#EqualPay – Wie Rapinoe und Co die Popularität nutzen, um gegen geschlechterspezifische Diskriminierung im US Soccer vorzugehen

Processed with VSCO with hb1 preset

“The state of the game is in a beautiful place because of the talent alone and the commercial dollars being put in, but FIFA remain very chauvinistic when it comes to putting money into the women’s game.” (Hope Solo).

Durch die aktuellen Diskussionen um die gleiche Vergütung von Frauen und Männern im Sport ist der Frauenfußball ein gutes Beispiel für die Probleme der Bezahlung von Athletinnen.

Die Frauenweltmeisterschaft in Frankreich hatte weltweit die höchsten Einschaltquoten aller Zeiten.  Das Achtelfinale zwischen Frankreich und Brasilien z.B. wurde von 35 Millionen Zuschauern in Brasilien und 10,6 Millionen in Frankreich verfolgt. Es war damit das meistgeschaute Frauenfußballspiel jemals. In Italien verfolgten 7,3 Millionen Menschen das Spiel zwischen Italien und Brasilien, damit waren es 35mal so viel Bürger wie beim bisherigen Rekord der italienischen Frauennationalmannschaft (vgl. Gibbs, 2019).

Bei den vergangenen Weltmeisterschaften im Jahr 2015 erhielten die Weltmeisterinnen der amerikanischen Nationalmannschaft eine Prämie von insgesamt 2 Millionen Dollar. Ihre französischen Kollegen erhielten ein Jahr zuvor 35 Millionen Dollar für den gleichen Titel (vgl. Perasso, 2017). Aktuell gehen die amerikanischen Fußballerinnen gegen ihren eigenen Verband, der U.S. Soccer Federation, vor, dem sie institutionelle, geschlechterspezifische Diskriminierung (gender discrimination lawsuit) und damit ungerechtfertigte geringere Bezahlung gegenüber den Mitgliedern der Männernationalmannschaft, schlechtere Arbeitsbedingungen und geringere Investitionen in den Frauensport vorwerfen. Die US-Fußballerinnen kämpfen für die gleiche Bezahlung wie ihre männlichen Pendants.

Foto - Erste Klage der US-FrauenKlage 1 der US Frauen – EEOCCharge

Die Fußballerinnen sind der Meinung, dass der Verband gegen den Equal Pay Act und den Title VII des Menschenrechtsgesetz (aus dem Jahre 1964) verstößt. Der Verband hingegen geht nicht davon aus, dass er die Fußballerinnen wirtschaftlich diskriminiert, da er sich nach eigenen Aussagen an die gesetzlichen Vorgaben hält.

Dabei weisen die Anwälte des Verbandes hin, dass die unterschiedlichen Zahlungen durch unterschiedliche (Arbeits-) Verträge zustande kommen und deshalb die Männer nicht mit den Frauen vergleichbar sind. Dies ist durchaus als ein Ablenkungsmanöver von der tatsächlichen Problematik zu bewerten.  Die Anwälte betonen, dass genaugenommen die beiden Nationalmannschaften völlig unabhängig voneinander agieren und es keine Überschneidungspunkte gibt. Die beiden Nationalmannschaften nutzen unterschiedliche Trainingsstätten, nehmen an unterschiedlichen Wettkämpfen teil, richten ihre Spiele in unterschiedlichen Sportstätten, unterschiedlichen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten aus. Sie haben zudem andere Trainer, Betreuer, unterschiedliche Tarifverträge mit den Gewerkschaften sowie Etats, die auf den unterschiedlichen Werbe- und Sponsorenverträgen beruhen. Außerdem erhalten die Frauen garantierte Gehaltszahlungen und Zusatzleistungen, die die Männer aufgrund unterschiedlicher Strukturen nicht erhalten, sie bekommen lediglich Prämien für die einzelnen Spiele der Nationalmannschaft zugesprochen. Ziel der Anwälte ist es, die Forderungen der Frauen als unverhältnismäßig und unberechtigt darzustellen, da die beiden Gruppen nach Ansicht der Anwälte über zwei unterschiedliche Vergütungssysteme bezahlt werden und als unterschiedliche Institutionen angesehen werden können.  Die Argumentationsweise des amerikanischen Verbandes lautet: Die Frauen werden anderes behandelt, nicht weil sie Frauen sind, sondern weil ihre Arbeit nicht mit denen der Männer vergleichbar ist (vgl. McCann, 2019).

