re:publica 2017 – Wie digitale Medien das Machtmonopol von Spitzensportverbänden verändern (Teil 1)

Diskussionsrunde mit Marthe-Victoria Lorenz (fairplaid), Jonathan Koch (Athletenkommission), Jonathan Sachse (Correct!v, fussballdoping.de), Benjamin Bendrich (www.derballluegtnicht.com) auf der re:publica 2017

Impulsreferat (Extended Version) zum Thema Spitzensport und digitale Medien

Skandale haben in letzten Monaten den nationalen und internationalen Spitzensport erschüttert. Weitreichende Doping- und Korruptionsskandale in Zusammenhang mit den am wirtschaftlichen Erfolg interessierten Verbänden IOC und FIFA schaden dem Spitzensport insgesamt nachhaltig. Sowohl national und als auch international wird der Spitzensport zu einem intensiv diskutierten politischen Thema. Der Spitzensport hat dabei erheblich an gesellschaftlichem Ansehen und Glaubwürdigkeit verloren und befindet sich zurzeit in seiner wohl größten Sinnkrise. Besonders Athleten, so auch die deutschen, leiden unter den aktuellen Skandalen und dem  Imageverlust. Da ist es kein Wunder, dass Olympiabewerbungen in Deutschland zurzeit gesellschaftlich nicht gewollt und unrealistisch erscheinen. Noch immer instrumentalisieren Funktionäre den Spitzensport für eigene Interessen und nehmen dabei keine Rücksicht auf die Athleten. Spitzensportler sind gezwungen, sich den intransparenten Verbands- und Förderstrukturen zu fügen.

Besonderheiten in Deutschland beeinflussen die Weiterentwicklung des Spitzensports immens. So hat sich der Fußball zu einem platzraubenden Ungeheuer entwickelt, das alle anderen spitzensportlichen und sportpolitischen Themen zeitweise erstickt, und in Deutschland auch von einer Monokultur Fußball gesprochen werden kann. Die Übermacht des Fußballs lässt den restlichen Spitzensport klein erscheinen.

Außerdem kommt es dieses Jahr zur angekündigten Spitzensportreform, die viele vor eine ungewisse Zukunft stellt. Die Sportförderung in Deutschland ist zwar facettenreich, jedoch teilweise unpräzise und unverhältnismäßig (vgl. Bendrich, 2015, 401). Ordnungspolitisch besteht Handlungsbedarf. Bisher gibt es einen Kompetenzgerangel auf den politischen/ staatlichen Ebenen, der letztendlich zu einem „Spitzensportförderalismus“ führt. Wieder geht es darum die Fördermittel subjektorientiert an die Verbände und Standorte zu verteilen, anstatt die Athleten intensiv mit einzubinden. Grundsätzlich besitzen alle aktuellen Fördermaßnahmen eine Legitimation, da sie interessierten Spitzensportlern in der Theorie unterschiedliche Ausbildungschance eröffnen. Doch wie sieht es mit der Verhältnismäßigkeit der zu vergebenen Förderstellen und der Sinnhaftigkeit verschiedener Förder- und Ausbildungsmöglichkeiten aus? In Teilen kann heute von einem „Berufs-Clustering“ innerhalb der Sportförderung gesprochen werden, da besonders bei der Bundeswehr und der Polizei sowie dem Zoll ein feste monatliche Absicherung für die Zeit der aktiven Karriere gegeben ist. Fördermaßnahmen stehen hinsichtlich der Stellenverteilung, der dualen Karriere und der Qualität der Berufsausbildungen in der Kritik (vgl. Bendrich, 2015, 402). Zudem lässt sich das aktuelle System nicht hinsichtlich Transparenz, Effektivität und Effizienz überprüfen.

Der Dachverband DOSB und das Bundesministerium des Inneren reorganisiert die Spitzensportförderung in Deutschland. Innenminister De Maiziere fordert „mindestens 30 Prozent mehr Medaillen“ zu gewinnen, und ein strenges Streichprogramm ist die Konsequenz. Das Erfolgspotenzial für die Zukunft steht bei diesem Sportförderprogramm im Mittelpunkt. Dazu wird die Zentralisierung forciert und die Stützpunkte werden reduziert. Sportarten werden durch das Potentialanalysesystem bewertet und durch die vorgesehenen Potas-Kommission in drei unterschiedliche Cluster eingeteilt.

