Taschenspielertricks an der Elbe? Das Argument, das keines ist –wie Hamburg seine Bürger*innen mit Wissenschaft von Olympia überzeugen will 

In den vergangenen Wochen und Monaten haben die deutschen Bewerberstädte umfangreiche Werbekampagnen betrieben. Insbesondere in den sozialen Medien war die Präsenz durch intelligentes Marketing bemerkenswert. In München entschied sich die Stadt, im Rahmen ihrer eigenen Agenda-Settings im Vorfeld der Volksabstimmung Informationsbroschüren zu verteilen, die ausschließlich die Argumente für die Ausrichtung der Olympischen Spiele enthielten. Der Vorwurf der Manipulation wurde erhoben, wobei Kritiker von Desinformation gegenüber der Bevölkerung sprachen.  

Parallel dazu prognostizieren die Befürworter der Bewerbung Hamburg bereits Einnahmen im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich für die Hansestadt. In Hamburg wird der Sport mit Nachdruck als Wirtschaftsmotor präsentiert, wobei die Gründe für die Waghalsigkeit dieser Prognose im Folgenden erläutert werden. Berlin postuliert, die einzige Stadt mit internationaler Strahlkraft zu sein, an der kein Weg vorbeiführt. Die Tatsache, dass die städtischen Finanzen angespannt sind und Baustellen der Hauptstadt sich in Bereichen wie z. B. in der hohen Kinder- und Altersarmut, die über dem Bundesdurchschnitt liegt, befinden, wird nicht erwähnt.  Köln-Rhein-Ruhr bezeichnet das eigene Konzept als das nachhaltigste, aufgrund der zahlreichen vorhandenen Spielstätten in den Metropolregionen. 

Als Sportwissenschaftler und Anhänger des Sports befürworte ich ein Land, das reich an Bewegung und sportlichen Möglichkeiten ist. Eine psychisch gesunde und stabile Bevölkerung, unabhängig vom Alter, benötigt ein breites Spektrum an Bewegungsangeboten. Es ist unbestreitbar, dass jede Form des Sports, von Gesundheitssport über traditionellen Breitensport hin zum Leistungssport, in einer funktionierenden Gesellschaft eine Bedeutung hat.  Als Sportsoziologe bin ich entsetzt über die einseitige Darstellung der Auswirkungen von Olympischen Spielen, insbesondere angesichts der zunehmenden Evidenz für die umfangreichen negativen Konsequenzen dieses Großereignisses, die in den Bewerberstädten unzureichend oder gar nicht diskutiert werden. In sämtlichen Städten/Regionen wird von den kommunalen Behörden eine positive Grundhaltung gegenüber den Olympischen Spielen gefördert. Es vergeht kein Tag, an dem sich Einzelpersonen, Vereine oder Institutionen nicht für die Olympischen Spiele aussprechen und die Städte für die Ausrichtung werben. Dieses Fürsprechen stellt im Grunde kein Problem dar, sofern Städte und Organisatoren gleichzeitig auch die negativen Auswirkungen der Bewerbung und Ausrichtung der Spiele diskutieren und eine offene, transparente Debatte rund um die Spiele ermöglichen würden. 

Selbst im Fall einer umfangreichen und transparenten Aufklärung der Bevölkerung wäre es machbar, die Bevölkerung über die emotionale Ebene für die Ausrichtung zu begeistern. Diese wichtige, ausgewogene Aufklärung erfolgt jedoch nicht; stattdessen werden in allen Ausrichterstädten hohe Umsätze und sogar ökonomische Gewinne vorhergesagt. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den negativen Aspekten fehlt. Alle beteiligten Institutionen und Personen haben ein Interesse an der Ausrichtung der Spiele. Politiker*innen streben danach, diejenigen zu sein, die sich öffentlichkeitswirksam für den Leistungssport engagieren und die Spiele in die Stadt gebracht haben. Sportverbände erhoffen sich eine verstärkte Unterstützung durch Bund und Land, während Sportfunktionäre auf einen weiteren Ausbau der Sportstrukturen und eine zusätzliche Professionalisierung im Breitensport sowie auf höhere Positionen im organisierten Sport hoffen. Sogar Tageszeitungen geraten in einen journalistischen Konflikt, da sie sich bei einer Bewerbung und Ausrichtung über umfangreiche Berichterstattung bereits Jahre vor den Spielen und während der Wettkämpfe freuen. Häufig gehen Zeitungen in den Gastgeberländern sogar offizielle Partnerschaften mit dem Internationalen Olympischen Komitee ein oder werden selbst Sponsoren, was absurd erscheint, aber beispielsweise in Tokio geschehen ist. Selbst Sportwissenschaftler können sich nicht vollständig abkoppeln, auch sie können auf eine Erhöhung der Drittmittel für Studien im Bereich des Leistungssports hoffen. Wer beabsichtigt, sich in einem solchen Gefüge noch gegen die Spiele auszusprechen? Das Ergebnis ist eine hegemoniale Interpretationsdominanz, die mit dazu beiträgt, dass Kritik an dem Projekt als illegitim betrachtet wird. 

Die Städte vermarkten die Olympischen Spiele als willkommenes Infrastrukturprogramm. Es ist alarmierend, wie viele Millionen Euro die Bewerberstädte und Regionen für den internen deutschen Wettbewerb aus Steuergeldern bereits investiert haben, insbesondere angesichts der häufig angespannten finanziellen Situation der Bewerberstädte und der Kürzungen der Fördermittel im Breitensport (siehe Berlin).  Nebelkerzen von mehr Wohnungen und neuem Nahverkehr werden kontinuierlich entzündet. Die lokale Wirtschaft wird durch das Versprechen von gesteigerten Umsätzen und verbesserter Infrastruktur angelockt. Es wird übersehen, dass in den vergangenen Jahrzehnten speziell multinationale Großkonzerne von den Olympischen Ringen profitiert haben, während der Mittelstand eher unter erhöhten Immobilienpreisen und Mieten gelitten hat.  

