Spitzensportförderung – Es könnte so einfach sein – Das Spitzensportgeld – Frust über das System Sportdeutschland (Teil 6)

Berlin Stadium
Leichtathletikevent im Berliner Olympiastadium (Foto @akiwitz /flickr)

Der DOSB und das BMI präsentieren in ihrem neuen Entwurf wenig neue Impulse. Die Förderung der Athleten soll weiterhin über die Verbände und verschiedenen Institutionen laufen (siehe Lieber Karriereende als Spitzensport (Der Ball  Lügt Nicht)) und erinnert in vielen Bereichen an die Sportförderung der DDR. Nicht der Athlet steht im Fokus, sondern die Medaille, und damit der Erfolg um jeden Preis. Wie in der Vergangenheit in den alten Förderprogrammen besteht die Gefahr, dass ein Großteil der finanziellen Mittel nicht bei den Athleten direkt ankommt. Einer echten Reform bedarf es neuer Wege, die den Finanzfluss transparent und die Athleten unabhängiger machen. Auch Spitzensportler sind unterschiedliche Lerntypen und Persönlichkeiten. Um den Einfluss der Athleten zu stärken, wäre die jetzt scheinbar angestrebte Unabhängigkeit der Athletenkommission vom DOSB mehr als sinnvoll (siehe Unabhängigkeit sieht anders aus (Deutschlandfunk)). Sie ist für zukünftige sinnvolle Förderungen von Athleten und einem transparenten Sport sogar ein Muss. Ohne diese Unabhängigkeit bleiben die Athleten weiterhin in den verstaubten Strukturen der Funktionäre/ Verbände gefangen. In den vergangenen Jahren war die Partizipation der Athleten stark limitiert.

Der folgende Vorschlag plädiert nicht für eine einzige Fördermaßnahme und will nicht alle aktuellen Strukturen kritisieren, sondern will vielmehr für unterschiedliche Fördermöglichkeiten werben, da nicht für alle Athleten die gleichen Voraussetzungen bestehen. Es muss auf die Vielfalt der Athleten Rücksicht genommen werden.

Eine Möglichkeit wäre in diesem Zusammenhang revolutionär und würde den Athleten nicht nur in den Fokus katapultieren, sondern seinen Einfluss als wichtigen Bestandteil des Spitzensports manifestieren und den Sportler gleichzeitig in die Verantwortung rücken.

„Die Variante des Spitzensportgeldes, die durch Langer (2006a/ b) für den Breitensport als „Sportgeld“ vorgeschlagen wurde, ist eine ernstzunehmende Alternative zur jetzigen objektorientierten Regelung. Die folgende Konzeption basiert auf Langers Überlegungen zum Sportgeld“ (Bendrich, 2015, 439). Das Spitzensportgeld ist eine direkte finanzielle Förderung ohne Zwischenstationen. Die Athleten erhalten die finanzielle Förderung direkt und müssen dann selbstständig über die Verwendung entscheiden; welche Personen und Institutionen sie damit finanzieren möchten. „Ein Spitzensportgeld ist personenbezogen, rückt die Spitzensportler ins Zentrum und fällt aufgrund der hohen Belastungen und Aufwendungen im Spitzensport höher aus als im Breitensport (vgl. Langer, 2006b, 59). Auch „(…) bei einer solchen Variante müssen Zwischenziele gesetzt werden, die zu einer höheren Wahrscheinlichkeit des Erreichens des Hauptziels, dem Erfolg in der dualen Karriere, beitragen. Eine Zweckbindung schließt eine generelle Wahlfreiheit des Athleten nicht aus.“ Somit „sollte bei einer vollständigen subjektorientierten Förderung ein Teil der Fördersumme in die vom Sportler selbst gewählte Ausbildung und der andere Teil in seine spitzensportliche Förderung fließen“ (Bendrich, 2015, 469). Die Förderung zielt auf die duale Karriere und nicht auf eine singuläre Karriere ab. Dem Athleten bleibt es überlassen, welche Ausbildung/ Beruf er ausüben möchte und parallel erhält er im Leistungssport die Entscheidungsfreiheit über Trainer, Trainingsort und Wahl der Wettkämpfe.

„Können sich die Athleten direkt für ein Spitzensportgeld bewerben und gehen die finanziellen Mittel unmittelbar an die Sportler, ist das Problem der objektorientierten Förderung, dass Zuweisungen nicht beim Einzelnen landen, nicht mehr im gleichen Maße gegeben“ (Bendrich, 2015, 469-470). In einem Interview mit dem Focus kritisierte Fabian Hambüchen „Die Verbände raffen lieber selber alles zusammen, was sie kriegen können, und geben uns Peanuts.(..) Ohne uns Spitzensportler aber würden die Verbände kein Sponsorengeld verdienen, also müssen die Sportler entsprechend vergütet werden“, forderte der 28-Jährige (siehe Focus (Kurzfassung), 2016).

Die Kritikpunkte durch Fabian Hambüchen würden durch eine solche Förderung wegfallen. „Eine direktere (…) Förderung der Nachwuchstalente wird geschaffen, bei der der Staat durch sein Eingreifen verteilungspolitisch aktiv wird (vgl. Eickhoff, 1993). Für spitzensportliche Leistungen sind Bedingungen wie Sportstätten, Sportausrüstungen, Trainer und Betreuer und ein Zeitbudget Voraussetzungen (vgl. Langer, 2006b, 62). Die Förderung der dualen Karriere erfordert wesentlich mehr. Wird das Spitzensportgeld parallel an ein Studium oder eine Berufsausbildung geknüpft, übernimmt der Staat seine Obhutspflicht und verdeutlicht die Absicht und Verantwortung, den Sportler als „Zweck“ der Sportförderung zu sehen“ (Bendrich, 2015, 470). Dies wäre eine moderne und transparente Sportförderung in einer weltoffenen und demokratischen Gesellschaft.

