Zum Freitag ein Presseüberblick zur aktuellen Spitzensportreform 2016, die diese Woche den Verbänden vorgestellt worden ist. Dabei kam es zu ganz unterschiedlichen Reaktionen:
Titel: Kritik an Spitzensportreform – „Nicht nur nach Medaillen streben“ – Die Reform des deutschen Spitzensports sorgt weiter für Diskussionen (Sportpolitik National) Link: http://www.handelsblatt.com/14710902.html?share=twitter
Analyse zur Spitzensportreform – Frust über das System Sportdeutschland
Teil 6 der Reihe „Frust über das System Sportdeutschland“ zur Reform des olympischen Hochleistungssportsystems in Deutschland folgt nächste Woche (23.10-27.10.2016). Hier folgt der wohl aktuell wichtigste Teil, da er sich mit der Athletenfokussierung des Reformpapiers auseinandersetzt.
Ein wichtigen Punkt innerhalb der Spitzensportreform 2016 soll die Verbesserung der Dualen Karriere darstellen.
Alle Fraktionen innerhalb des Sportausschusses sind sich einig, dass dem Thema Duale Karriere innerhalb der gesamten Reform eine hohe Bedeutung beizumessen sei.
Jedoch stellte die Vorstandsvorsitzende des adh Dr. Katrin Werkmann fest, dass sie sich von diesem Themenschwerpunkt mehr erwartet hatte: „Die Leistungssportreform wurde im Sportausschuss durchaus kritisch diskutiert. Leider wurde unseres Erachtens die Duale Karriere insbesondere im Hochschulbereich zu wenig thematisiert.“
Teil 5:
Wer studentischer Spitzensportler ist, muss mit Entsetzen auf das neue Förderkonzept des DOSB und BMI schauen. Betrachtet man das Konzept im Detail, wird deutlich wie irrelevant die duale Karriere für den Spitzensport und die Politik bleibt. Es ist evident wie sehr der Dachverband und das Bundesministerium die Medaillenausbeute als exklusives Ziel ausgeben. Im Potentialanalysesystem („PotAS“) gehen besonders Attribute in die Verrechnung des Potentials ein, die durch das Monopol DOSB bereits seit Jahren forciert wurden: Dimensionen des Erfolgs, der Medaillen sowie des Potentials. Es ist eine Manifestierung des DOSB als unmissverständliche Steuerungsinstanz und eine Festigung des Monopols, indem der Dachverband in Kooperation mit dem BMI in einem noch stärkeren Maße als Regel- und Kontrollinstanz zugleich verbleibt.[1] Zudem sind die Prozentwerte, die zu einer bestimmten Punktzahl führen, bereits durch das Konzept festgelegt. Diese Bewertung ist subjektiv und es bleibt undeutlich, wie es zu einzelnen Prozentwerten während der Entwicklung der Bewertungskriterien gekommen ist. Ein studentischer Spitzensportler muss sich fragen, ob er diesen Weg der Medaillenarithmetik in Zukunft noch mitgehen möchte, da auch eine Fokussierung auf den einzelnen Athleten innerhalb der sogenannten Attribute des Potentialanalysesystems und auch im Eckpunktepapier (siehe Tabelle und Schaubild unten) nicht zu erkennen sind. Die ausgesprochene Fokussierung auf den einzelnen Athleten ist auch nach intensiver Analyse des Eckpunktepapiers und der Attribute des Potentialanalysesystems („PotAS“) nicht zu lokalisieren und forciert vielmehr die Annahme, dass der Athlet als Ausgangspunkt während der Entwicklung dieses Programms eine untergeordnete Rolle gespielt haben muss. Spitzensportler werden in Zukunft womöglich noch umfassender in ihrer Mündigkeit beschnitten. Der Athlet wird in den Eckpfeilern der Neustrukturierung zwar visuell in den Mittelpunkt der Förderung gestellt (siehe Schaubild unten), jedoch ist zu erkennen, dass sich die Förderung weiter auf die objektorientierte Überprüfungen und anschließende Förderung konzentriert.
Präsentation im Sportausschuss des Deutschen Bundestages am 28.09.2016
Das heißt, Verbände und ihre Disziplinen werden anhand der Summe ihrer Athleten bewertet, sodass anschließend unterschiedliche Institutionen wie Stützpunkte, Olympiastützpunkte sowie Verbände Förderzuschüsse zur Umsetzung erhalten.[2] Athleten werden zum Planungsobjekt der unterschiedlichen Institutionen, zum „Tool“ einer objektorientierten und nicht subjektorientierten Förderung. Es ist regelrecht eine Hinrichtung der Idee des mündigen Athleten und vermittelt vielmehr die Aussage „Holt uns Gold! Wie ihr das macht, ist uns egal“ (siehe auch Artikel: Ein Plädoyer für den vom Aussterben bedrohten mündigen Athleten – Traut euch Athleten, ihr habt nichts zu verlieren! Link: https://derballluegtnicht.com/2016/08/21/ein-plaedoyer-fuer-den-vom-aussterben-bedrohten-muendigen-athleten-traut-euch-athleten-ihr-habt-nichts-zu-verlieren/ ).
So erhält die Position des Referenten für die duale Karriere sowohl vom BMI als auch DOSB die Gewichtung 1. Des Weiteren kann ein Verband lediglich in drei Abstufungen Punkte erhalten.
