Die Offenbarung des kommerziellen Spitzensports – Die Gier des IOC ist größer als die Vernunft

no-olympics-202_45178817Die Corona-Krise ist eine Offenbarung für die Elite des deutschen und internationalen Profisports. Die Maske des Humanitarismus fällt durch ein neuartiges Virus endgültig. Funktionäre, Verbände, Ligen und Athleten reagieren auf die Krise und zeigen, welche Interessen sie tatsächlich haben.

Besonders besorgniserregend ist die Reaktion von Funktionären der reichsten Sportligen und -Organisationen, so national der Fußball-Bundesliga und international des IOC.

Fußballbundesliga-Funktionäre wollten während der existentiellen Krise an Geisterspielen festhalten, um eine weitere Tranche der Fernsehgelder zu erhalten. Bis zuletzt fanden Spiele noch unter der Beteiligung der Fans statt, obwohl das Virus z.B. rund um Stuttgart bereits grassierte und Mönchengladbach (beim Spiel gegen Dortmund) nur wenige Kilometer von der sehr betroffenen Virusregion Heinsberg liegt. Zu “Flattening the Curve” hat die Bundesliga nicht beigetragen, eher als Brandbeschleuniger – dies gilt es nach der Pandemie detailliert aufzuarbeiten. Die Bundesliga wurde durch öffentlichen Druck gestoppt, das Risiko eines zu hohen Imageverlustes des Produktes Bundesliga war der alleinige Grund für eine Saisonunterbrechung.

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Die multimilliardenschwere Kommerzmaschine Spitzensport bringt jedoch weitere soziale Konflikte zum Vorschein. Ist es gerechtfertigt, dass Sportstars der Bundesliga oder NBA aufgrund ihres “Marktwertes” übermäßig häufig als Vorsichtsmaßnahme auf das Coronavirus getestet werden, obwohl in vielen Regionen diese Tests für Schwererkrankte fehlen. Zwar argumentieren die Proficlubs damit, dass sie Vertragspartner im Gesundheitswesen haben und diese deshalb schnell und unkompliziert Tests ermöglichen. Doch ist ein solches Vorgehen gerecht und moralisch vertretbar? Könnten nicht genau diese Ressourcen anders genutzt werden? Gerade wenn die Verunsicherung in der Normalbevölkerung groß ist und nur bei klaren Symptomen eine Teststation aufgesucht werden darf. Sind dann solche medizinischen Privilegien gerechtfertigt? Aus wirtschaftlicher Sicht sicherlich, aus moralischer eher nicht.

Auch FIFA-Präsident Infantino gibt durch sein Handwaschvideo ein eigenartiges Bild in der aktuellen Krise. Er macht sich damit fast schon lustig über die weltweite Pandemie.  Will sich Mr. Infantino im symbolischen Sinne von allen möglichen Machenschaften reinwaschen? Infantino, der gerne für sich das Image des “Mr. Proppers” des internationalen Fußballs propagiert (der alles aufräumt und säubert), entpuppt sich aufgrund seiner korrupten Hinterzimmerdeals und seiner offensichtlichen Insensibilität vielmehr als “Mr. Improper”.