Die höchste Förderung gibt es im Exzellenzcluster, die zweite Gruppe bildet das Potenzialcluster, mit Abstrichen bei der Förderung. Wer in die dritte Gruppe abrutscht, damit als Disziplin ohne Erfolgspotenzial eingestuft wird, muss deutliche finanziellen Einbußen erwarten, wenn nicht sogar einen kompletten Förderungsstopp. Wie sollen Disziplinen, die komplett aus der Förderung herausgefallen, wieder den Anschluss schaffen? Unvermeidliche spitzensportliche Schwankungen von Sportlern, besonders bei studentischen Spitzensportlern, werden bis jetzt unterschätzt. Und trotzdem wird es mehr Geld vom Bundesinnenministerium für die Erfolgreichsten der Erfolgreichen geben. Viele Athleten, Trainer, Verbände und Standorte wissen bis heute nicht, was dies konkret für sie bedeutet. Die Unwissenheit, wohin es geht, ist groß. Zurzeit befindet sich der deutsche Spitzensport in einem „Übergangsjahr“. Verträge z.B. von den OSP-Trainern wurden deshalb nur bis zum Ende dieses Jahres verlängert. Athleten müssen aufgrund der Zentralisierung in vielen Fällen ihren Studienort verlassen.Wie soll dies gelingen? Wenn sie es nicht tun, verlieren sie ihren Kaderstatus und werden nicht mehr nominiert.  Lediglich die medaillenaussichtsreichsten Athleten zu fördern, erhöht auch den Druck auf die Bundestrainer und ihre Athleten. Trainer könnten dann versuchen, ein paralleles Studium ihrer zu betreuenden Athleten zu verhindern. Dass sie wenig Verständnis dafür zeigen, wenn ihre Athleten ein Teil ihrer Zeit in ein Studium investieren, ist im neuen System nachvollzeihbar. Die Spitzensportreform wird diesem internen Konflikt nicht ansatzweise gerecht und hat abermals den Athleten und die duale Karriere zu wenig im Fokus. Führen zudem solch einseitig medaillenorientierte ambitionierte Forderungen und der daraus entstehende Druck auf die Athleten und Trainer nicht auch zwangsweise zur einer möglichen Manipulation? Eine breite Öffentlichkeit wünscht sportliche Vorbilder, die nach Leistung streben, jedoch verantwortungsvoll und fair mit ihren Gegnern umgehen. Eine Medaille um jeden Preis ist in der Gesellschaft unerwünscht (vgl. Haut et al., 2014, 11-12).

Auch die Sporthilfe wird ihre Fördermaßnahmen drastisch reformieren. Die Sporthilfe schüttet jährlich durchschnittlich 13 Millionen Euro an Spitzensportler aus, besonders an Athleten, die außerhalb der Bundeswehr, der Polizei und des Zolls eine duale Karriere verfolgen. Bisher haben knapp 4000 Athleten von dieser Förderung profitiert, nun wird dieses Geld auf maximal die Hälfte der Athleten umverteilt und konzentriert. Ausschlaggebendes Kriterium auch hier: „Die Besten am besten fördern“. Damit werden die finanziellen Mittel in Zukunft noch stärker auf die medaillenaussichtsreichsten Athleten konzentriert. Ein Konzept, dass dem britischem Vorbild folgt. Sporthilfe, Dachverband und Ministerium sprechen von höherer Effizienz. Doch damit fallen Athleten sowie ganze Disziplinen aus der Förderung heraus. Wie in Großbritannien ist eine deutlich stärkere Fokussierung auf die Medaillenkandidaten und Disziplinen zu befürchten.

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re:publica 2017

Die Spitzensportreform hinterlässt bei vielen Leistungssportlern gemischte Gefühle. Die Athleten sind sich unsicher, ob die Inhalte der Spitzensportreform den Bedürfnissen der Spitzensportler gerecht werden. Außerdem können Spitzensportverbände und Sportler nicht auf endgültige Entscheidungen im nächsten Jahr warten, die Sportwelt dreht sich täglich weiter. Sicher, ist es wird Gewinner und Verlierer dieser Reform geben.