Dabei begehen die Anwälte entweder einen gravierenden Fehler oder nutzen die Aussagen als geschicktes Ablenkungsmanöver.  Sie vergleichen die beiden Nationalmannschaften in ihren Ausführungen mit Profimannschaften, dies entspricht jedoch nicht der Realität, da der amerikanische Fußballverband zunächst ein gemeinnütziger Verband ist. Dieser ist für beiden Nationalmannschaften gleichermaßen zuständig, und somit auch Arbeitgeber der Männer und Frauen (vgl. Pielke, 2016). Nach den gesetzlichen Vorgaben, dem “Amateur Sports Act”, ist es weder eine Aufgabe von gemeinnützigen Verbänden wie dem USSF Gewinne zu generieren und große Reserven (ca. 140 Mio $) anzuhäufen (vgl. Wahl, 2017), noch diese als Ausgangspunkt für Gehaltszahlungen zu nutzen. Vielmehr fordert das Gesetz die Verbände auf, die Sportlerinnen und Sportler gleichermaßen zu unterstützen. Die Umsätze sind dafür vorgesehen, diese in den Sport zu reinvestieren und den Sport aktiv zu fördern. Umsätze können damit nicht das ausschlaggebende Argument für eine unterschiedliche Entlohnung der Sportlerinnen und Sportler sein. Der Verband ist gemeinnützig, erhält aus diesem Grund steuerliche Vergünstigungen, sodass für diese Verbände zunächst der sportliche Erfolg und Qualitätssicherung der eigenen Mannschaften im Vordergrund stehen sollte. Festzustellen ist, dass der Frauenfußball durch den Verband notorisch unterfinanziert ist und der Verband deutlich weniger in den Frauensport investiert (siehe Statistiken von Fusion, 2015). Dies ist ein klarer Verstoß gegen die gesetzlichen Vorgaben des “Amateur Sports Act”.

Die Klägerseite verdeutlicht die gravierende, für die Spielerinnen völlig unberechtigte wirtschaftliche Benachteiligung. Die Spielerinnen sind sich sicher, dass der Verband und die Nationalmannschaften nicht als zwei unterschiedliche Arbeitgeber gewertet werden können. Die Sprecherin der Frauennationalmannschaft Molly Levinson stellt fest:

„The USSF cannot justify its violation of the Equal Pay Act and Title VII by pointing to the teams‘ separate collective bargaining agreements or any factor other than sex. Even as the most decorated American soccer team in history, USSF treats the women’s team as ‚less-than‘ equal compared to their male colleagues. We look forward to a trial next year after the World Cup “ (USA Today, 2019b) 