Nun richten wir unsere Aufmerksamkeit explizit nach Hamburg. Es wird der Bevölkerung und der Wirtschaft ein erheblicher Anstieg der Einnahmen im hohen Millionenbereich in Aussicht gestellt. Die Versprechen, die in zahlreichen Aussagen auf die HWWI-Studie (Hamburgisches WeltWirtschaftsInstituts) verweisen, werfen jedoch mehrere grundlegende Fragen auf, die auch die anderen Bewerberstädte indirekt betreffen. Ein direkter Vergleich, wie er in der Hamburger Wirtschaftsstudie durchgeführt wurde, zwischen dem regulären Sportbetrieb mit seinen Sportveranstaltungen in einer Stadt und der Ausrichtung der Olympischen Spiele ist mehr als fragwürdig. Die unbestreitbare Stärke der Sportwirtschaft im Bundesland Hamburg (z. B. jeder Arbeitsplatz im Hamburger Sport sichert 2,3 Arbeitsplätze, siehe S.8 in der HWWI-Studie) impliziert nicht zwangsläufig, dass Hamburg in der Lage wäre, die Olympischen Spiele erfolgreich auszurichten, und dieses Großereignis automatisch zu weiterem wirtschaftlichen Wachstum führen würde. Ein Vergleich wäre eher wie der Versuch, den Erfolg eines lokalen Wochenmarkts in einem Stadtteil Hamburgs mit der Eröffnung eines neuen Großfestivals (wie dem Lollapalooza) zu vergleichen. Beide Bereiche sind mit der „Wirtschaft“ verbunden, jedoch unterscheiden sich die Skalen, Akteure, Zeiträume und finanziellen Risiken grundlegend. Eine gründliche Untersuchung sollte die jeweiligen spezifischen Auswirkungen berücksichtigen. Der Hamburger Sportbetrieb, der sowohl im Breiten- als auch im Profisport über gute Strukturen verfügt, weist einen Sportkalender auf, der über das gesamte Jahr verteilt mit einigen Höhen und Tiefen durchzogen ist. Eine solche Struktur stellt eine gänzlich andere Situation dar als die bei Olympischen Spielen, bei denen die Wettkämpfe konzentriert in einem sehr kurzen Zeitraum stattfinden. Die Olympischen Spiele sind sowohl zeitlich als auch räumlich stark konzentriert. Die ökonomischen Auswirkungen des Spielbetriebs in Hamburg zeichnen sich im Vergleich zu den Olympischen Spielen durch wiederkehrende, kleinere Einnahmen aus, die teilweise auch auf einzelne Stadtteile wie St. Pauli beschränkt sind. Die Olympischen Spiele hingegen erfordern erhebliche einmalige Investitionen, deren nachhaltige Wirkung anzuzweifeln ist. Der lokale Sport zielt auf Anhänger*innen, Bewohner*innen und Sponsoren mit lokaler Verbindung ab. Bei den Olympischen Spielen profitieren insbesondere das IOC durch erhebliche Steuervergünstigungen und internationale Großkonzerne. Lokale Sponsoren verfügen weder über die finanziellen Ressourcen, um sich an den Olympischen Spielen zu beteiligen, noch um von diesen zu profitieren. 

Die allgemeinen Aussagen der HWWI-Studie bezüglich des Wirtschaftsfaktors Sport sind unbestreitbar und in der Studie nachvollziehbar belegt. In Bezug auf die sehr wenigen Erwähnungen im Kontext der Olympischen Spielen, wird hier das Phänomen des sogenannten „Cherry Picking“ genutzt. Die Untersuchung zitiert ausschließlich positive Beispiele von Olympischen Spielen wie Atlanta (Arbeitsplätze, siehe Feddersen, Maennig, 2023 auf S. 75 in der Fußnote 7 der HWWi-Studie) und Salt Lake City (Profit für die Sport- und Freizeitindustrie, siehe Baumann, Engelhardt, Matheson, 2012, gleiche Fußnote), während die (zahlreichen) negativen Beispiele unerwähnt bleiben. Insbesondere die letzten drei Jahrzehnte waren von erheblichen Budgetüberschreitungen und gravierenden sozialen Konsequenzen in den Gastgeberstädten geprägt. Ein Beispiel hierfür ist die Fußnote, in der darauf hingewiesen wird, dass die Spiele nicht zu der gewünschten Steigerung der Touristenzahlen führen. Dieser Aspekt wird jedoch in den Schlussfolgerungen der Studie nicht weiter thematisiert. Da die Untersuchung ausschließlich auf den Hamburger Sport fokussiert ist, werden die negativen Konsequenzen des Großereignisses, wie Gentrifizierung, soziale Verteilungseffekte (Kostenübernahme durch die Gastgeberstadt), Umweltkosten, steigende Mietpreise, Militarisierung und Greenwashing, nicht berücksichtigt. 

Ein weiterer Mythos besteht darin, dass die Olympischen Spiele die Bevölkerung zu vermehrter körperlicher Aktivität anregen. Dies wurde bereits mehrfach widerlegt, insbesondere eindrucksvoll bei den Olympischen Spielen in London 2012. Dieses Ziel wird effektiver durch regelmäßige sportliche Aktivitäten in den Vereinen erreicht, die Integration, Gesundheit und Jugendförderung fördern.  

Die Studie betont die positiven Beispiele von Sportveranstaltungen in der Stadt Hamburg (HYROX, Triathlon, Tennismeisterschaften, die beiden Fußballbundesligisten HSV und St. Pauli usw., S.76-106). Dies führt auch zu einer fehlenden Diskussion über potenzielle alternative Einsatzmöglichkeiten der veranschlagten 8–10 Milliarden Euro. Die Opportunitätskosten könnten einen bedeutenden Wandel für die Stadt darstellen. Liegt bei den zuständigen Personen eine Ignoranz gegenüber den negativen Externalitäten vor? Das Problem besteht darin, dass die Studie und die präsentierten Daten aus einem kleinen lokalen System auf ein wesentlich größeres, anders organisiertes System übertragen werden, ohne zu berücksichtigen, dass diese Größenunterschiede ab einem bestimmten Punkt erhebliche qualitative Veränderungen hervorrufen und nicht nur quantitative (Maßstabsirrtum). Ein angesehenes Triathlon-Ereignis mit 300 000 Zuschauern, dessen Kosten sich auf mehrere Millionen Euro belaufen, lässt sich schwer mit dem global größten Megasportevent der Welt vergleichen (S.76-81). Die Budgets und Auswirkungen der Ausrichtung sind so unterschiedlich, dass ein solcher Vergleich, der übrigens auch immer wieder in München mit den European Championships angestellt wird, unangebracht ist. Zwei Studien der Universität Oxford belegen, dass die Budgets der Olympischen Spiele seit den 1960er Jahren durchschnittlich um 176 % überschritten wurden (siehe Flyvberg, 2016, 2021). 