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IOC vs. Athleten

Getoppt wird das ganze aktuell nur noch durch das IOC. Das affärengestählte IOC – als weltweiter Dachverband – ist ein weiteres Beispiel für die Offenbarung des kommerziellen Spitzensports. Trotz eines vollständigen Lockdowns in vielen Staaten, hält das IOC an dem Termin der Olympischen Spiele im Sommer fest,  obwohl ein Ende der Pandemie nicht absehbar ist und die Athleten in vielen Ländern zurzeit nicht regelmäßig und unter professionellen Bedingungen trainieren und sich vorbereiten können. Durch den Host City Vertrag ist Tokio und die japanische Regierung hinsichtlich einer Verschiebung der Spiele machtlos, das letzte Wort hat immer das IOC. Der Host City Vertrag besagt, dass das IOC die Möglichkeit hat, die Spiele dem Gastgeber jederzeit zu entziehen (Seite 81), wenn das IOC das Gefühl hat, die Teilnehmer werden nicht ausreichend geschützt und einem unnötigen Risiko ausgesetzt. Der aktuelle Virus wäre ein triftiger Grund die Spiele zu verschieben oder ganz ausfallen zu lassen. Versichert wäre das IOC auch, jedoch geht es nicht nur um aktuelle, sondern besonders um zukünftige Einnahmen – die Gier ist größer als die Vernunft. IOC-Chef Bach scheint entgegen der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu glauben das hochansteckende Virus mit tiefeinschneidenen gesellschaftlichen Konsequenzen sei bis zum Sommer besiegt. Es besteht die Möglichkeit die Spiele zu verschieben, dies wird bisher partout abgelehnt. Hinzukommt, dass in zahlreichen Staaten, aus nachvollziehbaren Gründen, die Dopingtests zurückgefahren (z.B. Deutschland) oder ausgesetzt (z.B. China) werden mussten – aber auch diese Tatsache ist kein Argument für das IOC, eine Verschiebung in Erwägung zu ziehen. Dies erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Athleten unterschiedlich gut auf den Saisonhöhepunkt vorbereiten können und womöglich bei illegalen Methoden aktuell noch “unentdeckter” bleiben. Auch ein “Jahr der Doper” scheint dem IOC keine Sorgen zu bereiten. Ist das IOC an effektiven Dopingtests interessiert oder wird das IOC weiterhin von Profitgedanken mit umfangreichen Verträgen geleitet?

Definitiv würden die geschilderten Umstände im Sommer nicht zu fairen Wettkämpfen führen – sondern  eher zu Glücksspielen verkommen: in welcher Region lebt der Athlet, wie stark ist diese von der Pandemie betroffen und welche Einschränkungen gibt es im Hinblick auf die Trainingsmöglichkeiten? Einige Regionen werden von der Pandemie später betroffen sein (z.B. Afrika), auch deshalb erscheint eine Verschiebung der Spiele um wenige Monate unrealistisch. Können alle Athleten in Zeiten einer Pandemie gesund zu bleiben, wenn man davon ausgeht, dass sich in den nächsten 12-18 Monaten 60-70% der Bevölkerung damit anstecken – alles Dinge, die Athleten nur bedingt selbst beeinflussen können.

Das Beispiel des Schwimmers Cameron van der Burgh:

Cameron van der Burgh auf Twitter

Hinzukommt, dass auch die sportlichen Vergleiche sowie Qualifikationsmöglichkeiten für die Spitzensportler weggebrochen sind. Wer noch nicht qualifiziert ist, weiß nicht wie es weitergeht. Mitte Juli können Athleten nur unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen aufeinandertreffen und möglicherweise zu einer weiteren unkontrollierbaren Petrischale für eine weitere große Welle an Infektionen werden.

Die Pandemie offenbart die Tatsache der vollständigen wirtschaftlichen Orientierung sowie Korrumpierung des olympischen Sports. Als weltweiter Dachverband zeigt das IOC das erschreckende Bild eines auf finanzieller Gier basierenden Systems, das kein Interesse an der Gesundheit der Athleten noch der Weltgemeinschaft hat – sondern sich ausschließlich an der Profitmaximierung orientiert. So ließ das IOC aufgrund des Ausschlusses des internationalen Boxverbands (Grund: Korruption) Mitte März in der durch das Coronavirus betroffenen englischen Hauptstadt ein Box-Qualifikationsturnier austragen und brach diese Veranstaltung erst am dritten Tag ab, und dies obwohl Gesundheitsexperten bereits vor dem Boxturnier von dieser Veranstaltung abgeraten hatten. Gestern begrüßten trotz der Coronakrise über 50.000 Menschen das Olympische Feuer in Japan, weitere Ansteckungen durch das Event Olympia sind wahrscheinlich.  Der Deckmantel des IOC fällt durch das verantwortungslose Verhalten seiner Funktionäre. Durch die Krise wird das System aus Gier, Selbstbereicherung und sozialer Verantwortungslosigkeit einmal mehr offengelegt.  Bis heute ist weder Solidarität oder Einfühlvermögen seitens des IOC-Präsidenten zu erkennen – vielmehr wirkt er wie ein emotionsloser Roboter einer gut geölten Gelddruckmaschine. Auch im neuen und millionenschweren Hauptquartier in Lausanne scheinen Mitgefühl und Moral Fremdwörter zu sein. Besonders die möglichen gravierenden finanziellen Einbußen halten die höchsten Repräsentanten des Weltsports davon ab, offen weitere Optionen zu diskutieren oder über eine Verschiebung der Spiele nachzudenken.  Bach erkennt nicht, dass der olympische Sport nicht systemrelevant ist. Der Sport ist und bleibt, wenn fair und transparent, eine der schönsten Nebenbeschäftigungen der Welt – nicht mehr und nicht weniger. Stattdessen sind es die Funktionäre und Mitarbeiter des IOC, die sich bis heute in ihrer Position und Bedeutung selbstüberschätzen. Der IOC-Präsident trägt durch sein Rumgedruckse indirekt dazu bei, die Pandemie zu verharmlosen und dies, obwohl jeder einzelne auf die Solidarität seiner Mitbürger angewiesen ist.