Unterattribut Duale Karriere/ Personal (PotAS)
Die studentischen Spitzensportler spielen innerhalb des Potentialanalysesystems eine Nebenrolle, da weiterhin eine Fokussierung auf die schulische Ausbildung (Steckenpferd des DOSB mit aktueller Lahmheit (niedrige Abiturrate bei den Schülern, etwas über 30%)) und die Förderstellen der Bundeswehr und weniger auf die duale Karriere nach dem Schulabschluss und damit des Hochschulstudiums/ der Berufsausbildung gelegt wird. Aus Sicht des BMI und DOSB ist dies durchaus konsequent, da man sich der Verantwortung der schulischen Ausbildung nicht entziehen kann, jedoch für den Seniorenbereich die duale Karriere von den Steuerungsinstanzen womöglich strategisch gar nicht intensiviert werden soll. Warum also diesen Bereich zu einem aufsehenerregenden Gegenstand machen?
Vielmehr erhalten Verbände, wenn sie die Wettkampfpläne über die 30 Laufbahnberater (bundesweit) schulhalbjährlich/ semesterweise an die Eliteschulen des Sports oder Hochschulen übermitteln, bereits Punkte im Bewertungssystem. Die Verbände erhalten Punkte, wenn sie die individuellen dualen Karrierepläne regelmäßig (mindestens 1x p.a.) mit dem zuständigen Laufbahnberater abstimmen (Bewertung = 7). Dass es dabei bereits zu erheblichen Problemen kommen wird, ist vorprogrammiert.
Lösungsvorschläge des Eckpunktepapiers zur dualen Karriere
Die Stelle des Laufbahnberaters ist bundesweit personell unübersehbar zu gering besetzt, um effektiv und produktiv im Sinne jedes einzelnen Spitzensportlers zu handeln. Eine Fokussierung auf den einzelnen Athleten ist schon auf struktureller Ebene unrealistisch. Mit Blick auf die Vielzahl an Serviceleistungen, die durch den Laufbahnberater übernommen werden sollen, führt das Missverhältnis zwischen der nur begrenzten Anzahl von Laufbahnberatern („nahezu 30“) (Deutscher Bundestag, 2010d, 42) und mehreren tausend A- bis C-Kaderathleten an den Olympiastützpunkten (auch nach der neuen Aufteilung der Kaderathleten) zu einem ausufernden Tätigkeitsumfang der Berater mit schlussendlicher Überforderung. Zudem ist auch die Erstberatung der studentischen Spitzensportler häufig falsch terminiert, da sie oft erst im Alter mit ca. 19 Jahren (oder später) den Erstkontakt mit einem Laufbahnberater haben. Das Konzept bedenkt nicht, dass die meisten Nachwuchssportler in diesem Alter bereits studieren. Im Bezug auf das Studium ist also eine wichtige Entscheidung (auch bezogen auf die zu belegenden Seminare) bereits gefallen (siehe Bendrich, 2015). Für viele Sportler spielen die Laufbahnberater anschließend vermutlich nur noch eine untergeordnete Rolle, da sie möglicherweise bereits durch andere Positionen beraten wurden. Wie sollen sich die wenigen Laufbahnberater auf die unterschiedlichen Gruppen an Spitzensportlern und deren individuelle Karrieremöglichkeiten einstellen und dann möglichst effektiv auf ihre Überlegungen eingehen können?
Überlassen sie dem einzelnen Sportler die Entscheidung über eine duale Karriere?
Präferieren die Laufbahnberater bestimmte duale Karrieren aufgrund der spitzensportlichen Erfolgsaussichten (drängen sie Athleten in die Bundeswehr)?
Stellen sie für die vielen unterschiedlichen Karrieremöglichkeiten genug Expertise zur Verfügung?
Sind sie aufgrund der hohen Athletenzahl mit ihrer Schnittstellenfunktion überfordert?
Wie gehen die Stützpunktberater mit den Bedürfnissen der studentischen Spitzensportler um?
Sind ihnen die Gegebenheiten an den Universitäten vertraut?
Haben sie selbst studiert und kennen damit die spezifischen Belastungen eines Hochschulstudiums?
Kennen sie die speziellen Bedingungen der im Einzugsgebiet befindlichen Universitäten?
Sind ihnen die Grundvoraussetzungen für die einzelnen Studiengänge und Universitäten (Prüfungsordnungen, Studienordnungen, usw.) geläufig?
Kennen die Laufbahnberater die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge?
Können sie auf ein aktives Netzwerk innerhalb der Universitäten zurückgreifen? (Bendrich, 2015,123)
Über das Unterattribut Duale Karriere/ Umsetzung (Duale Karrierepläne) innerhalb des Förderkonzepts sollen individuelle duale Karrierepläne verbindlich eingeführt werden. Zum einen nur für den Olympiakader mit der Bewertung 9 und zum anderen für den Olympiakader und Perspektivkader mit der Bewertung 10. Individuelle Karrierepläne sind als sinnvolles Mittel der Förderung anzusehen, benötigen jedoch umfangreiche Ressourcen.
Duale Karriere/ Umsetzung (Duale Karrierepläne)
Dass die Karriere für jeden einzelnen Athleten geplant werden soll, ist als positiv zu bewerten. Wie die konkrete Umsetzung aussehen soll, bleibt nach Veröffentlichung des Eckpunktepapiers und der Attribute des Potentialanalysesystems völlig unklar. Wer soll die konzeptionelle Führung übernehmen? Wer entwickelt die Karrierepläne und welche Positionen übernehmen die umfangreichen Beratungsgespräche und Planungen für die einzelnen Athleten? Die Lösungsansätze für diese Fragen werden nicht präsentiert.