Es ist daher befremdlich, dass viele beteiligte Personen behaupten, die Situation bezüglich der Olympischen Spiele habe sich seit der Volksabstimmung im Jahr 2015 erheblich verändert, das IOC habe Reformen initiiert, die nun Wirkung zeigen würden, und daher sei eine Bewerbung nun sinnvoll. Dies lässt sich anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht im Geringsten belegen. Ferner adressiert die HWWi-Studie keinen der Aspekte, die für die Bevölkerung 2015 wichtig waren und auch gegenwärtig beschäftigen, was jedoch nicht das primäre Ziel der Studie war. Es fehlt eine Analyse der Kosten der Spiele, der Verdrängung, des Gigantismus oder der Militarisierung der Spiele. Die Begründung der neuen Wirtschaftsstudie ignoriert so den demokratisch geäußerten Willen der Bürger*innen. 

Die viel zitierte Studie, von der Handelskammer Hamburg finanziert, soll den ökonomischen Aspekt des organisierten Sports, Hamburg als Wirtschaftsstandort und die positiven Auswirkungen auf die Wirtschaft illustrieren. Die Forschung wird von einer Einrichtung finanziert, die ein Interesse an den Resultaten hat. Es resultiert folglich ein geschlossener Kreislauf: Die Handelskammer initiiert die Studie, die politischen Akteure verwenden diese zur Begründung ihrer Bewerbung, was den großen Mitgliedern (Großunternehmen) der Handelskammer zugutekommt. 

Folglich stellt der in der Studie hergestellte Vergleich keineswegs einen Indikator für potenziellen Erfolg dar, sondern wird von den Befürworter*innen der Spiele als eine öffentlichkeitswirksame Ablenkung missbraucht. Diese interpretieren ihn als ein „Na siehste“ und hinterfragen ihre eigene Interpretation nicht. Es scheint, dass die Ergebnisse der Auftragsforschung gut zu den politischen Agenden passen, was dazu führt, dass kritische Nachfragen von den Befürworter*innen ausbleiben. Das grundlegende Problem besteht nicht in der Studie selbst, sondern in der Art und Weise, wie sie politisch instrumentalisiert wird. Die Untersuchung liefert Antworten auf Fragen bezüglich der lokalen Sportökonomie in Hamburg, wird jedoch als Antwort auf eine gänzlich andere Frage (die Machbarkeit der Olympischen Spiele) herangezogen, die in der Studie nicht adressiert wurde, ein typischer epistemischer Irrtum. Wenn dies bewusst geschieht, ist dies ein Missbrauch der wissenschaftlichen Autorität der beteiligten Forscher*innen, da diese die Schlussfolgerung nicht ziehen. Das Muster ist demnach eindeutig: Legitime Daten werden aus dem methodischen Kontext gezogen, um sie für den eigenen Argumentationsstrang zu nutzen, für den die Studie ursprünglich nicht konzipiert wurde. Daher ist die Studie selbst nicht zu hinterfragen, sondern erst nachfolgend durch die Interpretation der Beteiligten als Irreführung der Öffentlichkeit. 

„Wer noch einen Nachweis dafür braucht, wie Hamburg von Olympia profitieren kann, sollte diese Studie lesen.“ Innensenator Grote

Die Argumentationskette wird schnell deutlich: Der Sportsektor in Hamburg erzeugt eine Wertschöpfung von 5,3 Milliarden Euro und schafft über 14.000 Arbeitsplätze (HWWi-Studie, S.7, 68). Die Sportveranstaltungen in Hamburg generieren Tourismus und Medienpräsenz, was gemäß der Studie letztlich zu einem Wirtschaftswachstum beiträgt. In diesem Zusammenhang werden die Olympischen Spiele als das weltweit größte Sportereignis dargestellt. Die problematische Schlussfolgerung, die von den beteiligten Personen aus diesen Fakten gezogen wird, ist: Bewerbung für die Ausrichtung des größten Sportereignisses der Welt. Doch rechtfertigt die gegenwärtige Wertschöpfung der Hansestadt die Ausrichtung dieses Großereignisses? 

Warum ist die Argumentationskette für die Spiele dennoch so effektiv? Die in der Studie dargelegten Zahlen (5,3 Milliarden Euro, über 14.000 Arbeitsplätze) sind beeindruckend, jedoch liegt ein Trugschluss darin, von der Größe auf die Kompetenz zu schließen und dabei die Unterschiede in den Kategorien zu übersehen. Aufgrund der positiven Zahlen wird Hamburg als sportlich bedeutsam wahrgenommen, was die Olympischen Spiele als logische Folge erscheinen lässt.  

Die Studie und das Referendum

Was wäre zu tun, um weitere Fehlinterpretationen zu vermeiden? Folgende Fragen, die in der Studie nicht untersucht wurden, könnten helfen:  

Welchen Nutzen bringen die Spiele für die Stadt und die Region (Kosten-Nutzen-Analyse)?  

Wo liegen die realistischen Gesamtkosten, einschließlich eines umfassenden Risikopuffers (Risikoanalyse)?  

Welche olympische Infrastruktur ist nicht vorhanden?  

Wird eine Machbarkeitsstudie für die Infrastruktur durchgeführt? 

Welche finanziellen Aufwendungen sind für die Errichtung neuer Infrastruktur erforderlich? 

Welche Bestimmungen sind im Host-City-Vertrag festgelegt? 

Welche Zusicherungen müssen Hamburg und Deutschland dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) garantieren? 

Was geschieht im Anschluss mit der geplanten Infrastruktur?  

Wer trägt die finanziellen Belastungen im Falle einer Budgetüberschreitung? 

Wie gestaltet sich das Konzept der Nachhaltigkeit? 