Der Jurist Bach kann die Mogelware IOC besser verpacken, als z.B.  die rhetorisch oft ungeschickten Fußballbundesliga-Funktionäre. Langjährige Wegbegleiter wie die ehemalige Weltklasse-Fechterin Britta Heinemann müssen für den eigenen Fassadenschwindel herhalten, um von der unersättlichen Profitgier des Konglomerats IOC geschickt abzulenken. Zunehmend erkennt die Öffentlichkeit jedoch den Sachverhalt. Sport verkommt zu einem für Verbände und ihren Funktionären hochprofitablen Wirtschaftszweig, in dem es ausschließlich um Konsum geht – eine Tragödie für die Athleten und ihre jahrelangen Aufopferungen.

Die Pandemie verdeutlicht die klare Dysbalance der Macht zwischen den Verbänden und ihren Athleten. Das IOC will an den Spielen in Sommer festhalten, die vielfältigen Probleme der Athleten durch die Pandemie sind überhaupt nicht von Interesse. Die Bedenken einer immer größer werdenden Anzahl an Athleten werden nicht gehört. Mögliche Alternativen wurden durch das IOC lange nicht in Erwägung gezogen – einen Plan B gab es offiziell lange nicht.  Vielmehr teilte das IOC mit, die Athleten sollen sich weiterhin auf die Spiele vorbereiten.

Dass durch die Aufforderung ein immenser psychischer Druck in dieser globalen Ausnahmesituation auf die Athleten entsteht, dem IOC ist dies anscheinend nicht bewusst. So sorgen sich die Athleten um ihre Familienangehörigen und ihre eigene Gesundheit, aber auch um ihre Existenz. Es besteht die Gefahr, dass sich Athleten aufgrund der klaren Aufforderungen des IOC nicht an ihre lokalen Vorgaben halten und trotz Ausgangssperre trainieren. Damit würden Sportler die Gesundheit ihrer Mitbürger an ihrem jeweiligen Wohnort riskieren – aufgrund der olympischen Bewegung. Eine vollständige Absage der Olympischen Spiele würde besonders die Athleten hart treffen – mehr als nachvollziehbar. Athleten bereiten sich unter nicht einfachen finanziellen und biographischen Bedingungen seit mehreren Jahren auf diesen spitzensportlichen Höhepunkt vor. Sie nehmen viele persönliche, biographische Eingeständnisse in Kauf, um Teil dieser Wettkämpfe zu sein. Sie sind es, die in den Randsportarten oft noch für die Hyperinklusion des Spitzensports (vollständige Fokussierung auf den Hochleistungssport) und ihre spitzensportlichen Ambitionen draufzahlen. Doch sie sind es einmal mehr, die betonen, dass auch der Sport in Zeiten einer Pandemie zurückstecken muss.

Viele Athleten sitzen zurzeit in Trainingslagern fest. Sie befinden sich in Isolation, werden ausgeflogen oder können teilweise in ihren Trainingsdomizilen nicht trainieren. Andere können wichtige Sportstätten in der Heimat nicht aufsuchen, da sie aus guten Gründen geschlossen wurden. Wiederum andere können sich zuhause nicht fit halten, da sie nicht die notwenigen Räumlichkeiten haben bzw. Trainingseinheiten im eigenen Zuhause nahezu unmöglich sind (z.B. Schwimmer). Andere benötigen, um effektiv trainieren zu können, Trainingspartner die sie tagtäglich herausfordern. All diese Probleme können zurzeit nicht gelöst werden – und nach der Meinung vieler Athleten sollten sie auch nicht. Es ist ein globaler Ausnahmezustand, in dem der Sport nach Auffassung vieler deutscher und internationaler mündiger Athleten jetzt erstmal nebensächlich ist und doch eine andere – ganz  wichtige Rolle einnehmen könnte und sollte.