Doch warum all diese Informationen? Was hat diese Problematik mit digitalen Medien zu tun? Was können Athleten und Vertreter von Disziplinen ohne bzw. mit weniger Förderung in Zukunft tun? Können sie ihre Bedenken und ihren Unmut frei äußern oder müssen sie dann selbst Sanktionen fürchten? Wie können die dabei die digitalen Medien  nutzen? Ist das Netz eine Chance oder auch eine Gefahr? Wie sieht die Vermarktung der Athleten in Zukunft aus? Wie werden Athleten kommunizieren?

Nicht alle Verbände zeigen innovative Eigeninitiativen Reformen durchzuführen und viele haben den digitalen Anschluss verpasst. Verbände wissen z.T. Nicht, was auf sie zukommt. In welches Cluster fällt die jeweilige Disziplin? Die Chancen und Potentiale des Spitzensports, mit Hilfe des Netzes und der sozialen Medien die Kommunikation weiterzuentwickeln und zu intensivieren, ihren Sport zu emotionalisieren und über die neuen Medien ein Publikum an ihre Sportart oder die Sportlerpersönlichkeit zu binden, waren nie größer. Soziale Medien fördern den direkten Austausch mit den Zuschauern, es kommt zu einer stärken Emotionalisierung und einem schnelleren Informationsaustausch. Auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Spitzensport wird durch das Netz und sozialen Medien ermöglicht, Seiten wie fussballdoping.de von Jonathan Sachse und Daniel Drepper beobachten den Sport und sein Verhalten, solche Wege können die oft mächtigen Filter von Verbänden, Vereinen, Redaktionen oder Sponsoren umgehen und Sportarten auf kritische Art begleiten. So wurden durch die weitreichende Digitalisierung Veränderungen in den Berichterstattungen vorangetrieben, so sind es Journalisten / Blogger/ Athleten, die mit ihren oft umfangreichen Blogs, sich dem Gelegenheitsjournalismus im Sport durch Recherchen entgegenstellen und Veränderungen im Spitzensport herbeiführen bzw. Machenschaften  aufdecken. Journalisten und Blogger wie Jens Weinreich, Hajo Seppelt, Das Team rund um‚ FootballLeaks vom Spiegel, Bianca Schreiber-Rietig, Jonathan Sachse und Daniel Drepper hier in Berlin tragen zu dieser neuen Perspektiven bei. Hinzu kommen auch neue Wege für Spitzensportler durch die digitalen Medien sich in der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Über die sozialen Medien haben sie

1. die Chance mit ihren Fans/ Unterstützern/ Zuschauern direkt in Kontakt zu treten und sie an ihre jeweilige Disziplin zu binden

2. Athleten haben die Möglichkeiten Versäumnisse/ Missstände über das Netz aufzudecken

3. ergeben sich neue Möglichkeiten, sich neben der Verbandsförderung und der deutsche Sporthilfe zu finanzieren – Thema Crowdfunding

Das Ergebnis ist eine größere Kommunikationsautonomie für die Athleten. Die Athleten zeigen sich teilweise noch reserviert, diese Möglichkeiten zu nutzen. Dabei liefern Plattformen wie fairplaid  neue Möglichkeiten und wichtiges Know-How und helfen dem Athleten bzw. dem Verein über Crowdfunding, Gelder für ein konkretes Projekt zu sammeln. Somit bündeln und entfachen neue Plattformen wie fairplaid.org (Gründerin = Diskussionsteilnehmerin), fussballdoping.de (Gründer = Diskussionsteilnehmer), derballluegtnicht.com Interessen und Streitkultur im Sport auf neue Art und Weise.

Teil 2 folgt demnächst…

10 Artikel zur Spitzensportreform 2017 und folgt dem blog auch auf facebook und twitter.

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Teil 9: Die Spitzensportförderung der Bundeswehr hat ausgedient – Warum die Worte Max Hartungs so wichtig sind. Link: https://derballluegtnicht.com/…/die-spitzensportfoerderung…/

Teil 8: Der Zwang zum Staatssport – Die Spitzensportförderung innerhalb der Bundeswehr im Fokus. Link: https://derballluegtnicht.com/…/der-zwang-zum-staatssport-…/

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Teil 1: Themen=Ausbeute bei Olympia, die Athleten, das Strategiepapier, Die neuen Cluster 1-3, Kampf hinter den Kulissen. Link: https://derballluegtnicht.com/…/frust-ueber-das-system-spo…/

Der DOSB und seine Spitzensportreform: Weniger ist mehr? Link: https://derballluegtnicht.com/…/der-dosb-und-seine-spitzen…/

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