Was hat Hamburg aus dem Vergleich mit London, Rio, Tokio und Paris gelernt? 

Wird ein juristisches Gutachten zu staatlichen Garantieverpflichtungen erstellt? 

Die Studie adressiert diese Fragen nicht, da sie nicht für deren Beantwortung konzipiert wurde. Die Befürworter greifen auf die HWWi-Studie mit ihren beeindruckenden, jedoch irrelevanten Zahlen zurück, um sich für die Olympischen Spiele zu positionieren, ohne dabei auch nur eine der aufgeworfenen Fragen ansatzweise zu beantworten – ein fahrlässiges Vorgehen. Es wird auf das erhebliche Potenzial der sportlich aktivsten Stadt Deutschlands hingewiesen und darauf, dass der positive Einfluss des Wirtschaftsmotors Sport erneut vervielfacht würde. Diese Behauptung entbehrt jedoch jeglicher empirischer Fundierung. Viele Gastgeberstädte zeigen nach den Spielen keinen signifikanten Wachstumsanstieg im Vergleich zu anderen Metropolen (siehe Preuss, 2004). Es gibt deutliche Indikationen, dass die Städte, die als Gastgeber für Olympische Spiele fungierten, ohne diese Veranstaltung ein stärkeres Wachstum verzeichnet hätten (siehe Zimbalist, 2015).   

Eine erneute Volksabstimmung ist angemessen, um zu ermitteln, ob sich die öffentliche Meinung bezüglich der Olympischen Spiele gewandelt hat. Eine unabhängige Machbarkeitsstudie mit internationalen Vergleichen, eine umfassende Kosten-Nutzen-Analyse und insbesondere eine ausgewogene politische Diskussion zu diesem Thema sind unerlässlich. Ferner wäre es sinnvoll zu untersuchen, welche Auswirkungen die gleiche finanzielle Mittel in anderen gesellschaftlichen Sektoren wie dem Wohnungsbau oder dem Klimaschutz haben würden. Die vorliegende Untersuchung liefert keine Antworten auf die aufgeworfenen Fragen. Daher erscheinen Aussagen über potenzielle Einnahmen und Ausgaben als unangemessen. Sie wirken vielmehr wie ein klassischer Taschenspielertrick. Liegt hier Schönfärberei vor? 

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Reform mit Rückenwind: Echte Athletenbeteiligung als Grundlage für eine besondere Win-Win-Win-Situation (Politik, Verbände, Sportler*innen) im Spitzensport 

Es ist bedauerlich, dass im deutschen Spitzensport immer wieder die Problemfelder diskutiert werden, obwohl Lösungen offensichtlich sind. In diesem Zusammenhang sei die Frage erlaubt, ob eine Verbesserung der Situation der Athlet*innen in Deutschland tatsächlich das angestrebte Ziel ist oder ob das bestehende Abhängigkeitsverhältnis der Athlet*innen von sämtlichen weiteren Akteuren lediglich aufrechterhalten werden soll. Dabei wären signifikante Veränderungen möglich, insbesondere unter der Prämisse der Einschränkung der Machtverhältnisse von Politik und Verbänden gegenüber den Athlet*innen.

Der neue Gesetzesentwurf der Staatsministerin Schenderlein ist Gegenstand intensiver Diskussionen. Der organisierte Sport zeigt sich besorgt darüber, dass dieser Prozess ohne umfassende Konsultationen mit dem DOSB initiiert wurde. Der DOSB kritisiert, dass die Garantie der Finanzierung durch das neue Gesetz ebenso wie die Passage zur Autonomie des Sports nicht mehr vorkommen. Doch sind das die gravierendsten Defizite des neuen Entwurfes? Vielmehr wird im neuen Entwurf die Rolle der Athlet*innen abermals falsch eingeordnet. Auch in der aktuellen Fassung des Entwurfes sind die Athlet*innen hinsichtlich Strukturreformen überwiegend beratend und marginal eingeordnet, obwohl sie es sind, die täglich erhebliche Kraft und Ausdauer in den Sport investieren und letztlich die Erfolge erzielen, um die es konkret geht. Ohne die Athlet*innen, auch als impulsgebendes Element, fehlt es dem neuen Fördersystem mit einer neu gegründeten „Sportagentur“ an demokratischer Legitimation.

Die aktuelle Konzeption formuliert den Anspruch, Deutschland als innovative und moderne Sportnation zu positionieren – eine große Herausforderung. Erfreulich ist, dass der Entwurf die individuelle Förderung von Athlet*innen vorsieht. Die Implementierung dieser Maßnahmen wird dazu beitragen, die Erfolgschancen deutscher Athlet*innen signifikant zu erhöhen und ihre Strukturen zu optimieren. Diese Veränderung ist ausdrücklich zu begrüßen. Gleichzeitig wird den Kompetenzen und der Expertise der Athlet*innen in den Entscheidungs- und Beratungsgremien weiterhin eine untergeordnete Bedeutung zugewiesen. Zwar wird der Verein Athleten Deutschland im Beratungsgremium der Stiftung mit einem Sitz vertreten sein, doch das ist wie schon in vielen Gremien zuvor, lediglich eine Stimme innerhalb eines zwanzigköpfigen Beratungsgremiums. Dies trägt nicht dazu bei, tatsächlich gestalterisch aktiv sein zu können.

