ist (Football, Basketball, ggf. Eishockey und Baseball) durch die Strukturen des Systems oft das Ziel des akademischen Abschlusses aus den Augen. Savage et al. stellten bereits vor über 80 Jahren im Bericht der Carnegie Foundation fest:

„(College football, B.B.) is not a student’s game as it once was. It is highly organized commercial enterprise. The athletes who take part in it have come up through years of training; they are commanded by professional coaches; little if any initiative of ordinary play is left to the player. The great matches are highly profitable enterprises “ (Savage et al., 1929, ix).

Die Aussage wirkt aktueller denn je. Die kommerziellen Sportarten finanzieren das System größtenteils, sodass die Athletic Departments von diesen Sportarten abhängig sind. In vielen Universitäten führen Football und Basketball ein Eigenleben. Skandale wie an der Oklahoma State University (vgl. Dohrmann/ Evans, 2013), der University of Miami (vgl. Robinson, 2011), der Penn State University (vgl. Vecsey, 2011), der Ohio State University (vgl. Bishop, 2011) oder der Florida State University (vgl. Zinser, 2009) lassen jegliche Moral vermissen, bringen das Image des Collegeamateursports in Verruf und können es gar zerstören.

Der Collegesport in den Hauptsportarten hat sich zu einem Konsumgut und Medium der Massenunterhaltung entwickelt. Seine Popularität gibt den amerikanischen Universitäten die Möglichkeit, über sportliche Hochleistungen dauerhaft in einer breiten Öffentlichkeit zu stehen und so das Gesamtbild als permanente Marketing- und Werbemaschine zu nutzen. Durch die Kommerzialisierung des Footballs und Basketballs hat der finanzielle Bereich an einigen großen Universitäten Dimensionen angenommen, die mit Einnahmen und Ausgaben im professionellen Leistungssport vergleichbar sind.

Trotz der Tatsache, dass Athletic Departments einem wirtschaftlichen Geschäftsmodell folgen, gelingt es den meisten nicht, wirtschaftlich seriös zu arbeiten. Sie bleiben von finanziellen Hilfeleistungen seitens der Universitäten abhängig, da sie zwar oft hohe Umsätze generieren, jedoch häufig keinen Gewinn erzielen. Diese Tatsache beißt sich mit den Prinzipien einer traditionellen Universität, doch global gesehen, passen sich die Universitäten immer mehr der freien Marktwirtschaft an, ein internationaler Konkurrenzkampf im Bildungssektor entsteht. Vielen US-Universitäten gelingt es nicht über die traditionellen Funktionen wie die der Lehre (hochqualifiziertes akademisches Personal), Forschung oder durch gute Freizeitmöglichkeiten, Studenten an den jeweiligen Standort zu locken. Deshalb haben sie den studentischen Spitzensport als einen wichtigen Marketing- und Entertainmentfaktor erkannt.

Durch den hohen permanenten öffentlichen Druck und Kampf um Aufmerksamkeit entscheiden Universitäten mit großen Athletic Departments oft zunächst über Fernsehverträge, bevor sie sich den akademischen Verträgen ihres Lehrpersonals zuwenden. Es kommt zu einer falsch akzentuierten Prioritätensetzung, die indirekt zu Mittelkürzungen in den Bereichen der Wissenschaft und Lehre führt, sodass sich z.B. Professoren und Dozenten als nicht wertgeschätzt empfinden.

Die wirtschaftliche und gewinnbringende Ausrichtung der NCAA und das Abschließen von Millionenverträgen in den Athletic Departments widersprechen der Behauptung, dass es sich beim studentischen Spitzensport ausschließlich um Amateursport handelt. Die finanziellen Gewinne der NCAA, die Umsätze der Athletic Departments[2] und die Gehälter der Trainer und Angestellten sind weitere Indizien.

Problematik der Trainerinstitution

Der Stellenwert und die Bezahlung der Trainer und Angestellten der Athletic Departments sind im amerikanischen Hochschulsystem in neue Sphären vorgedrungen. Eine sehr hohe wirtschaftliche Wertschätzung führt zu einer Entwicklung der Überbewertung hauptsächlich in den Hauptsportarten. Die Erkenntnisse verdeutlichen auch, den hohen Einfluss der Trainer auf die akademische Motivation und den Erfolg der Athleten.

Im aktuellen amerikanischen System sind im Gegensatz zum deutschen Spitzensport die Trainer die wirtschaftlichen Gewinner und bekleiden eine außergewöhnlich machtvolle Position. Oft handeln alt eingesessene Trainer wie Patriarchen, da sie durch die jeweilige Hochschulkultur hochgeschätzt und als moralische Instanzen angesehen werden. Der Heldenstatus führt dazu, dass selbst Universitätspräsidenten sich scheuen, in einen Konflikt mit prominenten Trainern zu geraten. Aktuelle Skandale verdeutlichen ein Machtvakuum durch die Autonomie der Trainer, da sie mehr als lediglich Trainingsleiter sind und zu inoffiziellen Direktoren der gesamten Universität aufsteigen. Die millionenschweren Gehälter der Trainer sind ein weiterer Hinweis für die starke Kommerzialisierung des amerikanischen studentischen Spitzensports. Gleichzeitig verdeutlicht diese Tatsache, dass in diesem Zusammenhang der Vergleich zur Plantagenarbeit bis zu einem gewissen Punkt greift, da die spitzensportlichen Leistungen der studentischen Spitzensportler in den großen Sportarten zu finanziellen Werbe- und Gehaltseinnahmen durch ihre sportlichen Vorgesetzten (die Trainer und Leiter der Athletic Departments) ausgenutzt werden. Der sportliche Sieg entwickelt sich zum singulären Ziel, um den eigenen lukrativen Arbeitsplatz als Trainer zu sichern. Durch die starke Kommerzialisierung ist im amerikanischen System auch das Gehaltsgefüge zwischen den Trainern auf der einen Seite und den Professoren  an der Universität auf der anderen Seite völlig aus den Fugen geraten. Die zu hohen Gehälter der Trainer und Athletic Directors schlagen einen tiefen Keil in die Beziehungen der nahezu unabhängigen Athletic Departments und ihren Universitäten. Teil 2 erfolgt am Montag.

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Auszug aus der Veröffentlichung:

Teil 2 folgt am Montag zum Finale!

 

[1]    Dies bedeutet nicht, dass diese negativen Entwicklungen in den Randsportarten nicht vorkommen. Jedoch kann davon ausgegangen werden, dass das Ausmaß dieser Verfehlungen deutlich geringer ausfällt.

[2]    Der Autor nutzt hinsichtlich der Athletic Departments bewusst den Begriff des Umsatzes, da viele der Departments zwar Millionen von Dollar über Sponsoren- und TV-Gelder generieren, jedoch in den meisten Fällen keine Gewinne abwerfen, sondern von ihren jeweiligen Universitäten durch einen Betrag subventioniert werden müssen. Lediglich 23 Hochschulen in der Division I tragen sich selbst und werfen einen Gewinn ab (vgl. USA Today/ Indiana University’s National Sports Journalism Center, 2013, siehe Kap. 4.2.4.1).

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Autor: derballluegtnicht

Writes about the politics of sports. For him sports and politics always mix.

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