Missbrauch im Sport – Das Schweigegelübde des Sports und seine Folgen

(AUSZUG)

Im deutschen Sport ist Missbrauch und sexualisierte Gewalt in der Öffentlichkeit eine Randerscheinung. Aktuell kommen jedoch immer neue besorgniserregende Details in verschiedenen Sportarten ans Licht. Ein über den gesamten Sport gewachsenes Missbrauchssystem, erstarkt durch die eigenen Organisationsstrukturen und die bisher zugesicherte Autonomie, bestätigt ein flächendeckendes Problem. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Safe Sport Studie der Sporthochschule Köln aus dem Jahr 2016 (siehe hier), und dies wird aktuell untermauert durch Fälle bei den Turnerinnen (psychische Gewalt, mentale Misshandlung), Boxerinnen (sexueller Missbrauch, mutmaßliche Vergewaltigung) und Segler*innen (Jugendliche, über mehrere Jahrzehnte sexuelle Gewalt). Die nun bekannten Fälle sind lediglich die Spitze des Eisberges. Der Spitzensport und auch Breitensport sind durchseucht von sexualisierter, psychischer und körperlicher Gewalt. Doch wie konnte es dazu kommen? Wer ist dafür verantwortlich? 

Missbrauch und sexuelle Gewalt können sich ausbreiten, wenn Institutionen (Verbände und Vereine) mit unzureichenden Präventionsstrukturen ausgestattet sind und die Athlet*innen am unteren Ende der Talentpyramide nur wenige Ressourcen haben, leicht austauschbar sind oder in das vorzeitige Karriereende geschickt werden können. Noch extremer ist das Ergebnis, wenn die Systemstrukturen sexualisiert sind und von Männern dominiert werden. Deutsche Universitäten, die Bundeswehr, die katholische Kirche und der Sport sind beste Beispiele, oft ausschließlich von Männern in den oberen Positionen beherrscht.  

Ein “unsichtbares” System der Belästigung und des Missbrauchs wie im deutschen Spitzensport ist nur umsetzbar durch die stille Komplizenschaft vieler.

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Die Regel 50 – Ein heißer Sommer für das IOC? (Teil 2)

(Auszug)

Die kontroverse Diskussion zur Regel 50.2 der Olympischen Charta und die Entscheidung, die Regel zu erhalten, legen die Verlogenheit des IOC offen. Ein veraltetes Sportsystem schränkt über eine Regel die Rechte der Athlet*innen auf freie Meinungsäußerung ein, erkennt damit Grundrechte nicht an und unterdrückt sie. 

Bürgern, ob in Deutschland oder den USA, wird das Grundrecht der freien Meinungsäußerung zugesprochen, doch während der größten sportlichen Wettkämpfe weltweit, wird den gleichen Bürgern, nur diesmal in der Funktion der Athlet*innen unterwegs, dieses Recht durch den global mächtigsten und machtversessenen Verband IOC abgesprochen. Dem Verband kann eine Freiheits- und Demokratieverdrossenheit vorgeworfen werden. Wie ist dies innerhalb der weltweiten Staatengemeinschaft möglich? 

Das IOC ist nicht gegen Politik, sondern steht für eine bestimmte Art der Politik. Gesellschaftliche und soziale Kritik sind nicht erwünscht. Das IOC hat Probleme mit Protesten, die gesellschaftliche Ungleichgewichte und die Unterdrückung von Minderheiten anprangern. Sobald es zum Beispiel um das Thema Rassismus geht oder die Unterdrückung einzelner Bevölkerungsgruppen, will das IOC nicht Teil dieser Diskussionen sein. Der Status Quo und die Vorherrschaft der weißen Männer hat Vorrang (vgl. Boykoff, 2020).  

Erschreckend ist dabei, dass das IOC und die IOC-Athletenkommission trotz der vielen Gegenargumente an dem Verbot der freien Meinungsäußerung festhalten wollen. Damit widersprechen sie auch den Empfehlungen der eigens in Auftrag gegebenen Kommission zur Achtung der Menschenrechte im IOC.  Der Bericht fordert den Dachverband auf, die formulierten Vorschläge zu implementieren (siehe oben).  