Ein wesentlicher Kritikpunkt am Gesetzesentwurf ist die mangelnde Vertretung von Athlet*innen im Stiftungsrat. Damit haben sich die Einflussmöglichkeiten der Athlet*innen in der neu zu gründenden Sportagentur nicht verbessert. Athlet*innen sind weiterhin primär passive Rezipient*innen traditioneller Strukturen und Normen. Die Reduktion auf das „empfangende Organ“ vernachlässigt die Tatsache, dass Athlet*innen über eine ausgeprägte Gestaltungsfähigkeit verfügen. Dieses Desinteresse an den Athlet*innen ist überraschend, wenn man sich vor Augen führt, welche Veränderungen allein durch eine größere Einbindung der Athlet*innen möglich wären. Untersuchungen belegen, dass Athletenvertreter*innen, sofern sie in institutionelle Strukturen integriert sind und über erforderliche Ressourcen verfügen, effektiv agieren können. Durch solche Strukturen haben sie einen positiven Einfluss auf die Governance-Strukturen des Spitzensports und verringern Risiken wie Missbrauch im Sport (sexualisierte Gewalt, Missbrauch, Doping und gesundheitliche Vernachlässigung). Beispiele belegen, dass Systeme, in denen Athlet*innen effektiv involviert sind, zu nachhaltigen und fairen Entscheidungen tendieren. Die Partizipation der Aktiven trägt nicht nur zur Senkung der Missbrauchsrisiken bei, sondern stärkt auch die Legitimation der Förderpolitik. In Kanada, Großbritannien, Norwegen und Australien wurden die umfangreichen Potenziale von Athlet*innenvertretungen erkannt, mit entsprechender Stimmberechtigung in Spitzensportgremien. Eine derartige Entwicklung in Deutschland würde demnach eine Win-Win-Win-Situation für Politik, Verbände und Athlet*innen schaffen.

Doch in Deutschland bleibt ihre Beteiligung auf symbolischer Ebene begrenzt. Der deutsche Gesetzesentwurf sieht, bis auf den größeren Einfluss des Bundes, keine signifikanten Veränderungen im Hinblick auf die bestehenden Strukturen vor, sondern ist eher als eine Fortsetzung des Status quo in neuen Gewändern zu verstehen. Dies könnte zu einer Zunahme von Intransparenz, Vertrauensverlust und geringer Akzeptanz der Mitwirkung im deutschen Sportfördersystem führen. Dabei zeigte die Athlet*innenvertretung Athleten Deutschland in den vergangenen Jahren mit einer Vielzahl von Positionspapieren Vorschläge zur Reformierung der Sportförderstrukturen, dass es auch anders gehen könnte. Eine mit Ressourcen ausgestattete Athlet*innenvertretung kann einen positiven Einfluss auf die Debatten haben. Der konkrete Einfluss der Vereinigung auf politische Entscheidungen fällt nach wie vor zu gering aus. Gute Ideen werden demnach zwar in Positionspapieren konkretisiert, jedoch gelangen sie nur in seltenen Fällen in die Entscheidungsgremien, obwohl sie sich durch eine hohe inhaltliche Qualität und einen umfassenden Ansatz auszeichnen. Zudem wird seitens der Politik und des organisierten Sports außer Acht gelassen, dass Athletinnen mit den spezifischen Problemen der dualen Karriere vertraut sind, die Defizite der Förderstrukturen identifizieren, selbstkritisch sind, ihre Aktivitäten reflektieren und willens sind, Reformvorschläge zu erarbeiten. Es ist bedauerlich, dass das inhärente Potenzial für den deutschen Sport durch den neuen Gesetzesentwurf nicht genutzt werden soll. Die Implementierung solcher Veränderungen würde eine nachhaltige Transformation der Governance-Strukturen zur Folge haben. Die Effektivität und das Umsetzen von Reformen und Strukturverbesserungen hängen in hohem Maße von der Partizipation der Athlet*innen in relevanten Gremien ab. Eine Steigerung der Teilhabe ist daher von größter Bedeutung, um ein Fördersystem zu etablieren, das sich durch besondere Effektivität und Athlet*innenfreundlichkeit auszeichnet und in dieser Form bislang noch nicht realisiert wurde. Eine höhere Partizipation der Athlet*innen in Entscheidungsgremien (Sitz im Stiftungsrat und Vorstand, Erhöhung der Anzahl der Sitze im Sportfachbeirat, siehe unten) führt auch zu einer gesteigerten Transparenz (z. B. Kritik der Mittelvergabe durch den Bundesrechnungshof). Die Entscheidungsträger*innen sitzen in diesen Gremien und sind folglich den Förderempfänger*innen gegenüber rechenschaftspflichtig. Wer kann da etwas dagegen haben?

Nach zehn Jahren der Diskussionen sollten endlich Strukturen im Sinne der Athlet*innen geschaffen werden, die die Effektivität signifikant steigern. Im Folgenden sind einige konkrete Vorschläge für die neu zu schaffende Spitzensportagentur und ihre Struktur formuliert.

1. Einfügung in § 20 (Stiftungsrat) — direktes Sitzrecht
§ 20 Absatz 1 ergänzen um folgenden neuen Satz / Nummer:

„(…) 4. Ein Mitglied wird direkt von den aktiven Bundeskaderathlet*innen für die Dauer von vier Jahren gewählt. Dieses Mitglied ist stimmberechtigt und vertritt insbesondere die Belange der Athlet*innen in Aufsichts- und Personalfragen.

Kurzbegründung:

Der Stiftungsrat trifft oberste Entscheidungen (Haushalt, Bestellung des Vorstands, Satzungsfragen). Ein direkt gewähltes, stimmberechtigtes Athlet*innenmitglied schafft echte Aufsichtsbeteiligung statt reiner Beratung.

Direkte Vertretung der Athlet*innen sichert, dass ihre Interessen und Bedarfe in strategischen Entscheidungen (z. B. Budgetverteilung, Förderkriterien) auf höchster Ebene gehört und berücksichtigt werden.

Demokratische Legitimation durch Wahl der Kaderathlet*innen

Erhöht die Akzeptanz der Spitzensport-Agentur.

Internationale Vorbilder: UK Sport und das Australian Institute of Sport binden Athlet*innen in ihre Gremien ein.

Ergänzung/ Veränderung in § 21 Abs. 4 (Vorstand) wird ergänzt um Folgendes:

Der Vorstand besteht aus drei Mitgliedern (nicht mehr zwei Mitgliedern), von denen ein Mitglied auf Vorschlag von Athleten Deutschland e.V. (oder aller Kaderathlet*innen) bestellt wird und über besondere Expertise im Bereich der Athlet*innenförderung verfügt.

Kurzbegründung:

Fachliche Expertise im Vorstand sichert, dass Athlet*innenperspektiven bei Förderentscheidungen direkt einfließen.

Vermeidung von Interessenskonflikten: Das Mitglied sollte keine Verbandsfunktion innehaben, um unabhängige Entscheidungen zu gewährleisten.