Dies sind bereits alle Aspekte innerhalb des gesamten Attributsystems, die sich konkret auf die duale Karriere beziehen. Eine Athletenfokussierung auch in Bezug auf die soziale bzw. berufliche Absicherung der Athleten ist weiterhin nicht zu erkennen. Die Gefahren des sozialen Abstiegs nach der aktiven Karriere bleiben bestehen, werden durch die Fokussierung auf sportliche Erfolge vervielfacht. Einem beruflich ambitionierten Spitzensportler die duale Karriere weiterhin zu empfehlen, wird immer schwieriger.
Welche Attribute könnten sich noch auf Aspekte der dualen Karriere beziehen? Das Management des Leistungssportspersonals könnte ein Bereich sein, indem auch die Laufbahnberater bzw. weitere Berater betreut und deren Arbeit evaluiert werden kann. Ob dies auch in den Planungen des DOSB angedacht ist, ist unbekannt. Die Unterattribute lassen vermuten, dass dies nicht vorgesehen ist.
Im Bereich der Aus-, Fort- und Weiterbildung ist schon eher anzunehmen, sodass dort auch die duale Karriere als Thema in Seminaren eine Rolle spielen wird. Der Bereich Wissenschaftsmanagement kann einen Einfluss auch auf die Entwicklung der Förderung der dualen Karriere haben. Dass dieser Bereich prinzipiell überprüft und ausgebaut werden soll, ist zu befürworten und seit langem erforderlich. Leistungssport und Wissenschaft haben sich voneinander entfernt und eine gewisse Skepsis entwickelt, was als ein deutlicher Mangel im deutschen Sport anzusehen ist. Dabei können die Unterattribute Vorbedingungen für Wissenschaftsmanagement (Gewichtung durch DOSB und BMI: jeweils 2), die prozessbegleitende wissenschaftliche Unterstützung (Gewichtung durch DOSB und BMI: jeweils 1), die Forschung (Gewichtung durch DOSB und BMI: jeweils 1) sowie die physische und digitale Kommunikation (Gewichtung durch DOSB und BMI: jeweils 1) eine Rolle spielen. Doch innerhalb des Wissenschaftsmanagement wird durch die verwendeten Termini im Attributsystem deutlich, dass auch hier der Fokus auf den spitzensportlichen Leistungen liegt.
Das Eckpunktepapier liefert insgesamt folgende Lösungsansätze für die duale Karriere der studentischen Spitzensportler:
Lösungsansätze des Eckpunktepapiers 2016 hinsichtlich der dualen Karriere
Lösungen im Eckpunktepapier
Kommentar zu den Lösungsvorschlägen
hochwertigen und individuellen Beratung und Betreuung der Athleten durch die Laufbahnberater an den Olympiastützpunkten
Bereits in den alten Konzepten war dies vorgesehen (siehe oben), ist bis heute nicht gelungen (siehe oben).
Ausbau der zentralen Steuerung durch den Aufbau einer Informationsstelle der Laufbahnberatung im DOSB, unter Beibehaltung der regionalen Verankerung an den Olympiastützpunkten
Zentralisierung durch den DOSB, lange angestrebt, bis jetzt beschäftigt sich lediglich ein hauptamtlicher Mitarbeiter mit dem Thema.
Die Laufbahnberatung ist aufgrund des deutlichen Missverhältnisses zwischen Laufbahnberater (ca. 30) und Athleten (ca. 3800) ineffektiv (siehe oben).
„Qualität“ der Förderung (Höhe, Intensität, Quantität) soll sich künftig stärker an der Perspektive der Athleten orientieren.
Sportler mit Ambitionen im spitzensportlichen und beruflichen Bereich werden noch stärker unter Druck gesetzt. – sportliche Schwankungen, die bei studentischen Spitzensportlern häufig vorkommen, werden negativ bewertet. Dies kann zu ungewollten Konsequenzen führen (z.B. Karriereende, Manipulation, Doping, Korruption usw.)
„Hochschul-Profilquote“ in allen 16 Ländern Profilquote für die von der Stiftung „Hochschulstart“ zentral
Dies ist in einigen Bundesländern Realität – jedoch auch mit negativen Konsequenzen. Verbände und DOSB sind der Ansicht dass sich die Chancen für die Athleten aufgrund der eingeführten Profilquote verbessern. In der Praxis jedoch erschweren die Quoten Studentensekretariaten häufig die Zuteilung der gewünschten Studienfächer aufgrund der festgelegten Prozentsätze erheblich; es kommt dadurch an einigen Standorten zu einer Umkehrung des Vorteils in einen Nachteil (siehe Teil 3)
alle Flexibilisierungsmöglichkeiten durchgängig auszuschöpfen – Zugeständnisse und Möglichkeiten der Hochschulen- Die Verbände
Die studentischen Spitzensportler sollen dabei alle Zugeständnisse der Hochschulen ausschöpfen- jedoch sind diese Zugeständnisse begrenzt, da Hochschulen nicht von den Spitzensportlern abhängig sind. Jedoch sind umgekehrt einige Verbände stark abhängig von studentischen Spitzensportlern – sie sollten den Athleten Zugeständnisse eingestehen und den Sport auch auf das Studium anpassen – eine Umkehrung des ursprünglichen Vorschlags wäre deutlich effektiver
Eine ernsthafte, direkte und klare subjektorientierte Förderung von Spitzensportlern ist weiterhin nicht zu erkennen. Vielmehr wird daran festgehalten, Athleten über viele verschiedene Institutionen und Positionen zu fördern, sodass ein Großteil der finanziellen Förderungen gar nicht beim Athleten ankommt, sondern bereits auf dem Weg in einem unübersichtlichen Dickicht von Positionen und Fördermaßnahmen verloren geht.