Stattdessen erhebt sich das IOC mit dem weiterhin geltenden Verbot politischer Statements wie z.B. dem Tragen der Phrase „Black Lives Matter“, dem Hinknien oder gestreckten Faust, über alle demokratischen Instanzen. Zwar sind Rede- und Meinungsfreiheit bis heute keine absoluten Rechte, aber es nicht Aufgabe eines Verbandes, die Menschenrechte von Athlet*innen aus aller Welt zu definieren bzw. einzuschränken. Keine Umfrage kann dies rechtfertigen (vgl. EU Athletes, 2020). 

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Die Regel 50 und die Entmythisierung des apolitischen Sports (Teil 1)

In 2019 machten Athletenproteste auf ein weiteres polarisierendes Thema zur olympischen Charta aufmerksam. Proteste wie die der US-Amerikaner*innen Race Imboden und Gwen Berry, die sich bei den Pan Amerika Spielen 2019 in Lima mit den politischen Protesten Colin Kaepernicks und John Carlos/ Tommie Smith gegen Rassismus und Polizeigewalt solidarisierten, verdeutlichen, dass sich die olympische Bewegung intern uneins ist, wie mit politischen Äußerungen und Aktionen umgegangen werden soll.   

Was war der Hintergrund? Die Regel 50.2 verbietet Athlet*innen politische Statements abzugeben bzw. während der Olympischen Spiele zu protestieren. Die Regel lautet: „No kind of demonstration or political, religious or racial propaganda is permitted in any Olympic sites, venues or other areas“ (IOC, 2019). Die Regel zielt darauf ab, Politik aus den Olympischen Spielen herauszuhalten und sie zu einer reinen Sportveranstaltung zu machen, was jedoch bisher nie gelang.

Sollte politischer Protest bei Olympischen Spielen verboten bleiben? Ist es sinnvoll aus Sicht der Sportorganisationen grundlegende Rechte der Athlet*innen für eine bestimmte Zeit zu beschneiden? Kann man die freie Meinungsäußerung, ein Grundrecht in Demokratien, begrenzen, nur weil die Olympischen Spiele und das IOC historisch durch ihre Vorgaben und Traditionen als apolitisch gelten? 

In seiner Neujahrsansprache 2020 wies IOC-Präsident Bach darauf hin, dass das IOC keine politischen Äußerungen und Aktionen bei den Olympischen Spielen in Tokio dulden würde. Er begründete die Vorgabe mit dem Schutz der Olympischen Spiele und der politischen Neutralität der Olympischen Idee (vgl. Bach, 2020). Diese Einschränkungen gelten jedoch nur für Athlet*innen und nicht für die Gastgebernationen (siehe unten). Ein Widerspruch! Im Sommer 2020 kam es zu umfassenden Black Lives Matter Protesten. Grund waren die Tötung schwarzer US-Bürger*innen durch Polizeibeamte sowie Polizeigewalt und Rassismus. Viele Sportler*innen weltweit beteiligten sich an diesen Protesten und rückten das Thema der freien Meinungsäußerung auch im Spitzensportsystem in den Fokus. 

Sport und Politik zu trennen, wie die Charta und Bach formulieren, war und ist eine utopische Idee des IOC und hat mit der Realität wenig zu tun. Historische und aktuelle Beispiele belegen dies. Auch eine Vorgabe wie die Regel 50 der Olympischen Charta wird da nichts Grundlegendes ändern.  

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Der US-Collegesport vor dem Umbruch?

Stanford wird am Ende des akademischen Jahres 2020-21 folgende 11 Leistungssportprogramme einstellen: Fechten für Männer und Frauen, Feldhockey, Rudern für Männer, Segeln, Squash, Synchronschwimmen, Volleyball für Männer und Ringen. Weitere Collegeprogramme ziehen aktuell nach bzw. denken über weitere Kürzungen nach. Was dies für den globalen olympischen Sport bedeutet wird im aktuellen Spiegel erläutert. Unter anderem mit der ball lügt nicht. Jetzt am Kiosk oder online erhältlich.

Thema: Spitzensport und Studium (in D oder den USA)

Studium und Leistungssport zusammenzubringen, ist für deutsche Nachwuchsathlet*innen kaum möglich. Manche zieht es daher raus aus Deutschland an amerikanische Universitäten. Was dort besser läuft – zwei Talente berichten – Jetzt lesen im KURT Magazin mit Anmerkungen von der ball lügt nicht.