Änderung in § 22 (Sportfachbeirat) – Quantität + Wahl
§ 22 Absatz 2 ersetzen / ergänzen:

Der Sportfachbeirat besteht aus 24 Mitgliedern. Die folgenden Organisationen haben ein Entsendungsrecht: … Zudem werden vier Sitze für Athlet*innen reserviert. Mindestens zwei dieser Sitze sind durch aktuell aktive Bundeskaderathlet*innen unmittelbar zu wählen; die übrigen zwei Sitze werden über den Verein Athleten Deutschland entsandt. Der oder die stellvertretende Vorsitzende des Sportfachbeirats soll aus den Athlet*innenmitgliedern stammen.

Kurzbegründung:

Wenn mehr Athlet*innen als Gruppe sichtbar sind, können sie stärker mitbestimmen, worüber gesprochen wird, und es verhindert, dass sie nur als Symbolfigur eingesetzt werden (siehe dazu auch Kihl et al, 2025).

Ergänzungen in § 21 Absatz 2 – Bindender Umgang mit Konsultationsergebnissen (Veto- oder Reviewrecht)

Die Ergebnisse des Konsultationsverfahrens mit dem Sportfachbeirat sind zu dokumentieren und öffentlich zugänglich zu machen. Weicht der Vorstand/Stiftungsrat von einer Empfehlung ab, hat er dies schriftlich und inhaltlich zu begründen. Lehnen drei Viertel der Athlet*innenmitglieder des Sportfachbeirats einen Vorschlag ab (greift der Veto bzw. Review-Mechanismus, siehe unten im Schaubild), so ist der Stiftungsrat verpflichtet, die Entscheidung mit Begründung erneut zu prüfen.

Kurzerläuterung:

So erhalten die Athlet*innen ein indirektes Veto- bzw. Reviewrecht. Dieses kann sogar noch verfeinert werden, indem man weitere Gremien (wie ein Athlet*innengremium) etabliert: Ein reines Athlet*innengremium könnte die Entscheidungen des Stiftungsrates verfolgen und Entscheidungen, die konkret die Athlet*innen betreffen, hinsichtlich ihrer Effektivität überprüfen und hat über die 4 Mitglieder im Sportfachbeirat (drei Viertel der Stimmen reichen für ein indirektes Veto bzw. Review, siehe unten im Schaubild) die Möglichkeit, die Vorschläge in das Gremium für eine Überarbeitung zurückzuschicken (siehe dazu auch Strengthening Athlete Power in Sport, 2023).

Ein solches indirektes Veto- bzw. Reviewrecht könnte alternativ aber auch im bereits bestehenden Sportfachbeirat etabliert werden – ohne ein Athlet*innengremium zu etablieren. Auch dort wäre die Dreiviertelregel anwendbar.

Neuer Absatz in § 14 oder § 22a zur finanziellen Absicherung der Athletenvertreter*innen
Die Spitzensport-Agentur stellt für die Funktionen der Athlet*innenvertretung und der Athlet*innenkommission angemessene finanzielle Mittel bereit; hierfür ist jährlich ein im Haushalt ausgewiesener Betrag bereitzustellen.

Kurzbegründung: Ohne Budget bleiben Athlet*innenbeteiligungsrechte in der Praxis wirkungslos.

Die obigen Vorschläge hätten zusätzlich noch weitere positive Effekte wie eine höhere Förderakzeptanz und Motivation, mehr Eigenverantwortung aufseiten der Aktiven sowie eine verbesserte Kommunikation zwischen Athlet*innen und den einzelnen Institutionen.

Wenn Deutschland über alle Parteien an einem großen Spitzensportwurf interessiert ist, kann nur eine größere Athlet*innenbeteiligung in allen entscheidenden Gremien das Ziel sein. Echtes Mitspracherecht, verankert in Gesetzen, ist das einzige Mittel, um über eine symbolische Beteiligung hinauszugehen.

Deutsche Olympiabewerbungen: PR-Spektakel und Verzerrung der Realität – Grundlagen für einen demokratischen Entscheidungsprozess? 

Liebe Münchner, liebe Berliner, liebe Hamburger, liebe Ruhrpottler,  

Die aktuellen Werbekampagnen der jeweiligen Städte/Regionen sowie des DOSB erzeugen große Skepsis, da die Informationsbroschüren und Kampagnen signifikante Defizite in Bezug auf die Auswirkungen der Olympischen Spiele aufweisen. In der Tat lässt sich sogar von einer gewissen politischen Skrupellosigkeit sprechen, da entscheidende Argumente gegen eine Ausrichtung weder explizit erwähnt noch indirekt in Form von Nebensätzen angeführt werden. Gleichzeitig spricht z. B. der Münchner Rat von „transparenter Kommunikation und (einer) umfassenden Einbeziehung der Bevölkerung“. Gleiches suggeriert der „Olympi-O-Mat“ des DOSB, der eine Anspielung auf den „Wahl-O-Mat” ist. Letzterer stellt die Programme aller Parteien vor einer Bundestagswahl neutral gegenüber. Der DOSB missbraucht das Vertrauen in dieses Medium, indem er mit seinem eigenen Online-Abstimmungstool „Olympi-O-Mat“ durch Struktur und Design eine neutrale Position suggeriert, die Teilnehmer*innen beim Durchklicken jedoch lediglich über positive Effekte der Olympischen Spiele informiert oder ihnen Fragen stellt, die sie zu der Aussage „100 % für Olympia“ verleiten. Liegt hier vorsätzliche Täuschung vor? Diese Vorgehensweisen sollte der organisierte Sport nicht anwenden, da sie die eigene Glaubwürdigkeit massiv untergraben. 

Im Folgenden möchte ich darlegen, warum das Vorgehen in München und das vom DOSB Empörung auslösen. Zunächst ist festzuhalten, dass ich als Sportwissenschaftler und Breitensportler Sportveranstaltungen positiv gegenüberstehe. Eine deutsche Ausrichtung ist aus Sicht der Sportwissenschaft positiv zu sehen, da diese trotz ihrer gesellschaftlichen Relevanz – von Spitzensport über Gesundheit, Bildung hin zu sozialen Herausforderungen – chronisch unterfinanziert ist, und mit mangelnder Wertschätzung sowie dem fehlenden Austausch zwischen Wissenschaft, Sportorganisationen und Entscheidungsträgern kämpft. Ein solches Event könnte zu einem größeren Fokus verhelfen. 