Es lässt sich nur schlussfolgern, dass die versprochene Athletenorientierung ausschließlich auf die leistungssportliche Unterstützung bezogen ist, da eine Fokussierung hin zu einer beruflichen/ sozialen Absicherung nicht zu identifizieren ist (Im Attributsystem: Bewertung und Umfang zu gering / Im Eckpunktepapier: keine neuen Lösungsansätze/ wenig Substanz). Auch im spitzensportlichen Bereich ist zu erkennen, dass es vielmehr darum geht, den Verbänden ein verschärftes Wertesystem aufzuzwingen, als dass Athleten tatsächlich im eigenen Interesse handeln können. Möglicherweise kann eine Verbesserung der spitzensportlichen Unterstützung geschaffen werden, jedoch wird die Handlungsfähigkeit des einzelnen Athleten beschränkt, wenn nicht sogar weiter dezimiert. Der Athlet steht nicht im Fokus des Potentialanalysesystems PotAS oder des Eckpunktepapiers, er wird vielmehr zur Wertanlage des Dachverbandes. Der Dachverband will die Erträge (=Medaillen) vermehren, um die Gewinne (durch die Förderung des Bundes) des eigenen Unternehmens zu steigern. Im weiteren Sinn mutieren die Athleten durch das Primärziel Medaille wirtschaftlich gesehen zu kurzfristigen Anlagen. Die handelnden Funktionäre haben nicht erkannt, was moderne Spitzensportförderung in einer demokratischen Gesellschaft bedeutet. Das Ziel, den Athleten in den Mittelpunkt der Förderung zu stellen, misslingt. Bei der Vorstellung des Eckpunktepapiers vor dem Sportausschuss wurde dies zwar propagiert, jedoch fehlen dafür die inhaltlichen Ideen.
Es ist zudem zutiefst irritierend, dass es hinsichtlich des neuen Fördermodells keine öffentliche Diskussion geben konnte. Eine breite Debatte konnte aufgrund Geheimniskrämerei während der Entwicklungsphase (letzten zwei Jahre) nicht stattfinden. Das Programm wurde nicht durch eine größere Anzahl von Spitzensportlern mitentwickelt, sondern es waren wieder die Funktionäre und Mitarbeiter der steuernden Institutionen, die das Programm entwickelt haben, ohne eine größere Zahl an Athleten partizipieren zu lassen. Die dualen Bedingungen von Sportlern werden missachtet, ein breit angelegter Dialog zu diesem Thema bleibt aus.
Auch zu einer Evaluation der aktuellen Bedingungen kam es nicht; so konnte auch nicht festgestellt werden, ob es bereits einzelne gut funktionierende Fördermaßnahmen gibt oder ob die Athleten spezielle und konkrete Bedürfnisse besitzen. Ehemalige Spitzensportler, als kritische Begleiter, wurden nicht mit in die Entwicklung neuer Fördermaßnahmen mit eingebunden. Es hat den Anschein eines „Weiter-so“ mit neuen Termini und einem noch mächtigeren Dachverband.
Mündigen, selbstreflektierten und beruflich ambitionierten Spitzensportlern wird es noch schwerer fallen, biographisch alles für den Spitzensport zu riskieren; der Leistungssport muss Angst haben, seine Talente zu verlieren.
[1] Das Problem des Monopols ist ein spitzensportliches Problem, da ein Athlet sich seinen Verband nicht frei aussuchen kann, sondern sowohl an seinen eigenen Fachverband als auch an den Dachverband fest gebunden ist. Die Zusammenarbeit mit diesen Verbänden muss funktionieren, ansonsten ist eine Karriere im Spitzensport nicht möglich. Der DOSB hat eine Monopolstellung inne, die auch den anerkannten Sportfachverbänden zugesprochen wird. Es gilt das sogenannte „Ein-Platz-Prinzip“ oder „Ein-Verband-Prinzip“. Um als Fachverband Mitglied des DOSB zu werden und finanzielle Unterstützung zu erhalten, muss dieser die staatliche Anerkennung zugesprochen bekommen. Es wird für jede Sportart sowohl ein nationales als auch internationales Marktmonopol geschaffen. Verbände, die nicht durch DOSB und Staat anerkannt werden, können keine finanzielle Förderung des Staates in Anspruch nehmen, eine Markteintrittsbarriere entsteht (vgl. Langer, 2006a, 66; Kubat, 1998, 4). Diese Ansicht wurde bereits 1977 durch das Zivilsenat des Bundesgerichtshofs Karlsruhe in der Urteilsbegründung der verworfenen Revisionsklage des DSB eindeutig umschrieben: „Der Beklagte hat auf dem Gebiet des Sports in der Bundesrepublik Deutschland eine Monopolstellung. (…) Die vollständige Teilnahme am organisierten Sportverkehr – insbesondere im Bereich des Leistungs-sports – und die Ausübung des Vereinssports ist infolgedessen für einen Verband oder Verein, der nicht unmittelbar dem Beklagten angehört, wesentlich erschwert“ Richterspruch (vgl. Lehmbruch, 1979, 15-22).