Viele Spitzensportler fordern mehr Empathie, Einfühlsamkeit und Flexibilität – Eigenschaften mit denen das IOC nicht dienen kann, jedoch dienen sollte. Der olympische Sport und der Spitzensport hätten die Möglichkeit (gehabt) durch eine rasche Verschiebung auf die Gefährlichkeit der aktuellen Situation hinzuweisen und Social Distancing als ein Merkmal eines neuen Verhaltens hervorzuheben.  Doch das IOC dreht sich nur um sich selbst. Die Entfremdung zwischen dem IOC und seinen Athleten könnte nicht größer sein.

Einmal mehr sind es die Athleten selbst, die durch Privatvideos auf die Krankheit aufmerksam machen. Zudem zeigt die aktuelle Situation, dass die Athleten fähig sind, sich in solchen Krisenzeiten untereinander zu organisieren und Druck auszuüben. Aktuell beraten deutsche Athleten zusammen mit dem Verein Athleten Deutschland über ein weiteres Vorgehen. Die Athleten (ca. 1000 inkl. dem Deutscher Behindertensportverband) diskutieren zu dieser Stunde über ein Fernbleiben beim Festhalten des aktuellen Termins der Olympischen Spielen und über die Forderung nach einer Verschiebung. Beispielhaft hat der Sprecher der Athleten, Hartung, angekündigt, unter diesen gesellschaftlichen Extrembedingungen nicht an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Wie Hartung zeigen die Athleten, was es bedeutet, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Team Canada teilt die Meinung Hartungs und wird im Sommer keine Athleten nach Tokio versenden. Die Athleten sind es, die als erstes erkannten, wie ernst die Lage ist und dies, obwohl ihnen die olympischen Wettkämpfe viel, sehr viel bedeuten und eine Menge Emotionen bei einer Verschiebung der Wettkämpfe freigesetzt werden. Es sind die Athleten, die mit Besonnenheit und Augenmaß auf die aktuelle Situation reagieren, eigentlich das, was man von den Führungsriege des IOC hätte erwarten können. Chapeau Athleten!

Athletes‘ Rights: Indentured Servitude in Global Elite Sports – Rule 40 as a Textbook Example – Athletenrechte in 2018 (UPDATE)

Statement by the German Athletes‘ Commission regarding Rule 40

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Info in English: An extensive article about rule 4O of the Olympic Charta and the decision of the German Cartel Office that changes need to be made to allow athletes to profit from the Games can be read below. The article is written in English and in parts written in note form. It was first published on http://www.derballluegtnicht.com on the 3rd of January 2018.

UPDATE – final decision by the Bundeskartellamt: „German athletes and their sponsors will have considerably enhanced advertising opportunities during the Olympic Games in future. The German Olympic Sports Confederation (Deutscher Olympischer Sportbund, DOSB) and the International Olympic Committee (IOC) committed to the Bundeskartellamt to ease the advertising restrictions pursuant to Rule 40 No. 3 of the Olympic Charta.“

Changes made are:

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Press release Bundeskartellamt

Why rule 40 also has to change internationally – you can read in the following article.

Short info in German: Ein ausführlicher Artikel zur Regel 40 des IOC und der Auswirkungen auf die Athleten. Was bringt die Entscheidung des Bundeskartellamts für die Athleten und warum die Diskussion nicht abreißen wird. Der Artikel wird auf Englisch veröffentlicht, da das Interesse im Ausland ähnlich hoch ist und http://www.derballluegtnicht.com Anfragen zu diesem Thema aus dem Ausland erhalten hat.

Global elite sports is currently going through the worst crisis of its’ history. But the current situation can also be seen as a opportunity for organizations to reform themselves or to renew them from the outside. To restore trust in sports federations and associations, changes are necessary to prevent continued exploitation of athletes, doping, corruption, bribery, fraud, sexual harassment to finally make federations more transparent. How is change possible?