Zudem ist es für jede*n einzelne*n Kaderathlet*in, möglicherweise vor der eigenen Familie und all den Freunden, in einem solch bedeutenden Weltsportereignis aktiv zu sein, ein unglaublich aufregendes Erlebnis, das durch einen Erfolg noch intensiviert werden kann. Jedem einzelnen Athlet*in, der sich heute unter den schweren Bedingungen, in Deutschland entscheidet, einer spitzensportlichen Karriere in Form einer dualen Karriere nachzugehen, sei dieses herausragende Erlebnis gegönnt. Die alltäglichen Belastungen und Herausforderungen, denen ein/ eine Spitzensportler*in ausgesetzt ist, in Kombination mit der psychischen Belastung, fortwährend sportliche Höchstleistungen erbringen zu müssen, sind signifikant. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass viele deutsche Athletinnen parallel eine Berufsausbildung bzw. ein Studium absolvieren, welches durch einen hohen qualitativen Anspruch gekennzeichnet ist. Infolgedessen sehen sich diese Athletinnen einer permanenten Doppelbelastung ausgesetzt und haben mit den Erwartungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Teilsysteme zu kämpfen. Es ärgert, dass der deutsche Sport bis heute so wenig Profit aus den vielen tollen Persönlichkeiten im Sport schlägt. Ihre Leistungen sind beeindruckend – wer wünscht diesen Athlet*innen nicht eine möglichst hohe öffentliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung? Falls die Entscheidung fällt, die Olympischen Spiele nach Deutschland zu vergeben, bin ich auf jeden Fall dabei, die Athlet*innen anzufeuern. 

Doch die Bewerbungen der deutschen Städte sind bei wichtigen Punkten problematisch. Sowohl der DOSB (mit seinen Olympi-O-Mat und seiner digitalen Informationskampagne „Dafür sein ist alles”) als auch die einzelnen deutschen Städte agieren nicht mit der erforderlichen Ehrlichkeit, Offenheit und Skepsis gegenüber den Olympischen Spielen und besonders dem IOC.  

Z.B. die Empfehlung des Deutschen Alpenvereins München, den sogenannten „Olympi-O-Mat“ zu nutzen, um “die wichtigsten Argumente und Informationen” bezüglich einer möglichen Olympiabewerbung zu erhalten, ist problematisch. Werden Inhalte vorenthalten, wie im Falle der Werbekampagne des DOSB, kommt es zu einer Verzerrung des Willensbildungsprozesses. In Bezug auf den Olympi-O-Mat warte ich nur auf diejenigen, die das Tool herunterreden, nachdem es detailliert analysiert wurde. „Das darf man ja alles nicht so ernst nehmen“ und so weiter. Aber schauen wir uns das Tool doch einmal genauer an! Der Olympi-O-Mat ist nicht, wie suggeriert, ein neutrales Informationstool, sondern vielmehr ein überzeugungsorientiertes, meinungsmachendes Instrument, das wichtige Informationen außer Acht lässt und beeinflussend wirkt. Zunächst einmal verstößt die Konstruktion gegen die Grundprinzipien der Neutralität und der qualitativen Sozialforschung. Klar, vielleicht war das von Anfang an auch gar nicht das Ziel, aber dieses Tool suggeriert allein durch seinen Namen Neutralität. Zudem reicht es, Folgendes von der Startseite des Tools zu zitieren: „Du bist noch unsicher, ob Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland tatsächlich einen Mehrwert für dich haben? Der Olympi-O-Mat soll dich dabei unterstützen, eine Antwort auf diese persönliche Frage zu finden. Entdecke die wichtigsten Argumente und bilde dir deine Meinung, der Olympi-O-Mat ist ein Informationsangebot des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).“ Doch der Olympi-O-Mat ist kein Informationsangebot, sondern lediglich ein PR-Instrument. Das Ziel ist eindeutig: Die Teilnehmer*innen sollen durch die Gestaltung, die Themenauswahl und das Framing zu einer generellen Zustimmung gebracht werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Olympische Spiele” findet erst gar nicht statt. 

Weiterlesen „Deutsche Olympiabewerbungen: PR-Spektakel und Verzerrung der Realität – Grundlagen für einen demokratischen Entscheidungsprozess? „

Olympische Spiele in Hamburg?

Vor knapp drei Wochen hatte ich die Gelegenheit, im Hamburger Abendblatt einen Kommentar zu den möglichen Olympischen Spielen in Hamburg zu schreiben. Aus sportsoziologischer Perspektive zeigt sich ein ambivalentes Bild: Solche Mega-Events bergen zweifellos Potenziale/ Trends– aber ebenso erhebliche umfangreiche Risiken und Herausforderungen für die austragende Stadt und ihre Bevölkerung. Für mich überwiegen leider die negativen Konsequenzen.

Für lokale Athletinnen und Athleten könnte eine Heim-Olympiade eine herausragende Möglichkeit sein, ihre Leistungen im eigenen sozialen Umfeld sichtbar zu machen. Die Chance, auf internationaler Bühne im eigenen Land aufzutreten, ist eine Form symbolischer Anerkennung, die nicht nur das individuelle Selbstwertgefühl stärkt, sondern auch Identifikation und gesellschaftliche Wertschätzung für den Leistungssport befördert. Diese Erfahrung wünsche ich jedem einzelnen, hart arbeitenden deutschen Athleten und jeder Athletin.

Gleichzeitig ist es wichtig, die oft übersehenen, aber umfangreichen Begleiterscheinungen solcher Großveranstaltungen offen zu benennen: die infrastrukturellen Belastungen, die hohe Belastungen für den städtischen Haushalt/ Staatshaushalt, mögliche soziale Verdrängungsprozesse (lokale Unternehmen/ Bewohner), Gentrifizierungseffekte sowie die Gefahr, dass die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung im Schatten globaler Eventlogiken marginalisiert werden.