[2] „ Auf der Grundlage der im Berechnungssystem PotAS ermittelten Clusterung führt DOSB unter Einbeziehung des BMI, der Länder, der LSB, der Partner FSL/WISS und der SDSH mit den Spitzenverbänden Strukturgespräche. DOSB, BMI und Länder bereiten auf dieser Grundlage Fördervorschläge für die Förderkommission vor („Gesamtpaket für alle Förderbereiche“)“ (Eckpunktepapier, 2016).
Der 5. Teil der Reihe „Frust über das System Sportdeutschland“ zur Reform des olympischen Hochleistungssportsystems in Deutschland. Es folgt der wohl aus Athletensicht wichtigste Teil, da er sich mit der Athletenfokussierung des Reformpapiers auseinandersetzt.
Titel: Kritik an Spitzensportreform – „Nicht nur nach Medaillen streben“ – Die Reform des deutschen Spitzensports sorgt weiter für Diskussionen (Sportpolitik National) Link: http://www.handelsblatt.com/14710902.html?share=twitter
Das Potentialanalysesystem („PotAS“) (vgl. Kempe, 2016)
Der neue zentrale Begriff der Leistungssportreform 2016 ist die „potenzialorientierte Förderstruktur“. Das neue „Perspektivische Berechnungsmodell“ wird das alte System der Grund- und Projektförderung ersetzen. Dabei soll die bis heute unbekannte Bewertungskommission Ergebnisse liefern, die die Einordnung und schlussendlich die Förderung der unterschiedlichen Disziplinen (nicht ausschließlich Sportarten) erleichtern soll. Die Kommission erhält das neu einzuführende Potenzialanalysesystem („PotAS“), das unter Einbeziehung von 20 Attributen eine erste Einstufung der Sportarten vornimmt. Diese 20 Attribute (einige sind unten bereits zu finden) und ca. 60 Unterattribute sollen die Bewertungskommission unterstützen, Empfehlungen für die Sportdisziplinen abzugeben (vgl. Kempe, 2016).
Der neue zentrale Begriff der Leistungssportreform 2016 ist die „potenzialorientierte Förderstruktur“. Das neue „Perspektivische Berechnungsmodell“ wird das alte System der Grund- und Projektförderung ersetzen. Dabei soll die bis heute unbekannte Bewertungskommission Ergebnisse liefern, die die Einordnung und schlussendlich die Förderung der unterschiedlichen Disziplinen (nicht ausschließlich Sportarten) erleichtern soll. Die Kommission erhält das neu einzuführende Potenzialanalysesystem („PotAS“), das unter Einbeziehung von 20 Attributen eine erste Einstufung der Sportarten vornimmt.
Das Potentialanalysesystem („PotAS“) (vgl. Kempe, 2016)
Diese 20 Attribute (einige sind unten bereits zu finden) und ca. 60 Unterattribute sollen die Bewertungskommission unterstützen, Empfehlungen für die Sportdisziplinen abzugeben (vgl. Kempe, 2016).
Potenzialanalysesystem („PotAS“)
20 Attribute zur Einordnung von Disziplinen
a) Finalplätze
b) Leistungspotential
c) Reproduzierbarkeit der Medaillen
d) Management des Leistungssportpersonals
e) Entwicklungspotential
f) Richtlinienkompetenz
g) Moderne Führungsstruktur
h) Vertretungsarbeit
i) Wissenschaftsmanagement
j) Konstanz / Reproduzierbarkeit
k) Rahmentrainingskonzeption
l) Aus-, Fort- und Weiterbildung
m) Aktuelle Olympische Spiele
n) Finalplätze bei den Olympischen Spielen
o) Wissensmanagement
p) Gesundheitsmanagement
q) Management des Leistungssportpersonals
r) Nachwuchs
s) Duale Karriere
Nach diesen Attributen werden einzelne Sportarten oder vielmehr einzelne Disziplinen bewertet, von null bis zehn Punkten. So ergibt sich das jeweilige Cluster, das weitreichende Folgen für die Zukunft einer Sportart haben kann. Letztendlich sollen die einzelnen Disziplinen in die folgenden Cluster eingeteilt werden:
Cluster 1-3 der potentialorientierten Förderstruktur (2016)
Einige wenige Attribute sind sinnvoll gewählt und für die Zukunft des Leistungssports in Deutschland wichtig. Dass sie nun zum Teil zum ersten Mal konkret benannt werden und als eine der wichtigsten 20 Attribute aufgelistet werden, ist ein richtiger Schritt und positiv zu bewerten. Jedoch stellt sich die Frage, wie ein Großteil der Attribute durch die Kommission bewertet werden sollen und mit anderen vergleichbar sind. Zum einen werden Verbände bei harter Auslegung in einigen Bereichen die Bewertung Null zu befürchten haben (wäre die strikte Handhabung des neuen Fördervorgaben), da sie gewisse Leistungen noch nicht aufweisen können; zum anderen sind einige Attribute auch durch Experten schwer zu bewerten, wobei auch das Potentialanalyseprogramm PotAS begrenzt Abhilfe und Transparenz schaffen kann. Wie z.B. soll die Software das Potenzial oder die Entwicklung eines Sportlers voraussagen? Können die Attribute alle in den gleichen Abstufungen, also von 1 bis 10, realistisch bewertet werden? Attribute wie Finalplätze oder Konstanz können zwar durch Zahlen belegt werden, würden aber nur an vergangenen Leistungen gemessen werden. Wie mögliche Potentiale realistisch vorausgesagt werden und von wem, bleibt unklar. Die Fachverbände werden immer im eigenem Interesse handeln, was auch legitim ist und zu ihren Aufgaben gehört und aus den letzten Zielvereinbarungen bereits bekannt ist. Viele Attribute sind schwer zu bewerten und bedürfen einer genauen, detailreichen Prüfung, wenn dies fair gegenüber allen Beteiligten (Verbänden/ Disziplinen/ Sportlern) ablaufen soll. Wer soll diese umfangreichen Prüfungen übernehmen? Wo kommen die personellen Voraussetzungen dafür her? Diese Prüfungen mit den aktuellen personellen Besetzungen durchzuführen, scheint utopisch.
Es bleibt offen, wie die einzelnen Spitzenverbände diese neu geforderten Verbesserungen auf Verbandsebene umsetzen sollen. In vielen Bereichen wie der Professionalisierung von Verbänden und der Betreuung von Athleten, bedeutet dies eine Aufstockung von hauptamtlichem Personal. Zudem werden die Verbände zu Veränderungen gezwungen, ohne dass bekannt ist ob tatsächlich eine intrinsische Motivation vorliegt. Wie diese umfangreichen Aufstockungen finanziert werden sollen, bleibt weiterhin offen. Forderungen im Konzept sind richtig und sinnvoll. Besonders die Betreuung der Athleten und die Förderung der dualen Karriere muss endlich auch in den Verbänden initiiert werden, da dies in den letzten Jahren vernachlässig bzw. ignoriert wurde. Nur eine deutliche personelle Aufstockung durch Experten in diesem Bereich kann eine Lösung herbeiführen, die wiederrum auch vom Fördertopf des Bundes mitfinanziert und angeschoben werden muss.
Schlussendlich stellt sich für den gesamten Bereich die Frage, wie garantiert werden kann, dass Bewertungsentscheidungen tatsächlich unabhängig ablaufen. Viele der in der Kommission sitzenden Experten werden aus dem Hause des DOSB stammen oder haben durch ihre unterschiedlichen Positionen/ Institutionen auch immer wieder Eigeninteressen bzw. die Interessen ihrer Sportart/ ihres Verbandes. Die Fragen verdeutlichen, wie komplex die Sachlage ist und viele dieser Fragen können bis zur Veröffentlichung des gesamten Konzeptes nicht im Detail beantwortet werden.
Die Besetzung der Bewertungskommission und die anschließenden Strukturgespräche machen eine unabhängige, transparente Entscheidung durch die aktuellen Gegebenheiten schwierig, nahezu unmöglich. Die aktuellen 20 Attribute verdeutlichen zudem, dass der einzelne Athlet, anders als vom Eckpunktepapier propagiert, auch zukünftig nicht in den Fokus der Sportförderung rücken wird (siehe dazu Teil 5->nächste Woche). Zudem scheinen wichtige Attribute zu fehlen (Themen: Doping, Korruption, Verbandsführung, Transparenz uvm.). Auch das Kriterium der gesellschaftlichen Relevanz einer Sportart wird in dem Konzept weiterhin nicht erwähnt, sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, da man ansonsten Sportarten schwächt die möglicherweise tief in der deutschen Gesellschaft verankert sind.
Themen des 5.Teils: Nachwuchsförderung, Der Athlet im Fokus der Förderung ->folgt nächste Woche
Nur noch wenige Tage bis zur Veröffentlichung der Leistungssportreform des DOSB. In dieser Woche teilte der parlamentarische Staatssekretär Ole Schröder mit:
„Wir sind noch nicht fertig mit der vollständigen Ausarbeitung der Spitzensportreform. Wir sind schon sehr weit und wenn es jetzt noch Änderungen bedarf für 2017, wird das im parlamentarischen Verfahren eingearbeitet werden“ (Schröder, 2016, siehe Kempe, 2016).
Erste Entscheidungen und Strukturen hinsichtlich der Leistungssportreform will der Bundesinnenminister de Maiziere nächste Woche im Sportausschuss und der DOSB den Verbänden am 17. Oktober vorstellen.
Olympische Ringe Photo: @Ozzy Delaney
Es sind nur wenige Details bekannt, jedoch lassen sich aus Aussagen der Verbandsfunktionäre erste Denkanstöße ableiten. Der DOSB möchte sich von den in die Kritik geratenen Begriffen der Grund- und Projektförderung und den Zielvorgaben trennen und diese durch neue Förderstufen und mehr Transparenz ersetzen. Doch wird dieses neue Programm den Spitzensport reformieren, oder ist es vielmehr ein trojanisches Pferd für einige Fachverbände und Sportler?
Die drei neuen Förderstufen der Leistungssportreform lassen durchaus gute Ideen erkennen, jedoch besteht die Befürchtung, dass viele dieser Ideen als Denkansätze auf dem Papier verbleiben und letztendlich der DOSB und das BMI abermals das Sagen über endgültige Entscheidungen haben werden anstatt Wissenschaftler und aktive/ ehemalige Athleten mit der Entwicklung von Strukturveränderungen und Fördermöglichkeiten zu beauftragen. Es besteht die Befürchtung auf Seiten vieler Verbände und Sportler, dass es auch diesmal wieder um Machterhaltung innerhalb des deutschen Sports geht und die neuen Förderstufen durch die mächtigen Funktionäre zu eigenen Gunsten ausgehebelt werden.
Selbstverständlich ist eine Aufweichung der Förderstrukturen von Nöten, um Sportarten wie die olympische Kernsportart Schwimmen nicht ausbluten zu lassen, dies steht außer Frage; jedoch nur mit neuen überzeugenden und ernsthaften Programmen sollten diese Verbände auch weiterhin gefördert werden.