„Welchen Fußball wollen wir?“

Gastbeitrag von Prof. Dr. Harald Lange (Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Institut für Sportwissenschaft, Lehrstuhl Sportwissenschaft/ Institut für Fankultur e.V.)

Titelbild WelchenFußballwollenwir

Einladung zum Online Seminar Fankultur „Welchen Fußball wollen wir?“

Wir bieten Fans aller Clubs die Möglichkeit sich in ein Seminar einzuschreiben, in dem wir gemeinsam – aus wissenschaftlicher Perspektive – über die Frage „Welchen Fußball wollen wir“ diskutieren. Weitergehende Infos findet Ihr hier:

http://www.vierzunull.de

Das Seminar beginnt am 10. Juni um 18,30 (als Online Seminar über Zoom) und endet am 12. August. Wir werden Woche für Woche jeweils Mittwochs um 18,30 Fragen nach der gesellschaftlichen Verwurzelung des professionellen Fußballs diskutieren. Das Seminar ist offen konzipiert und richtet sich an Studierende aller Fakultäten und Fächer. Wir laden explizit Studierende aller deutschsprachigen Hochschulen zur Teilnahme ein. Das Seminar wird im Online Modus organisiert und findet im wöchentlichen Rhythmus im Umfang von 2 SWS statt. Der eingebrachte Workload und die erreichten Prüfungsleistungen (Präsentation & Projektarbeit) werden bescheinigt und können auf den Erwerb von ECTS Punkten angerechnet werden. Neben Studierenden in höheren Fachsemestern werden insbesondere Kommilitonen angesprochen, die eine Projekt-, Bachelor- oder Masterarbeit zu diesem Themengebiet planen und Betreuung und Anbindung suchen.

Thematischer Hintergrund

Die Kritik an den Strukturen und Werten des professionellen Fußballs nimmt seit Jahren immer deutlichere Konturen an und wurde vor allem von den organisierten Fanszenen vorgetragen. Die jüngsten Diskussionen und Stellungnahmen im Kontext der Weiterführung des Bundesliga Spielbetriebs in Form von „Geisterspielen“ lassen vermuten, dass der professionelle Fußball den gesellschaftlichen Rückhalt bereits weitgehend verloren, oder zumindest grenzwertig aufs Spiel gesetzt hat. Da die Problemlage und relevanten Hintergründe komplex sind wollen wir das Thema aus der Perspektive verschiedener Wissenschaften aufgreifen und wenden uns deshalb ganz bewusst auch an Studierende, die auch andere Perspektiven für die interdisziplinäre Bearbeitung und Diskussion mit einbringen können (Soziologie, Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Jura, Geschichte, Philosophie, Medienwissenschaften, u.v.a.m.).

Neben Vorträgen zu den Kernthemen des Seminars, die im Lichte zentraler Fragestellungen, Bezugstheorien, Wissensbestände und Forschungsansätze der beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen entfaltet werden, werden auch Gastbeiträge von Journalisten, Sponsoren, Fußballspielern und Fans eingebaut.

Interessierte melden sich bitte persönlich bei Prof. Dr. Harald Lange, Lehrstuhl Sportwissenschaft der Universität Würzburg, an.

harald.lange@uni-wuerzburg.de

Der genaue „Seminarfahrplan“ wird thematisch in der ersten und zweiten Seminarwoche justiert. Aktuell schlage ich folgende Rahmenthemen vor:

Wem gehört der Fußball?
Wer bezahlt den Fußball?
Was geschieht mit dem Geld im Fußball?
Wie wird der Fußball inszeniert?
Was erwarten wir vom Fußball?
Welche Traditionen fundieren den Fußball?
Welche Werte spielten und spielen im Fußball eine Rolle?
Fairplay
Leistung
Solidarität
Vorbildfunktionen
Gesellschaftlicher Wertewandel und Werteverlust – Erwartungen an den Fußball und andere gesellschaftliche Instanzen
Kann die Gesellschaft vom Fußball profitieren?
Pragmatik: Wäre der Fußball überfordert? Oder ist der Fußball ein geeignetes Medium für das Einüben und Reflektieren von Wertvorstellungen?

SportsThink

Insights on sport business, culture, and ethics.

The Olympians

From 1964 to 2020

Moritz Cleve

University of Florida Doctoral Fellow

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