Die US-Fußballerinnen sind mit 3 Weltmeistertiteln und vier Olympiasiegen insgesamt weitaus erfolgreicher als die Herren-Nationalmannschaft. In den vergangenen Jahren konnte die Frauen-Nationalmannschaft mehr Fans in die Stadien locken und mehr Umsatz generieren. Für den amerikanische Fußballverband spielt hinsichtlich der Prämienauszahlungen an die Sportlerinnen und Sportler der sportliche Erfolg bis heute keine Rolle. Vielmehr sind nach Aussagen der Anwälte des amerikanischen Verbandes die Summen, die die jeweiligen Nationalmannschaften an Geldern generieren, ausschlaggebend für die Zahlungen. Doch selbst wenn man die Erklärung der Anwälte des Verbandes als legitimen Argumentationsstrang anerkennen würde, wäre aktuell ihre Strategie nicht mehr aufrechtzuerhalten. Nach einem offiziellen Finanzprüfbericht des amerikanischen Fußballverbandes hat die Frauennationalmannschaft in den drei Jahren nach dem WM-Titel 2015 mehr Umsatz generiert als die Spiele der Männer. Zwar verbuchten die Männer zuvor mehr Umsatz, was der Fußballverband immer noch als Argument für die höheren Prämien der Männer nutzt, jedoch hat sich die Situation in den letzten Jahren umgekehrt, so war z.B. auch das Nationaltrikot der Frauennationalmannschaft auf Nike.com das meistverkaufte Trikot beider Geschlechter aller Zeiten, noch vor Fußballclubs wie dem FC Barcelona (vgl. Mohamed, 2019). Der Fernsehrechte-Inhaber Fox konnte die Gebühren für einen Werbespot während eines Spiels der US-Frauennationalmannschaft verdreifachen, auf 140.000$ für einen 30 Sekundenwerbespot anheben. Zudem stiegen die Nachfragen nach einen Werbesport bei Fernsehsender deutlich an (vgl. Strauss, 2019). Von 2016 bis 2018 konnte die Frauennationalmannschaft über ihre Spiele $50,8 Millionen in Einnahmen generieren, im Vergleich zu $49,9 Millionen der Männer. Im Jahr nach der WM 2015 generierten die Frauen $1,9 Millionen mehr als die Männer. Neben den Ticketverkäufen spielen jedoch auch die Sponsorenverträge des Fußballverbandes eine entscheidende Rolle für die Einnahmen, diese werden für beide Geschlechter zusammen vermarktet. US Soccer verkauft die Fernseh- und Sponsorenverträge der Männer und Frauen in einem gemeinsamen Paket. Dies macht es unmöglich, den Wert der Frauen und Männer individuell zu ermitteln (vgl. Bachman, 2019, A.16). Der Titelgewinn 2019 und die vergangenen Jahre sorgen jedoch für einen höheren Marktwert der Frauen. Trotzdem erhalten die Frauen bis heute 4.930 Dollar pro Freundschaftsspiel und die Männer im Schnitt 13.166 Dollar (vgl. Rathbone, 2019). Würden die Frauen und Männer jeweils 20 Spiele erfolgreich bestreiten würden die Frauen maximal 99.000 US-Dollar und die Männer im Durchschnitt 263.320 US-Dollar verdienen (vgl. Parks Pieper/ Royer, 2019).

An der rechtlichen Auseinandersetzung beteiligen sich aktuell alle aktuellen 28 Nationalspielerinnen (Stand Februar 2019). Sie haben sich im März 2019 auf Basis der zuvor präsentierten Gründe dazu entschieden, ihren Verband im Hinblick auf das US Equal Pay Gesetz zur Gleichstellung von Frauen und Männern hinsichtlich des Gehaltes zu verklagen, da der Verband ihrer Meinung nach nicht seinen Pflichten der Gleichbehandlung der Geschlechter nachkommt. Falls die Fußballerinnen dieses Gerichtsverfahren gewinnen sollten, muss der amerikanische Fußballverband erhebliche Strafen befürchten. Der Verband könnte möglicherweise dazu gezwungen werden den Gehaltsunterschied den Spielerinnen auch rückwirkend auszuzahlen (vgl. Rathbone, 2019). Wenige Tage vor der WM 2019 konnten sich die Spielerinnen und der Verband auf eine Streitschlichtung bzw. Mediation nach der WM einigen. Was dies genau für die Klage bedeutet, wird sich erst Wochen nach der WM herausstellen, verdeutlicht jedoch, dass beide Parteien den Fall gelöst sehen wollen (vgl. Bachman, 2019b).

Aufgrund der außergewöhnlichen Erfolge gelingt es den Fußballerinnen Veränderungen im Sport voranzutreiben. Ihre Macht und ihr Einfluss steigt proportional mit ihrem Erfolg. Absurderweise besitzen sie jedoch bis heute den Status der zweite Klasse. Der aktuelle Fall verdeutlicht jedoch auch: um die eigene Unterdrückung im Sport zu bekämpfen, benötigen Frauen außergewöhnlichen sportlichen Erfolg, um so überhaupt die Chance auf eine Verbesserung der Geschlechtergleichheit zu erreichen (vgl. Parks Pieper/ Royer, 2019). Im Frühjahr 2019 lagen die Sichtweisen der Klägerinnen und des Verbandes weit auseinander und deshalb erschien eine außergerichtliche Einigung zunächst unmöglich. Ein Gerichtsverfahren lässt diesen Fall durch Aussagen von Experten entscheiden, die für beide Seiten ihre Expertise bereitstellen, möglichweise aktuell mit einem argumentativen Vorteil der Klägerinnen. Interessant ist hierbei, dass eine gerichtliche Auseinandersetzung in ihrem offenen Ausgang durchaus dem Fall der Caster Semenya ähnelt. Zum einen scheint der Fall offen hinsichtlich des Ausgangs, zum anderen werden die Aussagen von unabhängigen Experten einen entscheidenden Einfluss auf das Gerichtsverfahren haben. Dies zeigt einmal mehr, dass im Sport nicht immer klare Entscheidungen für alle Streitpunkte gefunden werden können, so sind auch in Bezug auf die Gehaltszahlungen der US-Fußballerinnen starke Argumente von beiden Seiten von Nöten.

Bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung wären die Funktionäre gezwungen, zum einen offizielle beeidigte Aussagen zu der Vorgehensweise und Ermittlung der unterschiedlichen Gehaltszahlungen zu machen und zum anderen sensitiven Briefverkehr, Emails und andere Konversationen dem Gericht zu übergeben, möglicherweise mit negativen Konsequenzen für den Verband und seine Funktionäre. Solche Daten würden im Nachhinein über offizielle Dokumente und Leaks auch an die Öffentlichkeit gelangen. Der Verband könnte ein Interesse haben, einer solchen öffentlichen Offenbarung aus dem Weg zu gehen und den Spielerinnen möglichweise aus diesem Grund bereits vorher einen Vergleich anbieten (vgl. McCann, 2019). Der Druck durch die öffentliche Wahrnehmung steigt von Tag zu Tag und der Streit wird für das Image des Verbandes und seiner Funktionäre immer mehr zu einer Gefahr.

Es kann davon ausgegangen werden, dass der Verband den Frauen erheblich entgegenkommen muss, um eine gerichtliche Verhandlung zu vermeiden. Zudem beginnt auch die Politik sich hinter den Frauen und ihren Interessen zu stellen. Aktuell fordern die Senatorinnen Feinstein und Murray den 1978 Amateur Sports Act zu erweitern, um allen Sportlerinnen der olympischen Sportarten die gleichen Gehälter wie ihrer männlichen Kollegen zu garantieren (vgl. Feinstein/ Murray, 2019, 1-3). Aus Imagegründen ist der Fußballverband gut beraten diesen Gehaltsangleich bereits vorher vorzunehmen. Das neue Gesetz wäre genauso wie Title IX (siehe voriges Kapitel) ein Beweis dafür, dass es Gesetze sind, die den Sport nachhaltig verändern. Der “Athletics Fair Pay Act of 2019” wird womöglich dafür sorgen, die aktuellen Gehaltsunterscheide in den olympischen Sportarten zumindest in den USA abzubauen.

foto athletes fair pay act

PDF_ Athletics-Fair-Pay-Act-of-2019

 

Mehr zum Thema „Athletenrechte weltweit“ folgt im Herbst/ Winter 2019 in einer großen Veröffentlichung. Dies war ein erster Ausblick.

teilt dbln

 

Werbeanzeigen

Autor: derballluegtnicht

Writes about the politics of sports. For him sports and politics always mix.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s