Fördersumme 2017
Zunächst die aktuellen Zahlen zur Spitzensportförderung in Deutschland: 160 Millionen Euro sollen im kommenden Jahr in den Spitzensport fließen.
Fördermittel für den deutschen Spitzensport im Jahre 2017
Verbände/ Institution
Summe
olympischen Spitzensportverbände:
62,79 Millionen Euro (2016: 63,14 Millionen Euro)
nichtolympischen Verbände:
2,4 Millionen Euro erhalten (2,46 Millionen Euro).
paralympischen Sport :
7,13 Millionen Euro (7,23 Millionen Euro)
olympischen Spitzensport:
Projektfördermittel in Höhe von 71,56 Millionen Euro (75,38 Millionen Euro)
paralympische Spitzensport:
Projektfördermitteln in Höhe von 323.000 Euro (630.000 Euro)
Sportförderung zuzurechnende Personal- und Sachkosten im BMI:
4,7 Millionen Euro (4,58 Millionen Euro)
Sportförderung zuzurechnende Personal- und Sachkosten im Bundesinstitut für Sportwissenschaften und BISp:
3,73 Millionen Euro (3,86 Millionen Euro)
Bundesinstitut für Sportwissenschaften bei der Bundespolizei:
10,16 Millionen Euro (9,96 Millionen Euro)
Gesamtsumme:
ca. 160 Millionen Euro
Leistungssportreform – Was bis heute bekannt ist
Bis heute ist über ein neues Förderprogramm Folgendes bekannt: Die aktuelle Grund- und Projektförderung, die für die Olympischen Spiele in Rio genutzt wurde, soll spätestens 2018 vollständig abgeschafft werden. Zukünftige Potentiale sollen für jede einzelne Disziplin und nicht Sportart eine prominentere Rolle spielen. Eine Bewertungskommission aus Mitgliedern des DOSB und externen Beratern bzw. Wissenschaftlern soll jede einzelne olympische Disziplin minutiös analysieren und bewerten (Anteil der unterschiedlichen Experten noch unbekannt). Eine Kommission mit externen Beratern ist zu begrüßen. Wie diese Kommission konkret besetzt werden soll und wie viel Entscheidungsspielraum sie später erhält oder eher zu einer Beratungskommission verkommt, ist noch nicht bekannt.
Nach dieser Bewertung durch die Kommission sollen die Sportarten durch ein neuartiges Computerprogramm analysiert und in drei unterschiedliche Fördergruppen/ Cluster unterteilt werden. Die Gruppe eins wird dabei die umfangreichsten Fördersummen erhalten und Gruppe drei die wenigsten (vgl. http://www.sueddeutsche.de/sport/sportpolitik-mehr-als-kriterien-1.3126916). Verbände in Cluster 3 werden zu kämpfen haben. Jedoch ist mit diesem Schritt nicht die Evaluation der Sportarten beendet, sondern es folgt ein weiterer Schritt, der einen wohl wichtigen Einfluss auf die Förderung haben kann und vermutlich haben wird: die Gespräche zwischen BMI, DOSB, Bundesländern und den Fachverbänden. Diese präsentieren der neuen Kommission ebenfalls Vorschläge. Wie dieser Prozess detailliert ablaufen soll, wird entscheidend für Veränderungen sein. Es stellt sich Frage, was passiert, wenn sich die einzelnen Akteure/ Institutionen in diesen Gesprächen nicht einig sind und die Bewertungskommission und der DOSB und das BMI unterschiedlicher Ansicht sind bzw. zu weit auseinander liegen? Gelangen wir dann wieder zum Ausgangspunkt? Wie geht es weiter? Oder sprechen dann DOSB und BMI das Machtwort? Schafft dieser Prozess Transparenz? Es entstehen Fragen über Fragen!
Rhetorik der Führungspersonen
Der DOSB Präsident Hörmann spricht seit den Olympischen Spielen in Rio in diesem Zusammenhang von den leistungsbereiten und leistungsfähigen Spitzensportlern, die der Verband in Zukunft besonders fördern möchte. Diese Ausdrucksweise irritiert, da sie sich einer alten bereits aus den letzten Jahrzehnten bekannten und in den 70ger Jahren entstandenen Denkweise anschließt und Spitzensportler abermals durch neue Strukturvorgaben erheblich unter Druck setzt, Leistungen zu erbringen. Zudem widersprechen diese Strategien den noch jungen Worten des Bundespräsidenten Gauck bei der Willkommensfeier der deutschen Athleten aus Rio in Frankfurt.
„Ich möchte nicht Präsident eines Landes sein, das Medaillen um jeden Preis will. Das hatten wir schon einmal in Deutschland. Wir wollen stolz auf das sein, was wir mit Fairness und mit eigenen Mitteln geschafft haben. Und das ist viel“ (Gauck, 2016).
Mit dem jetzigen Führungstrio im DOSB und BMI erscheint ein solcher Paradigmenwechsel im deutschen Spitzensport unwahrscheinlich. Hörmann und Vesper, Funktionäre der alten Schule und tief verwurzelt im System „Bach“, und ein Innenminister, der als ehemaliger Verteidigungsminister, die Förderstrukturen des Spitzensports innerhalb der Bundeswehr nicht anzweifelt und aktuelle Fördermaßnahmen ausgiebig lobt, machen tiefgreifende Reformen unwahrscheinlich. DOSB-Präsident Alfons Hörmann und Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatten bereits im März bekräftigt, dass sie „partnerschaftlich, Hand in Hand“ arbeiten wollen. Doch tiefgreifende Reformen wären wichtig und könnten dem deutschen Spitzensport entscheidende Impulse geben. Würden allein die auf einzelne Institutionen festgeschriebene Summen (z.B. die 30 Millionen Euro der Bundeswehr) der gesamten Athletengruppe als Fördermittel bereitgestellt, würde dies unerwartete Potentiale freisetzen. Würde man die duale Karriere an sich in den Vordergrund stellen, wäre viel getan und man würde sich den Worten Gaucks deutlich annähern. Selbstverständlich sollten Spitzensportler auch weiterhin die Möglichkeit erhalten ihre duale Karriere bei der Bundeswehr zu verfolgen. Jedoch sollten duale Karrieren jeglicher Art in gleichem Maße gefördert werden und besonders von einer singulären Förderung innerhalb des Militärs (aus Zeiten des kalten Krieges) Abstand genommen werden.
„Unsere Aufgabe ist es, die sportfachliche Beurteilung und Führung zu übernehmen“ (Hörmann, 2016).
In wie weit werden die Funktionäre dieser Aufgabe gerecht? Viele der Funktionäre kennen die Probleme der Basis des Leistungssports nicht ausreichend und auch die Berufsinteressen der deutschen Spitzensportler haben sich in den letzten Jahren deutlich verändert.
Olympische Ringe Photo: @Ozzy Delaney
DOSB und BMI werden weiterhin an den vorhandenen Fördermaßnahmen festhalten, anstatt diese auf ihre Effizienz zu überprüfen (siehe Kritik des Bundesrechnungshofes). Wieso wird an der Förderung der Bundeswehr festgehalten, obwohl sowohl die sportlichen Erfolge in den olympischen Sommersportarten unterdurchschnittlich sind (siehe Maennig, 2012) und auch die Effizienz der Förderung in den letzten Jahrzehnten nicht überprüft worden ist? Die unübersichtlichen Strukturen machen eine Überprüfung aktuell unmöglich.
Die duale Karriere und der DOSB
Zudem ist es wenig beruhigend, dass lediglich eine hauptamtliche Stelle im DOSB sich mit dem Thema „duale Karriere“ beschäftigt. Was ist aus dem Zehn-Punkte-Papier des DOSB zur Dualen Karriere aus dem Jahre 2013 geworden? Die Möglichkeit einer dualen Karriere für die Spitzensportler ist entscheidend für den sportlichen und nachfolgenden beruflichen Erfolg. Dies ist auch das Fazit einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln, die auf einer Online-Befragung aktiver und ehemaliger Spitzenathleten beruht (siehe Breuer, 2015).
Für einen Mitarbeiter das gesamte Thema der dualen Karriere abzudecken, erscheint unmöglich. Dies sind nicht nur die studentischen Spitzensportler sondern alle Leistungssportler mit einer parallelen Berufsausbildung. Dass die Kapazitäten dadurch begrenzt sind, ist verständlich. Konträr dazu betont der DOSB jedoch immer wieder, wie wichtig die duale Karriere ist und sein wird, scheint jedoch mit den eigenen Ressourcen wenig für diesen wichtigen Bereich zu tun.
Die duale Karriere im DOSB – Am Beispiel adh
Auch die Kooperation mit dem Verband der deutschen studentischen Spitzensportler erscheint unbefriedigend. Die Kommunikation zwischen den beiden Verbänden ist hinsichtlich des Themas studentischer Spitzensport unbefriedigend und nahezu nicht existent.
Die erst vor wenigen Monaten gelaunchte Website „duale-Karriere.de“ ist ein herbe Enttäuschung für die aktiven Athleten und verdeutlicht die Hilflosigkeit und den Aktionismus des Spitzenverbandes in diesem Bereich. Viele der auf der Seite präsentierten Informationen und Hilfestellungen waren bereits auf der Homepage des DOSB zu finden. Besonders für Spitzensportler mit Interesse an einer dualen Karriere an deutschen Hochschulen ist diese Informationsplattform lediglich ein erster Anhaltspunkt im tiefen Dickicht des unübersichtlichen Datenjungle des deutschen Spitzensports. Selbst der adh wurde nicht mit in die Entwicklung der Homepage eingebunden und auch nicht hinsichtlich wichtiger Kooperationshochschulen befragt. Und dies obwohl der adh dem DOSB die Namensrechte an der Website überlassen hatte. Vielmehr entschied sich der DOSB die Universitäten auf direktem Wege zu befragen, ohne den adh miteinzubinden. Dies führte auch auf Seiten der Hochschulen und des adhs zu Irritationen. Der Dachverband arbeitete bewusst an einem Mitgliedsverband vorbei. Wie es schlussendlich zu der Auswahl der Hochschulen auf der Homepage „duale Karriere“ gekommen ist, bleibt bis heute unklar. Zunächst wurde eine scheinbar willkürliche Auswahl und Anzahl an Hochschulen präsentiert. Erst nach einigen Wochen fiel dem Dachverband z.B. auf, dass sie selbst die von ihnen hochgelobte Militärhochschule in Hamburg nicht mit aufgelistet hatten.
Die Entwicklung der Homepage spiegelt einen undurchdachten Aktionismus des DOSB wider, der dem deutschen Spitzensport in turbulenten Zeiten in der Öffentlichkeit nicht gut zu Gesicht steht. Nun ist der Verband in der Pflicht, hinsichtlich der Leistungssportreform einen besseren und besonders transparenteren Job zu machen.