Federations like FIFA, IOC, IAAF, NCAA and other international and national sports players generate millions of dollars for their enterprises. Although there is a huge investment of capital into elite sports and a noticeable professionalization, many of the expected benefits like: wage increases, (health) insurances, unionization, workers’ protection and investments into education of athletes (dual careers) are still often missing. To some extend similar situations can be found in Olympic, Non-Olympic, Paralympic movements as well as in US-college sports (NCAA).
In all of these cases still the weakest component is the athlete – the source of each performance. Sports organizations/ federations are powerful entities and are often independent from national regulation and control.

In many cases the gap between the revenue generated by the federations and what athletes receive has only increased. Although elite sports has changed on many levels, the situation of the athletes in many sports federations is grotesquely similar to the days when most athletes started their sports careers. In fact, the biggest differences for athletes nowadays, are that they travel more often and further, participate in more sporting events or games, risk more injuries, and have less possibilities in terms of pursuing a vocational training/ education or dual career (Zirin, 2017). So athletes can be seen as indentured servants of these entities, who signed a contract with the IOC, NOC or the NCAA by which they agreed to work for a certain number of months or years in exchange for transportation to the venues, training facilities and dorms and, once they arrived, food, clothing (in case of the Olympics – the clothes of their NOC’s supplier; in case of the NCAA- clothes of the Athletic Department’s supplier), and shelter (Olympic village / dorms). Many associations and their officials seem to be profit-grabbing cartels that with the help of rules like IOC’s Rule 40 or the NCAA’s Restitution Rule keep the athletes in a position of indentured servitude. Athletes have to start to examine the organizational and business side of their respective sports for example from the revenues they generate through merchandise, audience, social media and TV deals.

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Warum an der Unabhängigkeit der Athletenkommission kein Weg vorbeiführt – Frust über das System Sportdeutschland (Teil 10)

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Track and Field (@Steven Pisano)

„Unabhängigkeit im Denken ist das erste Kennzeichen der Freiheit. Ohne sie bleibst du ein Sklave der Umstände.“ (Swami Vivekânanda)

Steht der Athlet im Mittelpunkt der aktuellen Spitzensportreform? Die Aussagen der Athletensprecher im Sportausschuss am Mittwoch, dem 08.03.17 und die ersten Analyse der Reform auch auf dieser Internetseite lassen etwas anderes vermuten (siehe Frust über das System Sportdeutschland).

Die aktuellen Athletensprecher haben ein wichtiges Problem erkannt und verbalisieren es in der Öffentlichkeit: Es kann nicht sein, dass sechs Athleten, die selbst noch im Spitzensport aktiv sind, ehrenamtlich die Rechte der Athleten vertreten und verteidigen sollen. Zu sechst sollen sie national und international Verbänden/ Nationen die Stirn bieten und dies ohne jegliche Vorerfahrungen in diesem Bereich und finanzielle Mittel.

Verbände und Funktionäre, oft über Jahrzehnte Teil des Systems und gut vernetzt, können die aktiven Athletensprecher mit einfachen Mitteln wie mögliche Nominierungen oder auch finanzielle Unterstützungen unter Druck setzen (siehe Frust über das System Sportdeutschland Teil 7).

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Die Spitzensportförderung der Bundeswehr hat ausgedient – Warum Max Hartungs Worte so wichtig sind – Frust über das System Sportdeutschland (Teil 9)

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Spitzensportförderung der Bundeswehr – Noch zeitgemäß oder ein Rohrkrepierer? (Foto: USArmy)

Die Förderung der Spitzensportler innerhalb der Bundeswehr besitzt innerhalb des DOSB bis heute Priorität und gilt im Dachverband als unangefochtene und effizienteste Form der Spitzensportförderung des Bundes. Zudem genießt diese Art der Förderung einen starken politischen und sportpolitischen Rückhalt. So sorgte das Interview des Athletensprechers Max Hartung in der vergangenen Woche für Aufruhr bei den Verbänden und Funktionären. Der neue Athletensprecher hatte die „Goldene Kuh“ des Dachverbandes diskreditiert und die seit Jahren bekannte Ineffizienz dieser Sportförderung öffentlich in einem Zeitungsinterview angesprochen.

Reaktion des Dachverbandes

Für die Funktionäre in Frankfurt war dies ein absolutes „No Go“. Beim Dachverband kam die Kritik des frisch gewählten Vorsitzenden der Athletenkommission nicht gut an, sodass sich der DOSB gezwungen sah, bereits wenig später eine Stellungnahme zu veröffentlichen und sich von den Aussagen Hartungs zu distanzieren. Der ehemalige Hochleistungssportler und Goldmedaillengewinner sowie heutiger Vizepräsident des DOSB Ole Bischof äußerte sich zu den Aussagen Hartungs, um die Wogen in der Öffentlichkeit zu glätten bzw. eine Diskussion im Keime zu ersticken. Die Stellungnahme im Wortlaut:

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Frust über das System Sportdeutschland – Die Teile 1 bis 8 – In 2017 geht es weiter…

Weitere Teile zur Spitzensportreform 2016/2017:

Teil 8: Der Zwang zum Staatssport – Die Spitzensportförderung innerhalb der Bundeswehr im Fokus. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/12/23/der-zwang-zum-staatssport-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-8/

Teil 7:“ Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“ – Wie unabhängig sollte eine Athletenkommission sein? Frust über das System Sportdeutschland (Teil 7) Link: https://derballluegtnicht.com/2016/12/01/das-geheimnis-der-freiheit-ist-der-mut-wie-unabhaengig-sollte-eine-athletenkommission-sein-frust-ueber-sportdeutschland-teil-7/

Teil 6: Spitzensportförderung – Es könnte so einfach sein – Das Spitzensportgeld – Frust über das System Sportdeutschland (Teil 6) Link: https://derballluegtnicht.com/2016/10/29/spitzensportfoerderung-es-koennte-so-einfach-sein-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-6/

Teil 5 : Thema: Athletenfokussierung.Titel: Lieber Karriereende als weiterhin Spitzensport? – Um die es gehen sollte, geht es nicht! Link: https://derballluegtnicht.com/2016/10/12/lieber-karriereende-als-weiterhin-spitzensport-um-die-es-gehen-sollte-geht-es-nicht-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-5/

Teil 4: Themen: Das Potentialanalysesystem PotAS und die Folgen bzw. Fragen, Link: https://derballluegtnicht.com/2016/10/07/die-potentialanalyse-potas-und-die-folgen-bzw-fragen-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-4/

Teil 3: Themen= die Dokumente zur Leistungssportreform, Die duale Karriere und das Eckpunktepapier des DOSB, Die Aufgabe der Laufbahnberater, Bildung und Spitzensport – Der studentische Spitzensport, Die Profilquote – Die Vor- und Nachteile, Förderung durch die Bundeswehr. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/09/30/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-3-das-eckpunktepapier/

Teil 2: Themen: Vorraussichtliche Fördersummen 2017,Leistungssportreform – Was bis heute bekannt ist, Die duale Karriere und der DOSB/ adh. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/09/25/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-2/

Teil 1: Themen=Ausbeute bei Olympia, die Athleten, das Strategiepapier, Die neuen Cluster 1-3, Kampf hinter den Kulissen. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/08/23/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-1/

Der DOSB und seine Spitzensportreform: Weniger ist mehr? Link: https://derballluegtnicht.com/2016/12/21/der-dosb-und-seine-spitzensportreform-weniger-ist-mehr/

Weitere Themen auf http://www.derballluegtnicht.com aus 2016:

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Foto (Quelle): https://www.flickr.com/photos/familymwr/28453220414/

Der Zwang zum Staatssport – Frust über das System Sportdeutschland (Teil 8)

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Bundeswehrsoldaten (Foto: Andreas Cappell / modifiziert)

Kommentar: In dem folgenden Artikel geht es nicht darum, den Sportsoldaten in Misskredit zu bringen, sondern vielmehr strukturelle Schwächen dieser Fördermaßnahme aufzudecken. Auch geht es nicht darum, diese Fördermaßnahme in Gänze zu diskreditieren oder abzuschaffen. Vielmehr geht es darum, Fördersummen für den Spitzensport nach den tatsächlichen Berufsinteressen der Athleten zu verteilen. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass über 20% der Athleten Berufssoldaten werden möchten. Dieser Wunsch besteht in der Gesamtbevölkerung ebenfalls nicht. Sollte ein Athlet den Wunsch nach einer Karriere innerhalb der Bundeswehr haben, sollte er auch die Möglichkeit einer Berufsausbildung bei den Streitkräften erhalten, um somit auch nach der spitzensportlichen Karriere innerhalb der Bundeswehr arbeiten zu können.

Das Bundesministerium der Verteidigung erhält über 60 Millionen Euro für die Sportförderung der Bundeswehr, über die Hälfte werden exklusiv in die Spitzensportförderung investiert. Über ein Fünftel des aktuellen Gesamtetats für den Spitzensport in Deutschland ist somit für ca. 800 Athleten in der Bundeswehr. Die exklusiven Förderplätze werden durch den DOSB und das Streitkräfteamt in Relation zu den Förderkontingenten für olympische und nicht-olympische Spitzenverbände verteilt, dabei sind ca. 20 Millionen Euro der insgesamt über 30 Millionen Euro für Personalkosten der Spitzensportler vorgesehen (vgl. Bundesministerium des Inneren, 2011, Anlage 4).

Im Bundeswehrhaushalt wird die Fördersumme des Sports bzw. Spitzensports nicht explizit aufgeschlüsselt, was eine Effizienzüberprüfung auch nach der aktuellen Spitzensportreform unmöglich macht. Inoffiziell gehen Mitarbeiter jedoch von einer Gesamtsumme von bis zu 100 Millionen Euro im Jahr aus. Die Angaben der Bundeswehr belaufen sich auf rund 60 Millionen Euro. Diese Zahlen verdeutlichen die gute finanzielle Situation der Athleten während ihrer Karriere bei der Bundeswehr (vgl. Bendrich, 2015, 81).

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Der DOSB und seine Spitzensportreform – Weniger ist mehr?

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Goldmedaillen der Olympischen Spiele in London 2012 (photo: Tony Hiskett)

Kurz vor der Veröffentlichung des Teil 8 (23.12.2016, hier auf http://www.derballluegtnicht.com) der Serie „Frust über das System Sportdeutschland“ zunächst ein kurzer Überblick über aktuelle Entwicklungen im deutschen Spitzensport. Die Serie „Frust über das System Sportdeutschland“ wird in den nächsten Wochen weitere Teilaspekte der Spitzensportreform analysieren.

Das Ansehen des internationalen Spitzensports verliert auch in den letzten Wochen des Jahres weiter an Wert. Trotz der internationalen Skandale des Jahres 2016 und der umfangreichen Dopingvergangenheit in West- und Ostdeutschland scheint die Goldmedaille beim Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und dem Bundesministerium des Inneren weiterhin nicht an Anziehungskraft zu verlieren. Vielmehr werden durch die aktuellen Zielformulierungen nach mehr Medaillen vergleichbare dopingbehaftete internationale Systeme auch in Deutschland indirekt eingefordert. Der DOSB und das Bundesministerium des Inneren wollen den deutschen Spitzensport wieder international erfolgreich machen – mit einer Reform der Sportförderung, die Medaillen und den maximalen Erfolg in das Zentrum setzt. Doch bei den Sportlern herrscht Sorge und Ungewissheit. Viele Sportler haben Angst vor der Zukunft.

Von dieser Angst war jedoch auf der Mitgliederversammlung des DOSB weder etwas zu spüren noch zu hören. Vielmehr wurden am Freitagabend der Mitgliederversammlung jegliche Dissonanzen geglättet, sodass  bereits am Samstagmorgen die Einheit des organiserten Sportes abermals präsentiert werden konnte. Der Spitzensport (hinsichtlich seiner Verbände und Funtionäre)  stand  einmal mehr zusammen, um die Steuermillionen des Bundesministerium des Inneren zu erhalten. Die DOSB-Mitglieder haben die Spitzensportreform auf der 13. DOSB-Vollversammlung in Magdeburg mit überwältigender Zustimmung beschlossen. Für das umstrittene Konzept sprachen sich 433 der 439 anwesenden Mitglieder aus. Es gab lediglich fünf Enthaltungen sowie eine Gegenstimme durch die Deutsche Olympische Gesellschaft (DOG).

Abermals kam auch nach Ansicht der Deutschen Olympischen Gesellschaft und  des Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes die Frage nach dem Wert des Sports innerhalb der Gesellschaft deutlich zu kurz. Eine einzige Gegestimme verdeutlicht den Ist-Zustand des organiserten Sports.

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