„Eine gezieltere Förderung scheint nur subjektorientiert möglich. Die Zahlungen werden unmittelbar an Sportler getätigt, unabhängig von der gewählten Ausbildung. Die Entscheidungs- und Handlungsfreiheit wird gefördert und der „mündige Athlet“ kann sich entwickeln. Auch hier sind Zielvereinbarungen zu definieren, die eine Kombination von sportlichen und bildungstechnischen Aspekten verlangen, jedoch wird der Sportler von diskriminierenden, nicht nachvollziehbaren verbandspolitischen Entscheidungen verschont. Auf diesem Weg gelingt es dem Staat, den einzelnen Athleten zu motivieren und finanzielle Einbußen auf dem Weg zum Spitzensportler zu unterbinden. Die Zielgenauigkeit kann gesteigert werden und der Fixpunkt des Systems wird der Spitzensportler selbst (Bendrich, 2015, 470).

„Das Spitzensportgeld für die duale Karriere wird zweckgebunden direkt an die Spitzensportler ausgezahlt. Die spitzensportlichen Aktivitäten garantieren dem Sportler staatliche, anteilige Erstattungen. Der Sportler selbst entscheidet, welchem System, das heißt welchem Verein und welcher Hochschule (als Ausbildungsbeispiel) oder Institution (z.B. Bundeswehr, Polizei) er sich anschließen möchte. Das Verbandssystem als Anbieter muss sich den Anforderungen der Athleten anpassen, der „Kunde“ Spitzensportler wird zum „König“ (vgl. Langer, 2006b, 68-69). Hinsichtlich des Umfangs des Spitzensportgeldes sollen Alter, Bildung, soziales Umfeld und Einkommen als limitierende Faktoren mit einbezogen werden. Um einen höheren Konkurrenzdruck zu schaffen und Kosten zu senken, sollten diese finanziellen Mittel auch an private und nicht verbandszugehörige Sportanbieter weitergeleitet werden dürfen. Der Spitzensportler entwickelt in dieser Situation ein Eigeninteresse, die finanziellen Mittel möglichst effektiv für verschiedene Dienstleistungen einzusetzen. Die Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs wird minimiert.

„Für die Erstattung des Spitzensportgeldes müssen entweder administrative Strukturen und eine Spezialkompetenz geschaffen werden oder die Deutsche Sporthilfe könnte als bereits bestehende Institution eine solche Distribution übernehmen. Es erscheint sinnvoll, Obergrenzen für die unterschiedlichen Dienstleistungen (z.B. physiotherapeutische Betreuung) festzulegen, um so auch die Verbände bzw. Dienstleister zu einem Konkurrenzdenken zu zwingen. Auch in Zukunft ist eine Selbstbeteiligung seitens der Spitzensportler in diesem Modell wahrscheinlich. Hinsichtlich des Verwaltungsaufwands eines solchen Spitzensportgeldes können keine gesicherten empirischen Ergebnisse präsentiert werden.

Denkbar ist, das Spitzensportgeld in Kombination mit reduzierten objektsubventionierten Projekten innerhalb der Universitäten, Bundeswehr, Polizei, Zoll zu etablieren. Objektorientierte Programme sollten sich nach der Anzahl der Anfragen der Athleten richten und damit selbst begrenzen (Bendrich, 2015,470).

Hier finden sie die Links zu den ersten fünf Teilen der Serie „Frust über das System Sportdeutschland“.

Teil 5: Thema: Athletenfokussierung.Titel: Lieber Karriereende als weiterhin Spitzensport? – Um die es gehen sollte, geht es nicht! Link: https://derballluegtnicht.com/2016/10/12/lieber-karriereende-als-weiterhin-spitzensport-um-die-es-gehen-sollte-geht-es-nicht-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-5/

Teil 4: Themen: Das Potentialanalysesystem PotAS und die Folgen bzw. Fragen, Link: https://derballluegtnicht.com/2016/10/07/die-potentialanalyse-potas-und-die-folgen-bzw-fragen-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-4/

Teil 3: Themen= die Dokumente zur Leistungssportreform, Die duale Karriere und das Eckpunktepapier des DOSB, Die Aufgabe der Laufbahnberater, Bildung und Spitzensport – Der studentische Spitzensport, Die Profilquote – Die Vor- und Nachteile, Förderung durch die Bundeswehr. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/09/30/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-3-das-eckpunktepapier/

Teil 2: Themen: Vorraussichtliche Fördersummen 2017,Leistungssportreform – Was bis heute bekannt ist, Die duale Karriere und der DOSB/ adh. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/09/25/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-2/

Teil 1: Themen=Ausbeute bei Olympia, die Athleten, das Strategiepapier, Die neuen Cluster 1-3, Kampf hinter den Kulissen. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/08/23/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-1/

Literatur:

Langer, M. (2006a): Öffentliche Förderung des Sports: Eine ordnungspolitische Analyse. Berlin: Duncker & Humblot.
Langer, M. (2006b): Das Sportgeld: Instrument einer subjektorientierten Sportförderung. In: Thöni, E., Buch, M.-P., Kornexl, E. (Hrsg.) (2006): Effektivität und Effizienz öffentlicher Sportförderung. Schorndorf: Hofmann, 59-76.

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Autor: derballluegtnicht

Writes about the politics of sports. For him sports and politics always mix.

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