Umso mehr freue ich mich darauf, heute Abend im Hamburger Rathaus gemeinsam mit weiteren Interessierten über diese Fragen weiterzudiskutieren:
Wie lassen sich Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele so gestalten, dass sie sozial verträglich, nachhaltig und tatsächlich gemeinwohlorientiert sind? Ist das überhaupt noch möglich? Was wären die Optionen?

Spitzensport in der Sackgasse – fragwürdige Prioritäten der AG Sport

Die ersten Ausführungen der AG Sport zu den Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD zum Spitzensport müssen im Bereich der Spitzensportförderung als unzureichend und enttäuschend bezeichnet werden. Problematisch erscheint die starke Fokussierung auf die Sportfördergruppen von Bundeswehr, Polizei und Zoll. Zwar ist die Relevanz dieser Institutionen für die Karrieren einzelner Athletinnen und Athleten unbestritten und muss erhalten bleiben, die Priorisierung und der angekündigte Ausbau dieser Strukturen führt jedoch zu einer einseitigen Ressourcenverteilung, die alternative Förderansätze benachteiligt. Alle dualen Karrieren, welcher Art auch immer, sollten die gleiche Priorität genießen. 

Die Analyse der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass nur ein Teil der Spitzensportlerinnen und Spitzensportler an einer Förderung bei Bundeswehr/Polizei/Zoll interessiert ist. Ein Ausbau würde die strukturellen Ungleichheiten innerhalb des deutschen Spitzensports verstärken, zudem besteht die Gefahr der beruflichen (Laufbahn-)Abhängigkeit: Athletinnen und Athleten sehen sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich frühzeitig an staatliche Laufbahnen zu binden, auch wenn diese nicht ihren individuellen Karriereplänen und Interessen entsprechen. Dies kann nicht Ziel eines modernen Förderkonzeptes sein. 

Ein weiteres Defizit innerhalb der bestehenden Förderstrukturen ist die unzureichende Berücksichtigung bildungsbezogener Aspekte wie der dualen Karriere (Ausbildung und Studium). Während die Sportfördergruppen finanzielle Stabilität bieten, fehlt es häufig an einer gleichwertigen Unterstützung akademischer Laufbahnen. Eine umfassende Spitzensportförderung muss über kurzfristige Erfolge hinausgehen und langfristige Perspektiven für die Athletinnen und Athleten schaffen (insbesondere im Bereich Bildung und Ausbildung). 

Warum studentischer Spitzensport? 

Studierende sind die erfolgreichste Gruppe im deutschen Spitzensport: Bei Olympischen Spielen stellen sie den größten Anteil an Medaillengewinnern, wobei die Erfolge seit Jahrzehnten kontinuierlich steigen. Sie gelten daher als besonders förderungswürdig. 

Durch die grundsätzliche Vereinbarkeit von Spitzensport und Studium können die Hochschulen flexible Strukturen bieten – wie Teilzeitstudiengänge, individuelle Prüfungsanpassungen und Hybridstudiengänge – optimale Grundvoraussetzungen, um sportliche und akademische Entwicklung zu verbinden. Dieses Potenzial bleibt in Deutschland jedoch weitgehend ungenutzt. Zudem fehlen staatliche Anreize, um strukturelle Veränderungen in diesem Bereich voranzutreiben. Für Sportlerinnen seit Jahren eine herbe Enttäuschung. 

Eine verstärkte akademische Förderung eröffnet langfristige Karriereperspektiven über den Sport hinaus. Eine akademische Laufbahn reduziert die Abhängigkeit von staatlichen Sozial- und Unterstützungsleistungen nach der Sportkarriere. Länder wie die USA zeigen mit ihren College-Sportprogrammen, dass Spitzensportförderung und akademische Exzellenz keine Gegensätze sein müssen, sondern einander befruchten können, wenn die parallele akademische Ausbildung sinnvoll und seriös gestaltet wird. 

Was muss passieren? 

Vor diesem Hintergrund ist tatsächlich ein Paradigmenwechsel in der Spitzensportförderung notwendig. Statt verstärkt auf traditionelle staatliche Institutionen wie Bundeswehr, Polizei und Zoll zu setzen, sollte die Förderung intensiver auf die universitäre und zivilgesellschaftliche Ebene ausgeweitet werden. Innovative Ideen, so auch Insellösungen für Talente z.B. in Kleinstädten verdienen Probe.- und Evaluierungsphasen. Mutige, kreative Vorgehensweisen wie sie unter anderem auch Athleten Deutschland in den vergangenen Jahren mit vielen Ideen (auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierend) geliefert hat, können eine Grundlage bilden. 

Konkret heißt dies für den deutschen Spitzensport: 

  1. eine wesentlich stärkere Beteiligung der Athlet*innen an Ausgestaltungen der Förderstrukturen, 
  1. ein „outside the box“- Denken auf neuem Niveau, 
  1. die Erprobung unterschiedlicher Fördermodelle und vor allem deren Evaluierung (das Defizit an belastbaren Daten zum deutschen Fördersystem ist gravierend),  
  1. die Etablierung einer leistungsfähigen universitären Sportförderung, die international konkurrenzfähige Bedingungen schafft, 
  1. die Entwicklung von sozialen Absicherungsmodellen für Athletinnen und Athleten außerhalb staatlicher Strukturen, um Chancengleichheit zu gewährleisten, 
  1. eine Analyse der Absicherungsstrukturen in europäischen Nachbarländern und Identifikation von Best-Practice-Modellen,  
  1. die Umsetzung alternativer Finanzierungsmodelle, z.B. durch zivilgesellschaftliche Stipendienprogramme und private Förderinitiativen, 
  1. WICHTIGER FOKUS: Nachhaltige Förderung statt kurzfristiger Erfolgsorientierung, um die langfristige Entwicklung der Athletinnen und Athleten in den Mittelpunkt zu stellen. 
  1. Und vieles mehr 

Die deutsche Spitzensportförderung muss sich von einem unflexiblen, institutionenorientierten Modell lösen und eine diversifizierte Struktur schaffen, die sowohl sportliche Höchstleistungen als auch individuelle Biographieperspektiven ermöglicht. Nur so ist Deutschland langfristig international konkurrenzfähig, ohne dabei die soziale und berufliche Zukunft der Athletinnen und Athleten zu gefährden. 

Der Abschnitt aus der AG Sport im Original: