re:publica 2017 – Wie digitale Medien das Machtmonopol von Spitzensportverbänden verändern (Teil 1)

Diskussionsrunde mit Marthe-Victoria Lorenz (fairplaid), Jonathan Koch (Athletenkommission), Jonathan Sachse (Correct!v, fussballdoping.de), Benjamin Bendrich (www.derballluegtnicht.com) auf der re:publica 2017

Impulsreferat (Extended Version) zum Thema Spitzensport und digitale Medien

Skandale haben in letzten Monaten den nationalen und internationalen Spitzensport erschüttert. Weitreichende Doping- und Korruptionsskandale in Zusammenhang mit den am wirtschaftlichen Erfolg interessierten Verbänden IOC und FIFA schaden dem Spitzensport insgesamt nachhaltig. Sowohl national und als auch international wird der Spitzensport zu einem intensiv diskutierten politischen Thema. Der Spitzensport hat dabei erheblich an gesellschaftlichem Ansehen und Glaubwürdigkeit verloren und befindet sich zurzeit in seiner wohl größten Sinnkrise. Besonders Athleten, so auch die deutschen, leiden unter den aktuellen Skandalen und dem  Imageverlust. Da ist es kein Wunder, dass Olympiabewerbungen in Deutschland zurzeit gesellschaftlich nicht gewollt und unrealistisch erscheinen. Noch immer instrumentalisieren Funktionäre den Spitzensport für eigene Interessen und nehmen dabei keine Rücksicht auf die Athleten. Spitzensportler sind gezwungen, sich den intransparenten Verbands- und Förderstrukturen zu fügen.

Besonderheiten in Deutschland beeinflussen die Weiterentwicklung des Spitzensports immens. So hat sich der Fußball zu einem platzraubenden Ungeheuer entwickelt, das alle anderen spitzensportlichen und sportpolitischen Themen zeitweise erstickt, und in Deutschland auch von einer Monokultur Fußball gesprochen werden kann. Die Übermacht des Fußballs lässt den restlichen Spitzensport klein erscheinen.

Weiterlesen „re:publica 2017 – Wie digitale Medien das Machtmonopol von Spitzensportverbänden verändern (Teil 1)“

Advertisements

Frust über das System Sportdeutschland – 10 Artikel zur Spitzensportreform 2017

der ball lügt nicht zum nationalen und internationalen Spitzensport. Auch für http://www.derballluegtnicht.com waren die letzten Monate sehr spannend und mit hohen Klickzahlen verbunden, sodass auch in den nächsten Wochen weitere Analysen folgen werden. Die oft geklickte Serie „Frust über das System Sportdeutschland“ sollte zum Denken und Diskutieren anregen. Ein Spitzensport, der weiter in fester Hand der Funktionäre bleibt, wird diesen weiter schädigen. Hoffen wir auf Veränderungen. Hier nun die 10 Artikel zur Spitzensportreform 2017 (demnächst folgt Teil 11) und folgt dem blog auch auf facebook und twitter.

Folgt der ball lügt nicht auf facebook:
https://www.facebook.com/derballluegtnicht/
Folgt der ball lügt nicht auf twitter:
https://twitter.com/ballluegtnicht

Teil 10: Warum an der Unabhängigkeit der Athletenkommission kein Weg vorbeiführt. Link:https://derballluegtnicht.com/…/warum-an-der-unabhaengigke…/

Teil 9: Die Spitzensportförderung der Bundeswehr hat ausgedient – Warum die Worte Max Hartungs so wichtig sind. Link: https://derballluegtnicht.com/…/die-spitzensportfoerderung…/

Teil 8: Der Zwang zum Staatssport – Die Spitzensportförderung innerhalb der Bundeswehr im Fokus. Link: https://derballluegtnicht.com/…/der-zwang-zum-staatssport-…/

Teil 7:“ Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“ – Wie unabhängig sollte eine Athletenkommission sein? Frust über das System Sportdeutschland. Link:
https://derballluegtnicht.com/…/das-geheimnis-der-freiheit…/

Teil 6: Spitzensportförderung – Es könnte so einfach sein – Das Spitzensportgeld – Frust über das System Sportdeutschland. Link: https://derballluegtnicht.com/…/spitzensportfoerderung-es-…/

Teil 5 : Thema: Athletenfokussierung.Titel: Lieber Karriereende als weiterhin Spitzensport? – Um die es gehen sollte, geht es nicht! Link: https://derballluegtnicht.com/…/lieber-karriereende-als-we…/

Teil 4: Themen: Das Potentialanalysesystem PotAS und die Folgen bzw. Fragen, Link:
https://derballluegtnicht.com/…/die-potentialanalyse-potas…/

Teil 3: Themen= die Dokumente zur Leistungssportreform, Die duale Karriere und das Eckpunktepapier des DOSB, Die Aufgabe der Laufbahnberater, Bildung und Spitzensport – Der studentische Spitzensport, Die Profilquote – Die Vor- und Nachteile, Förderung durch die Bundeswehr. Link: https://derballluegtnicht.com/…/frust-ueber-das-system-spo…/

Teil 2: Themen: Vorraussichtliche Fördersummen 2017,Leistungssportreform – Was bis heute bekannt ist, Die duale Karriere und der DOSB/ adh. Link: https://derballluegtnicht.com/…/frust-ueber-das-system-spo…/

Teil 1: Themen=Ausbeute bei Olympia, die Athleten, das Strategiepapier, Die neuen Cluster 1-3, Kampf hinter den Kulissen. Link: https://derballluegtnicht.com/…/frust-ueber-das-system-spo…/

Der DOSB und seine Spitzensportreform: Weniger ist mehr? Link: https://derballluegtnicht.com/…/der-dosb-und-seine-spitzen…/

Der DOSB und seine Spitzensportreform – Weniger ist mehr?

tonyhiskett
Goldmedaillen der Olympischen Spiele in London 2012 (photo: Tony Hiskett)

Kurz vor der Veröffentlichung des Teil 8 (23.12.2016, hier auf http://www.derballluegtnicht.com) der Serie „Frust über das System Sportdeutschland“ zunächst ein kurzer Überblick über aktuelle Entwicklungen im deutschen Spitzensport. Die Serie „Frust über das System Sportdeutschland“ wird in den nächsten Wochen weitere Teilaspekte der Spitzensportreform analysieren.

Das Ansehen des internationalen Spitzensports verliert auch in den letzten Wochen des Jahres weiter an Wert. Trotz der internationalen Skandale des Jahres 2016 und der umfangreichen Dopingvergangenheit in West- und Ostdeutschland scheint die Goldmedaille beim Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und dem Bundesministerium des Inneren weiterhin nicht an Anziehungskraft zu verlieren. Vielmehr werden durch die aktuellen Zielformulierungen nach mehr Medaillen vergleichbare dopingbehaftete internationale Systeme auch in Deutschland indirekt eingefordert. Der DOSB und das Bundesministerium des Inneren wollen den deutschen Spitzensport wieder international erfolgreich machen – mit einer Reform der Sportförderung, die Medaillen und den maximalen Erfolg in das Zentrum setzt. Doch bei den Sportlern herrscht Sorge und Ungewissheit. Viele Sportler haben Angst vor der Zukunft.

Von dieser Angst war jedoch auf der Mitgliederversammlung des DOSB weder etwas zu spüren noch zu hören. Vielmehr wurden am Freitagabend der Mitgliederversammlung jegliche Dissonanzen geglättet, sodass  bereits am Samstagmorgen die Einheit des organiserten Sportes abermals präsentiert werden konnte. Der Spitzensport (hinsichtlich seiner Verbände und Funtionäre)  stand  einmal mehr zusammen, um die Steuermillionen des Bundesministerium des Inneren zu erhalten. Die DOSB-Mitglieder haben die Spitzensportreform auf der 13. DOSB-Vollversammlung in Magdeburg mit überwältigender Zustimmung beschlossen. Für das umstrittene Konzept sprachen sich 433 der 439 anwesenden Mitglieder aus. Es gab lediglich fünf Enthaltungen sowie eine Gegenstimme durch die Deutsche Olympische Gesellschaft (DOG).

Abermals kam auch nach Ansicht der Deutschen Olympischen Gesellschaft und  des Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes die Frage nach dem Wert des Sports innerhalb der Gesellschaft deutlich zu kurz. Eine einzige Gegestimme verdeutlicht den Ist-Zustand des organiserten Sports.

Weiterlesen „Der DOSB und seine Spitzensportreform – Weniger ist mehr?“

Frust über das System Sportdeutschland (Teil 3) – Das kontroverse Eckpunktepapier und erste Erkenntnisse

tony-hisgett-gold
Goldmedaillen Olympischen Spiele (@Tony Hisgett)

In diesem Teil werden einzelne Punkte des Eckpunktepapiers analysiert. Die grundlegenden Aussagen des Eckpunktepapiers sind wenig überraschend und wurden bereits in den vergangenen Tagen nach und nach veröffentlicht und am Mittwoch im Sportausschuss präsentiert. Innerhalb des Papiers gibt es Abschnitte, die es genauer zu betrachten gilt. Einige der Erkenntnisse des Eckpunktepapiers sind wichtig und werden nach langer Zeit nun endlich auch vom DOSB benannt (ein Fortschritt), jedoch gibt es auch Aussagen, die es zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen gilt.

Dokument bereitgestellt von Jens Weinreich (www.jensweinreich.de)

Das Eckpunktepapier fordert sowohl von den Athleten, künftig ihre Titel- und Medaillenausbeute markant zu erhöhen als auch eine effektivere Förderung realistischer Medaillenhoffnungen. Diese Ziele sind insbesondere im Hinblick auf die weitreichenden Dopingskandale dieses Jahres irritierend, da davon auszugehen, dass in vielen Sportarten die aktuellen Medaillengewinner nicht selten mit illegalen Mitteln aufs Podium gelangt sind. Max Hartung sagt dazu:

Ich empfinde bei allen Medaillenforderungen, gerade nach dem Russland-Skandal, einen faden Beigeschmack. In der jetzigen Situation finde ich es unverantwortlich, hohe Medaillenziele zu setzen und damit den Verband, den Verein, alle bis runter zum einzelnen Sportler existentiell unter Druck zu setzen. Zumal wir in Deutschland ganz sicher nicht den Erfolg um jeden Preis wollen, das hat auch unser Bundespräsident beim Empfang der Olympiamannschaft am Römer sehr schön gesagt“ (Dreis (FAZ), 2016).

Wieso diese medaillenorientierte Zielsetzung? Sollte ein neues deutsches System im Jahr der weltweiten Sportskandale (z.B. FIFA, IOC, Russland, TUEs (medizinischen Ausnahmegenehmigungen für Substanzen) usw.) nicht andere Ziele verfolgen? Ist es nicht Ziel, einen ehrgeizigen und sauberen Sportler zu fördern, der nach eigenen Bestleistungen strebt und das Land durch ein positives und sauberes Bild präsentiert? Der sich über einen 8. Platz genauso freut wie über eine Goldmedaille, auch wenn er keine Chance auf das Podium hatte? Auch die Achte/ der Achte der Welt kann ein Vorbild einer ganzen Nation sein, wenn es dafür eine Bühne gibt und Unterstützung gegeben ist.

Sollte eine neues Fördersystem nicht genau deshalb andere Ziele definieren als die der 70er Jahre, des kalten Krieges und der DDR? Auch dort ging es alleinig um Medaillengewinne um jeden Preis. Deutschland macht westliche Sportnationen zu Vorbildnationen, die nachweislich nicht sauber waren und sind.

Das Ziel, den Athleten in den Mittelpunkt der Förderung zu stellen, ist durch das neue Programm nicht ernsthaft zu erkennen. Zwar wird dies eindeutig propagiert, jedoch fehlen dafür die inhaltlichen Ideen und Zielvorstellungen. Eine ernsthafte, direkte und klare subjektorientierte Förderung von Spitzensportlern ist weiterhin nicht zu erkennen. Vielmehr wird weiterhin daran festgehalten, die Athleten über viele verschiedene Institutionen und Positionen zu fördern, sodass ein Großteil der finanziellen Förderungen gar nicht mehr beim Athleten ankommt. Die einfache und nicht abwegige Idee des Athletensprechers Hartung ist es:

„Zum Beispiel das Budget der Deutschen Sporthilfe zu verdoppeln. Das könnte man ja einfach mal machen, dann würde es den Sportlern besser gehen. Das würde direkt ankommen“ (Dreis (FAZ), 2016).

Die Sporthilfe ist eine der wenigen Institutionen innerhalb der deutschen Spitzensportförderung, die in den letzten Jahren durch ihre effektive subjektorientierte Förderung sowohl bei den Athleten als auch der Öffentlichkeit überzeugt hat. Besonders die große Transparenz der Deutschen Sporthilfe grenzt die Stiftung deutlich vom DOSB ab.

Die duale Karriere und das Eckpunktepapier des DOSB

Dokument bereitgestellt von Jens Weinreich (www.jensweinreich.de)

Max Hartung hat am Donnerstag im Interview mit der FAZ die duale Karriere als den Anker für viele Spitzensportler hervorgehoben. Die duale Karriere liefert einen Ausgleich, gibt dem Sportler eine erfüllende Aufgabe nach der aktiven Karriere.

„Ja, das gibt eine unheimliche Sicherheit, und es hat mir vor allem aus dem Loch geholfen nach den Olympischen Spielen. Ich wollte in Rio unbedingt eine Medaille gewinnen. Und war nach dem frühen Aus auch echt betrübt. Aber als ich wieder hier war, ging es weiter mit der Bachelor-Arbeit. (…) Ich glaube, dass es ein gutes Gefühl gibt, wenn man weiß, ich habe noch ein anderes Feld, auf dem ich gut bin. Mir persönlich hat das sehr geholfen. Aber man muss es so integrieren, dass das jeweils andere nicht leidet. Bei mir hat es mit Einschränkung geklappt. Aber es war auch eine sehr harte Zeit. Ich habe mein Studium in der Regelstudienzeit durchgezogen “ (Dreis (FAZ), 2016).

Selbstverständlich ist eine duale Karriere kein Selbstläufer. Niemand, der bereits schon mal einer duale Karriere/ Ausbildung nachgegangen ist, weiß wie anstrengend ein solches Unterfangen sein kann. Jedoch auch Hartung erkennt, dass Spitzensport ohne eine berufliche Absicherung in Deutschland nicht möglich ist. Es wäre unverantwortlich und biographischer Selbstmord. Auch deshalb ist es so wichtig, die duale Karriere intensiv zu fördern. Speziell in den letzten Jahren wurde dies vom DOSB und den Verbänden versäumt. Es wurden keine hauptamtlichen Stellen zur Unterstützung von dualen Karrieren (z.B. studentischen Spitzensportlern) geschaffen. Das Eckpunktepapier betont nun abermals die Bedeutung der dualen Karriere für den Spitzensport und liefert Aussagen zur aktuellen Situation und der zukünftigen Ausrichtung. Einzelne Aussagen des Eckpunktepapiers werden nun analysiert und überprüft.

Die Aufgabe der Laufbahnberater

Hinsichtlich der Beratung der Athleten durch die Laufbahnberater erkennt das Eckpunktepapier richtigerweise:

„Es fehlt an einer langfristig angelegten Planung aus einer Hand; die Zielstellung, dass Laufbahnberater (LBB) Wegbegleiter der Dualen Karriere vom Zeitpunkt des leistungssportlichen Einstiegs bis hin zur nachsportlichen Karrierebetreuung sind, wird oftmals verfehlt. LBB an den einzelnen Olympiastützpunkten haben zu viele Athleten zu betreuen. Eine qualitativ hochwertige Betreuung ist daher wegen fehlender Kapazitäten oft nicht möglich. Es gibt keine einheitlichen bundesweiten Standards zur Sicherstellung einer qualitativ gleichermaßen hochwertigen Beratung. Insbesondere fehlt es an einer flächendeckenden bundesweiten Sichtweise und Kenntnis auch überregional bestehender Angebote.“

Diese Erkenntnis ist wichtig und wird schon seit Jahren von vielen anerkannten Wissenschaftlern bemängelt, jedoch fehlt es besonders an Lösungsvorschlägen seitens des Sports und in diesem Papier. Später in den Lösungsvorschlägen des Papiers wird folgendes auf Grund der zuvor präsentierten Erkenntnisse zum Laufbahnberater präsentiert:

„Lösungsvorschläge: a) Verbindliche Einführung einer langfristigen, individuellen Planung der Dualen Karriere. Ziel ist das Entwickeln und Vorhalten des komplexen und verbindlichen Angebots eines geschlossenen Systems, aus dem, koordiniert durch den LBB, ein individuell angepasstes Maßnahmen-„Bündel“ für den einzelnen Athleten „geschnürt“, d.h. geplant und umgesetzt wird. Voraussetzungen dafür sind u.a.:

  • die Weiterentwicklung / Präzisierung nationaler Standards zur Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen und individuellen Beratung,
  • die Betreuung der benannten Athleten durch die LBB an den Olympiastützpunkten mit dem Ziel einer langfristigen, individuellen Karriereplanung sowie eine Standardisierung der Planungsbestandteile und -abläufe. Erforderlich ist eine turnusgemäße Präzisierung / Aktualisierung dieser Karriereplanung,
  • der Ausbau der zentralen Steuerung durch den Aufbau einer Informationsstelle der Laufbahnberatung im DOSB, unter Beibehaltung der regionalen Verankerung an den Olympiastützpunkten. Sie sollte die Herstellung einer bundesweiten Sicht und die Kenntnisvermittlung auch überregional bestehender Angebote gewährleisten,
  • die perspektivische Differenzierung der Kadersportler. Die „Qualität“ der Förderung (Höhe, Intensität, Quantität) wird sich künftig stärker an der Perspektive der Athleten orientieren“ (Eckpunktepapier DOSB, 2016).

Mit Blick auf die Vielzahl an Serviceleistungen durch den Laufbahnberater führt das Missverhältnis zwischen der nur begrenzten Anzahl von Laufbahnberatern („nahezu 30“) (Deutscher Bundestag, 2010d, 42) und mehreren tausend A- bis C-Kaderathleten an den Olympiastützpunkten (auch nach der neuen Aufteilung der Kaderathleten) zu einem ausufernden Tätigkeitsumfang der Berater mit schlussendlicher Überforderung. Eine Lösung dieses Problems wird in dem Eckpunktpapier nicht geliefert. Vielmehr wird später im gleichen Papier folgendes Ziel formuliert:

„die Betreuung der (…) Athleten durch die LBB an den Olympiastützpunkten mit dem Ziel einer langfristigen, individuellen Karriereplanung sowie eine Standardisierung der Planungsbestandteile und -abläufe. Erforderlich ist eine turnusgemäße Präzisierung / Aktualisierung dieser Karriereplanung.“ (Eckpunktepapier DOSB, 2016).

Hier stellt sich eine für das Fördersystem entscheidende Frage: Wie soll dies konkret geschehen und wie sollen die wenigen Laufbahnberater auf die unterschiedlichen Gruppen an Spitzensportlern und deren individuelle Karrieremöglichkeiten eingehen?

  • Überlassen sie dem einzelnen Sportler die Entscheidung über eine duale Karriere?
  • Präferieren die Laufbahnberater bestimmte duale Karrieren aufgrund der spitzensportlichen Erfolgsaussichten (drängen sie Athleten in die Bundeswehr)?
  • Stellen sie für die vielen unterschiedlichen Karrieremöglichkeiten genug Expertise zur Verfügung?
  • Sind sie aufgrund der hohen Athletenzahl mit ihrer Schnittstellenfunktion überfordert?
  • Wie gehen die Stützpunktberater mit den Bedürfnissen der studentischen Spitzensportler um?
    • Sind ihnen die Gegebenheiten an den Universitäten vertraut?
    • Haben sie selbst studiert und kennen damit die spezifischen Belastungen eines Hochschulstudiums?
    • Kennen sie die speziellen Bedingungen der im Einzugsgebiet befindlichen Universitäten?
    • Sind ihnen die Grundvoraussetzungen für die einzelnen Studiengänge und Universitäten (Prüfungsordnungen, Studienordnungen, usw.) geläufig?
    • Kennen die Laufbahnberater die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge?
    • Können sie auf ein aktives Netzwerk innerhalb der Universitäten zurückgreifen? (Bendrich, 2015,123)

Bildung und Spitzensport – Der studentische Spitzensport

„In den Bereichen Schule, Hochschule und Unternehmen mangelt es an flexiblen Regelungen, die es ermöglichen, gleichzeitig eine schulische/berufliche und leistungssportliche Karriere zu beschreiten“ (Eckpunktepapier DOSB, 2016).

Hier lässt sich abermals eine widersprüchliche Denkweise seitens des DOSB erkennenà „Der DOSB als Dachverband und Koordinator des deutschen Leistungssports, der seinen Fokus aktuell auf die duale Karriere von Nachwuchssportlern bis zum Abitur gelegt hat, zeigt bis heute wenig Interesse am studentischen Spitzensport. Es reicht nicht, den studentischen Spitzensport als integralen Teil der Sportförderung zu benennen, ihn dann brach liegen zu lassen und dem geringfinanzierten, im Spitzensport relativ einflussarmen und eher dem Breitensport zugewendeten Hochschulsportverband adh zu überlassen. Auch die Fachverbände haben bis heute weder Konzepte noch hauptamtliche Spezialstellen zur Unterstützung der dualen Karriere entwickelt und entziehen sich so ihrer sozialen Verantwortung gegenüber ihren Athleten. Eine intensivere und effektivere Förderung des studentischen Spitzensports würde auf Seiten aller Verbände bedeuten, in Zukunft Opfer zu bringen, Kompetenzen und auch finanzielle Mittel zugunsten hauptamtlicher Beraterstellen an das Hochschulsystem abzugeben. Es ist die Aufgabe des organisierten Spitzensports und des Staates und weniger der Universitäten, die duale Karriere der studentischen Spitzensportler finanziell zu unterstützen. Der Verlust von Studenten im Spitzensport führt zum Verlust außergewöhnlicher Talente. Neben den Hochschulen selbst kann nur ein Strategiewechsel der Verbände und des DOSB für den studentischen Spitzensport eine Veränderung herbeiführen. Ohne dieses Umdenken wird sich an den Strukturen des studentischen Spitzensports wenig ändern. Den Verbänden muss ihre zukünftige Abhängigkeit von den studentischen Spitzensportlern bewusst werden. Ignorieren sie diesen wichtigen Personenkreis im Spitzensport weiterhin, wird sich das Inklusionsproblem der studentischen Spitzensportler nicht lösen lassen, das „Drop-Out“-Phänomen bestehen bleiben oder sich abermals vergrößern. Viele Athleten würden sich konsequenterweise für die Zukunftsabsicherung akademische Karriere entscheiden, anstatt sich dem individuellen Risiko Spitzensport auszusetzen. Der Hochleistungssport selbst ist gefordert, dem Verlust von Talenten entgegenzuarbeiten, denn er und nicht die Hochschulen werden zukünftig unter der Einbuße von Talenten leiden. Die Verbände müssen erkennen, dass sie den Universitäten Kompetenzen, Verantwortungen und finanzielle Mittel übertragen müssen, auch wenn dies bedeutet, dass die einzelnen Verbände dadurch Aufgaben und gleichzeitig Macht und Einfluss verlieren. Tun sie dies nicht, sind die Folgen für den Spitzensport eklatant“ (Bendrich, 2015, 410).

Die Profilquote – Die Vor- und Nachteile

„Zudem ist eine flächendeckende Profilquote, die sicherstellt, dass Athleten das von ihnen gewünschte Studium in jedem Land und damit in der Nähe des geeignetsten Trainingsortes durchführen können, noch nicht realisiert. Lediglich acht Bundesländer haben eine solche Profilquote“ (Eckpunktepapier DOSB, 2016).

In den Lösungsvorschlägen ist dann folgender Satz zu finden: „Lösungsvorschläge: Empfohlen wird die Einführung einer „Hochschul-Profilquote“ in allen 16 Ländern, die sowohl für Bachelor- als auch für Masterstudiengänge greift (bevorrechtigte Zulassung für Spitzensportler bei der Studienimmatrikulation)“ (Eckpunktepapier DOSB, 2016).

 Dies gilt es zunächst wissenschaftlich zu überprüfen. So glauben Verbände und der DOSB, dass sich die Chancen für die Athleten aufgrund der eingeführten Profilquote verbessern. In der Praxis jedoch erschweren die Quoten Studentensekretariaten häufig die Zuteilung der gewünschten Studienfächer aufgrund der festgelegten Prozentsätze erheblich; es kommt dadurch an einigen Standorten zu einer Umkehrung des Vorteils in einen Nachteil und die studentischen Spitzensportler können nicht den gewünschten Studiengang antreten. Auch aus diesem Grund sollten diese Phänomene zukünftig näher beleuchtet und analysiert werden.

Förderung durch die Bundeswehr

„Schließlich werden die vorhandenen etwa 1.200 staatlichen Sportförderstellen bei Bundeswehr, Bundespolizei, Landesbehörden, Zoll und weiteren Partnern nicht optimal besetzt und genutzt:

  • Bei der Vergabe der Sportförderstellen erfolgt keine konsequente Priorisierung zugunsten der perspektivreichsten Athleten.
  • Auch bei der Prüfung der Verlängerung einer Sportförderstelle fehlt es an einer Evaluation dahingehend, dass Athleten, die kein „Medaillenpotenzial“ haben, eine Sportförderstelle wieder aberkannt wird“ (Eckpunktepapier, 2016).

Die aktuelle Förderung innerhalb der Bundeswehr ist nicht dafür bekannt, dass sie die Persönlichkeiten der Athleten in besonderem Maße weiterentwickelt und sie zu mündigen Athleten formt. Doch genau an dieser und anderen Fördermaßnahmen (um die 30 Mio. Euro) wird weiterhin festgehalten bzw. werden diese noch intensiviert. Ob die militärischen Berufsangebote noch zur Mehrzahl der Athleten passen, beantwortet das Strategiepapier nicht. Auch zur biographischen Absicherung trägt diese Art der Förderung nicht bei, da die meisten Athleten für den Spitzensport von militärischen Übungen und Ausbildungen freigestellt werden. Nun sollen diese Stellen in Zukunft besonders den Medaillenhoffnungen zu Gute kommen und alleinig vom sportlichen Erfolg abhängen.

Das „Scheinsoldatentum“ hat auch so auch Einfluss auf andere Lebensbereiche und schlussendlich auch auf die sportliche Leistungsfähigkeit. Bis vor 5 Jahren war ein paralleles Hochschulstudium in der Bundeswehr nicht gestattet (vgl. Bundeswehr, 2011, 8) und bis heute ist es lediglich unter bestimmten Voraussetzungen möglich (wenn sie mit Sport, Dienst und schlussendlich mit den Sichtweisen der Vorgesetzten (Trainer, Bundeswehr) vereinbar sind). Bis 2010 war eine Berufsausbildung bei einer Verpflichtungsdauer von unter 8 Jahren prinzipiell nicht möglich (vgl. Kuhlen/ Sarsky, 2009, 8). Seit 2010 gibt es die Möglichkeit von leistungssportgerechter Ausbildung/ Studium durch die Bundeswehr (vgl. Bundeswehr, 2013, 9), die wiederum unterstreicht: “Hierbei haben die Terminsetzungen des Dienstherrn Bundeswehr, insbesondere für die militärischen Ausbildungsgänge, als auch die sportfachlichen Vorgaben der Spitzenverbände Priorität“ (Bundeswehr, 2013, 5) (Bendrich, 2015, 89). Doch viel erschreckender ist folgender Satz des Eckpunktepapiers:

Auch bei der Prüfung der Verlängerung einer Sportförderstelle fehlt es an einer Evaluation dahingehend, dass Athleten, die kein „Medaillenpotenzial“ haben, eine Sportförderstelle wieder aberkannt wird“.

Damit wird deutlich, welchem Druck die Athleten ausgesetzt werden. Liefern sie nicht, soll die Förderung gestrichen werden. Das Gewinnen um jeden Preis wird damit forciert und es ist ein eindeutiger Beweis, dass Spitzensport in Deutschland zum Medaillensport verkommt und den Athleten zum Mittel des Zwecks degradiert.

Fortsetzung (Teil 4) folgt nächste Woche.

 

Dokument bereitgestellt von Jens Weinreich (www.jensweinreich.de)

 

Links zum Text:

 

Bundeswehr (2013): Spitzensportförderung in der Bundeswehr-Basisinformation. URL: http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&cad=rja&ved=0CDYQFjAB&url=http%3A%2F%2Fwww.bundeswehr.de%2Fresource%2Fresource%2FMzEzNTM4MmUzMzMyMmUzMTM1MzMyZTM2MzEzMDMwMzAzMDMwMzAzMDY4NjUzNzM5Mzc2MTZjNjIyMDIwMjAyMDIw%2FBasisInfo_zur_Spitzensportfoerderung_neu_Bw.pdf&ei=nH_yUZLZLInDswaV6oGABQ&usg=AFQjCNFJY4dAkSxvyhuomANhzUZLstihLw&bvm=bv.49784469,d.Yms

Kuhlen, A., Sarsky, K. (2009): Bundeswehr, Bundespolizei oder Zoll? Was soll ich tun? Behördenbericht Olympiastützpunkt Bayern veröffentlicht durch Olympiastützpunkt Rheinland, URL: http://www.osp-rheinland.de/fileadmin/templates/user_upload/pdf/behoerdenbericht_osp_bayern.pdf, Zugriff: 30.09.2012.

DOSB (2016): Eckpunktepapier Leistungssportreform 26.09.2016[1], Bereitgestellt von: Jens Weinreich, URL: https://de.scribd.com/document/325503278/Eckpunktepapier-Leistungssportreform-26-09-2016-1#from_embed

Dreis, A.(2016): „Derzeit unverantwortlich, hohe Medaillenziele zu setzen“, IN: FAZ, Interview mit Max Hartung, URL: http://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/fechter-max-hartung-ueber-leistungssport-studium-und-geld-14457722.html.

Bendrich, B. (2015): Studentischer Spitzensport zwischen Resignation, Mythos und Aufbruch, Optimus Verlag.

Weinreich, J. (2016): Eckpunktepapier zur Neustrukturierung des deutschen Hochleistungssports und der Spitzensportförderung. URL: https://www.jensweinreich.de/2016/09/27/eckpunktepapier-zur-neustrukturierung-des-deutschen-hochleistungssports-und-der-spitzensportfoerderung/

Foto: John Hisgett , URL: https://www.flickr.com/photos/hisgett/6481423559/

 

Max Hartung und Fabian Hambüchen zur Sportförderung

Max Hartung
ZDF Sportstudio

Link zum Video:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2828032/Hartung-Ehrenamt-reicht-nicht

Die deutschen Sportler haben mit guten Ergebnissen bei den Olympischen Spielen überrascht. Viele der Medaillen kamen teilweise unerwartet und zeigen, wie ehrgeizig die Athleten ihr Ziel, das Gewinnen einer Medaille, verfolgen. Viele der Athleten sind über sich hinausgewachsen und haben den Weltsport verblüfft. Andere haben ihre persönlichen Bestleistungen verbessert. Diese Ergebnisse werden oft nicht ausreichend von der Gesellschaft gewürdigt. Bestleistungen erringen heißt, diese Athleten waren noch nie schneller, waren noch nie besser, haben auf den Punkt ihre Höchstleistung erbracht. Welchem Büroangestellten, welchem Konzernchef gelingt es, auf den Tag genau seine Bestleistung zu erbringen? Nicht vielen! Die Leistungen der deutschen Spitzensportler sind in vollem Umfang zu würdigen…(folge dem Link).

Frust über das System Sportdeutschland (Teil 1)

 

Frust über das System Sportdeutschland (Teil 1)

Higor de Padua Vieira Neto Rio de JaneiroDie deutschen Sportler haben mit guten Ergebnissen bei den Olympischen Spielen überrascht. Viele der Medaillen kamen teilweise unerwartet und zeigen, wie ehrgeizig die Athleten ihr Ziel, das Gewinnen einer Medaille, verfolgen. Viele der Athleten sind über sich hinausgewachsen und haben den Weltsport verblüfft. Andere haben ihre persönlichen Bestleistungen verbessert. Diese Ergebnisse werden oft nicht ausreichend von der Gesellschaft gewürdigt. Bestleistungen erringen heißt, diese Athleten waren noch nie schneller, waren noch nie besser, haben auf den Punkt ihre Höchstleistung erbracht. Welchem Büroangestellten, welchem Konzernchef gelingt es, auf den Tag genau seine Bestleistung zu erbringen? Nicht vielen! Die Leistungen der deutschen Spitzensportler sind in vollem Umfang zu würdigen.

Die aktuellen Strukturen und Umstände der Athleten detaillierter betrachtet, ist die Ausbeute nicht „durchwachsen“ (Worte des DOSB Präsidenten), sondern vielmehr positiv überraschend. Die deutschen Sportler sind trotz erheblicher struktureller Probleme im System Sportdeutschland über sich hinausgewachsen. 17 Goldmedaillen sind ein gutes Ergebnis. Die Olympiamannschaft profitiert auch von den erfolgreichen Fußballerinnen und Fußballern und erfahrenen Leistungssportlern wie Fabian Hambüchen oder Kristina Vogel. Zudem überraschten die Schützen mit sensationellen Leistungen (siehe https://derballluegtnicht.com/2016/08/15/die-goldmedaille-eines-studentischen-spitzensportlers-henri-junghaenel/). In den olympischen Kernsportarten hingegen gingen die deutschen Athleten „baden“. Die Ausbeute blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück. Spezielle Projekte, initiiert durch den Schwimmverband dsv, hatten keine positiven Auswirkungen. Die Großen der Leichtathletik schwächelten in ihren Wettkämpfen, sodass das Ziel des dlv von 4-6 Medaillen auch in der Leichtathletik nicht erreicht werden konnte. Doch es gab die positiven Überraschungen des Thomas Röhler und des unangepassten Christoph Harting.

Around the rings1992 Maracana Stadium

Auch die Fechter (sie blieben erstmals seit 36 Jahren ohne eine Medaille) sowie Kampfsportarten blieben hinter den Erwartungen zurück. Insgesamt ist die Summe der sportlichen Erfolge der deutschen Olympiamannschaft seit Barcelona 1992 gesunken.

Doch warum ist das Ergebnis im Hinblick auf die Athleten trotzdem als gut zu bezeichnen?

Wirft man ein Blick hinter die Kulissen wird deutlich, dass die Leistungen der Athleten als außergewöhnlich zu bezeichnen sind.

Im Durchschnitt haben Athleten in Deutschland nicht mehr als 620 Euro im Monat zur Verfügung, viele Sportler verdienen deutlich weniger als den festgeschriebenen Mindestlohn. Einige Sportler haben einen Stundenlohn von weniger als 2 Euro, trotzdem werden Weltklasseleistungen mehr oder weniger von der Öffentlichkeit und den Funktionären erwartet.

Der Frust der Athleten gegenüber dem deutschen Fördersystem wird größer. Athleten wollen die Restriktionen des deutschen Sportfördersystems nicht weiterhin hinnehmen, sondern beginnen Kritik zu äußern, sie erkennen, dass sie durch die aktuellen Strukturen eher eingeschränkt werden, als dass neue Energien freigesetzt werden können. Auch deutsche Fachverbände sind zunehmend unzufrieden mit den aktuellen Entwicklungen im deutschen Spitzensport. Viele der Fachverbände fühlen sich übergangen, haben Angst vor der Zukunft ihrer Sportart. Zum einen haben sie Angst vor Restriktionen und Reduzierungen der Fördersummen durch den DOSB und das BMI, zum anderen trauen sie sich nicht, sich zu den Missständen im aktuellen System zu äußern. Sie befinden sich in einer Zwickmühle, in der eine freie Meinungsäußerung nahezu unmöglich ist und echte Reformbemühungen unterdrückt werden. Es entsteht der Eindruck, dass aktuelle Machtverhältnisse und Strukturen durch eine mögliche Erhöhung der Fördersumme durch das Bundesministerium des Inneren erhalten werden sollen, anstatt ernsthaft zu reformieren.

Hinter verschlossenen Türen wird bereits um Fördersummen gekämpft. Vermutlich werden wie in der Vergangenheit die besten Lobbyisten der einzelnen Fachverbände aktiviert, um Einfluss auszuüben, um so möglichst hohe Fördersummen für den eigenen Verband zu sichern. Eine ernsthafte Reform wird somit womöglich verhindert.

Parallel dazu fühlen sich viele der Athleten vom Spitzenverband und den Fachbänden übergangen. Der einzelne Athlet und auch die Athleten als Gruppe werden abermals bei wichtigen Entscheidungen nicht mit eingebunden und wenn, dann nur in einem geringen Maße. Zu wenig Förderung kommt bei dem einzelnen Athleten an, sie überleben häufig nur aufgrund der Unterstützung der eigenen Familie und regionalen Kleinsponsoren und der Hilfe der Deutschen Sporthilfe. Eine subjektorientierte Förderung der Athleten fehlt.

Aktuelle Förderstrukturen

Obwohl der DOSB in seinem Strategiepapier 2020 den selbstbestimmten Sport (unabhängig von staatlichen Einflüssen und Vorgaben) propagiert, fördert er in Kooperation mit dem BMI besonders die Förderstellen innerhalb der Bundeswehr (vgl. http://www.jensweinreich.de, S.5 im Strategiepapier). Der DOSB erkennt bis heute nicht, dass die eindimensionale Ausbildung der Athleten bei der Bundeswehr nicht der Weg eines modernen deutschen Spitzensports sein kann. Zeitsoldaten werden bis auf die Grundausbildung von allen militärischen Übungen und Ausbildungen auf einen begrenzten Zeitraum befreit und können sich ausschließlich auf den Spitzensport konzentrieren. Was zunächst nach einer exklusiven Spitzensportförderung aussieht, hat erhebliche Spätfolgen für den einzelnen Athleten, seinen Lebenslauf und die Gesellschaft. Selbstverständlich erscheint eine solche Förderstelle auf Zeit zunächst reizvoll, jedoch schränkt sie in vielen Fällen die Entwicklung der Persönlichkeit des Spitzensportlers eher ein, als ihn zu einem wichtigen Bestandteil der Gesellschaft zu machen. Durch den nicht unerheblichen Anteil dieser Förderstellen und fehlender effektiver Alternativen werden viele der Athleten durch strukturelle Vorgaben in bestimmte Stellen hineingezwungen. Eine freie Wahl ist nahezu unmöglich, da Alternativen nur selten präsentiert werden bzw. existieren. Nach ihrer aktiven Karriere ist der Übergang in das Berufsleben häufig holprig und mit vielen unüberwindbaren Hürden verbunden. Wie soll es einem Spitzensportler gelingen, nach Karriereende in der Gesellschaft Anschluss zu finden, wenn er keine konkrete Aufgabe erhalten oder Ausbildung genossen hat. Auch während eines Interviews mit dem ZDF hat Alfons Hörmann abermals die Arbeit der Bundeswehr als wichtiges Element der Spitzensportförderung gepriesen. Bis heute wurde dieses Fördermodul nicht evaluiert. Es ist völlig unklar, wie effektiv es wirklich ist. Vergleicht man den spitzensportlichen Output mit dem finanziellen Input durch das Bundesministerium des Inneren und damit durch den Steuerzahler, wird deutlich, dass dieses System der Förderung der Bundeswehr nicht effektiv sein kann. Auch der Bundesrechnungshof hat dieses Fördermodul bereits in der Vergangenheit kritisiert, doch der deutsche Spitzenverband hält augenscheinlich auch in der Zukunft an der Förderung fest.

„Wir setzen uns dafür ein, die Leistungen des organisierten Sports für die Gesellschaft deutlicher darzustellen und sichtbarer werden zu lassen. Dafür verstetigen und erhöhen wir unsere Präsenz als Akteur in gesellschaftlichen Themenfeldern (z.B: Bildung, Teilhabe.)“ (Strategiepapier 2020 , abrufbar auf www.jensweinreich.de).

Trotz dieser Äußerungen scheint die duale Karriere in Hochschulen keine prominente Rolle in den Überlegungen des DOSB zu spielen. An alternativen Konzepten zur dualen Karriere wird seit Jahren intern gearbeitet, bis heute wenig präsentiert. Vereinzelte Initiativen sind durchaus zu begrüßen, sind jedoch im Umfang viel geringer als die zuvor präsentierten politisch gewollten Förderprogramme. Hauptamtlich arbeiten bis zu 1,5 Personen intensiv an den Konzepten der dualen Karriere. Wie soll es mit diesen Kapazitäten zu wirklichen Veränderungen kommen? Der Kontakt zum Verband des studentischen Spitzensports adh ist als sporadisch zu bezeichnen. Selbst bei der Entwicklung der Internetpräsenz „duale Karriere“ gab es keinen direkten Kontakt zwischen dem DOSB und dem adh. Der Launch der Seite wurde dem adh nicht im Vorraus mitgeteilt, obwohl der adh dem DOSB die Internetadresse freiwillig bereitgestellt hatte. Auch bei der Auswahl von empfohlenen Stützpunkten und Hochschulen wurde der adh ( zur eigenen Überraschung) nicht eingebunden. Wie es zur Auswahl einiger Standorte kam, ist nicht bekannt. Ob somit ein ernsthaftes Interesse am studentischen Spitzensport besteht, ist zumindest fraglich. Auch die auf der Internetpräsenz präsentierten Texte und Fördermöglichkeiten sind nicht neu und sind bereits auf der Seite des DOSB präsentiert worden (siehe http://www.duale-karriere.de/home/ ).

Doch wie soll das neue Konzept aussehen? Wie soll die Verteilung in Zukunft ablaufen?

Die Bestrebungen des DOSB erscheinen undurchsichtig und auch das Strategiepapier des DOSB verrät nicht viel Neues und konzentriert sich eindeutig auf die Außendarstellung des Verbandes und die Machtlegitimierung gegenüber den Fachverbänden (siehe https://www.jensweinreich.de/2016/07/29/strategiepapier-dosb-2020-die-neue-deutsche-olympiabewerbung-und-das-einheitsprinzip-von-klarheit-und-wahrheit/). Einige Verbände müssen sich vermutlich auf erhebliche Einschnitte einstellen. Dass der DOSB selbst Kompetenzen abgeben will, erscheint unrealistisch.

Bis heute ist über ein neues Förderprogramm Folgendes bekannt: Die aktuelle Grund- und Projektförderung, die für die Olympischen Spiele in Rio genutzt wurde, soll vollständig abgeschafft werden. Zukünftige Potentiale sollen für jede einzelne Disziplin und nicht Sportart eine prominentere Rolle spielen. Eine Bewertungskommission aus Mitgliedern des DOSB und externen Beratern und Wissenschaftlern soll jede einzelne olympische Disziplin minutiös analysieren und bewerten (Anteil der unterschiedlichen Experten noch unbekannt). Eine Kommission mit externen Beratern ist zunächst zu begrüßen. Wie diese Kommission konkret besetzt werden soll und wie viel Entscheidungsspielraum sie später erhält oder ob sie eher zu einem Beratungskommission verkommt, ist noch nicht bekannt.

Nach dieser Bewertung durch die Kommission sollen die Sportarten durch ein neuartiges Computerprogramm analysiert und in drei unterschiedliche Fördergruppen / Cluster unterteilt werden. Die Gruppe eins wird dabei die umfangreichsten Fördersummen erhalten und Gruppe drei die wenigsten (vgl. http://www.sueddeutsche.de/sport/sportpolitik-mehr-als-kriterien-1.3126916). Verbände in Cluster 3 werden zu kämpfen haben. Jedoch ist mit diesem Schritt nicht die Evaluation der Sportarten beendet, sondern es folgt ein weiterer Schritt, der einen wohl wichtigen Einfluss auf die Förderung haben kann und vermutlich haben wird: die Gespräche zwischen BMI, DOSB, Bundesländern und den Fachverbänden. Diese präsentieren der neuen Kommission ebenfalls Vorschläge. Wie dieser Prozess detailliert ablaufen soll, wird entscheidend für Veränderungen sein. Es stellt sich Frage, was passiert, wenn sich die einzelnen Akteure/ Institutionen in diesen Gesprächen nicht einig sind. Was passiert wenn die Bewertungskommission und der DOSB und das BMI unterschiedlicher Ansicht sind bzw. zu weit auseinander liegen? Gelangen wir dann wieder zum Ausgangspunkt? Wie geht es weiter? Wer spricht das Machtwort? Wird neu verhandelt? Schafft dieser Prozess Transparenz? Es entstehen Fragen!

Teil 2: Themen: Vorraussichtliche Fördersummen 2017,Leistungssportreform – Was bis heute bekannt ist, Die duale Karriere und der DOSB/ adh. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/09/25/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-2/

Teil 3: Themen= die Dokumente zur Leistungssportreform, Die duale Karriere und das Eckpunktepapier des DOSB, Die Aufgabe der Laufbahnberater, Bildung und Spitzensport – Der studentische Spitzensport, Die Profilquote – Die Vor- und Nachteile, Förderung durch die Bundeswehr. Link: https://derballluegtnicht.com/2016/09/30/frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-3-das-eckpunktepapier/

Teil 4:Das Potentialanalysesystem PotAS und die Folgen/ Fragen – Frust über das System Sportdeutschland (Teil 4) Link: https://derballluegtnicht.com/2016/10/07/die-potentialanalyse-potas-und-die-folgen-bzw-fragen-frust-ueber-das-system-sportdeutschland-teil-4/

Photos by: Around the rings1992 (Maracana) , Higor de Padua Vieira Neto

Rio de Janeiro

Maracana Stadium

Ein Plädoyer für den vom Aussterben bedrohten mündigen Athleten – Traut euch Athleten, ihr habt nichts zu verlieren!

john carlos
Peter Norman, John Carlos und Tommie Smith bei den Olympischen Spielen 1968 (photo: Rae Allen via Flickr BY CC 2.0)

Spitzensportler – Millionär? Prominenter? Siegertyp? Egomane? Spinner? Verrückter? Lebensmüder? In den Medien sind sie oft Helden oder Verlierer für einen einzigen Tag, für einen kleinen Moment. Doch oft stecken Jahre voller Anstrengungen und Entbehrungen oder auch herben Enttäuschungen hinter diesen außergewöhnlichen, nicht selten einmaligen, einzigartigen Leistungen.

Sind es auch die Spitzensportler, die von ihren Taten bei den Olympischen Spielen biographisch und finanziell profitieren?

Dem ist nicht so. Vielmehr müssen die meisten sich nach ihrer sportlichen Karriere, ohne finanzielle Rücklagen und oft mit Schulden, eine neue Existenz aufbauen. Im Gegensatz zum IOC und den nationalen Verbänden kann ein Sportler nicht kontinuierlich von seinen Leistungen profitieren. Gerade während der wichtigsten Wochen seiner spitzensportlichen Karriere ist es dem Athleten nicht möglich, sich selbst zu vermarkten. Durch den nur leicht gelockerten Paragraphen 40 der Olympischen Charta ist es Athleten während der Olympischen Spielen nahezu nicht gestattet, eigene Sponsoren zu präsentieren. Vielmehr müssen Athleten die Sportartikelfirmen und Hauptsponsoren des IOCs und des Nationalen Olympischen Komitees (in Deutschland DOSB) vertreten. Wehren sie sich gegen diese Auflagen, können sie sowohl von dem IOC als auch dem nationalen Spitzenverband nicht nominiert bzw. für wichtige spitzensportliche Events übergangen werden. Die Athleten verlieren für die Wochen vor, während und nach den Olympischen Spielen ihre Persönlichkeitsrechte und dürfen sich auch politisch und gesellschaftlich nur begrenzt äußern. Der Athlet wird so zum Leibeigenen eines nicht-staatlichen patriarchalischen Systems, das die Meinungsfreiheit zwar propagiert, diese aber während der Spiele des Friedens und des internationalen Austausches untergräbt und damit massiv beschneidet.

Paragraph40

International werden Athletenrechte immer intensiver diskutiert. Die Athleten stehen heute durchaus berechtigt unter besonderer Beobachtung, viele von ihnen wurden durch die unentbehrlichen, oft furchtlosen Whistleblower, die durch die Weltverbände nicht beschützt und eher als Nestbeschmutzer angesehen werden, in den letzten Monaten des Dopings überführt (vgl. Kistner (SZ), 2016, link: http://www.sueddeutsche.de/sport/doping-fuer-das-ioc-sind-doping-whistleblower-nestbeschmutzer-1.3005902). Einige dieser Athleten sind schlichtergreifend skrupellos und kriminell, viele andere jedoch vermutlich eher lebensmüde und systemtreu. Andere häufig vollkommen unschuldig und auf den hinteren Plätzen bei Olympia anzufinden. Es stellt sich die Frage ob die staatlichen Strukturen der Staaten diese Athleten nicht zum Betrügen verleitet haben. Sind die Athleten, Trainer und Ärzte an diesen Entwicklungen Schuld?

Ein detaillierter Blick auf die aktuellen Strukturen des Weltsports und der nationalen Sportverbände zeigt, dass Athleten, aber auch die oft als unabhängig deklarierte WADA, mehr als nur abhängig vom IOC, den nationalen Verbänden und staatlichen Institutionen sind. Die Athleten, die WADA und die vielen NADAs werden von mächtigen Verbänden und Nationen finanziert, gesteuert und indirekt beeinflusst, zum Teil sogar offensichtlich manipuliert („Geheimsache Doping“ ARD 8. Juni: „Showdown für Russland“. ARD 22.45; Strashin, 2016, http://www.cbc.ca/1.3602991). Sie verkommen in vielen Fällen zu Marionetten dieser Institutionen und ihrer Funktionäre, die die Strippen ihrer Macht fest in ihren Händen halten und versuchen Dysbalancen schnell und ohne viel Aufsehen über private Seilschaften zu korrigieren. Funktionäre entscheiden über Qualifikationen, Disqualifikationen und Turnierverläufe. Der Einfluss der aktiven Sportler sowohl bei den Dopingagenturen als auch Verbänden und dem IOC ist nahezu nicht mehr erkennbar. Das Abhängigkeitsverhältnis ist gewollt und hat über Jahrzehnte den einzelnen Athleten klein und machtlos gehalten. Dies zeigen auch die Zahlen der Athletenvertreter in den verschiedensten Gremien. Sollten nicht gerade die aktiven Sportler einen erheblichen Teil der Gremien ausmachen? Die Stimme des für den Sport unentbehrlichen Akteurs, kann sich nicht artikulieren oder gar emanzipieren aus dem Abhängigkeitsverhältnis, in Bezug auf staatlichen Förderungen und den Vorgaben der Verbände. Ohne die Zustimmung des nationalen Verbandes ist eine Olympianominierung nicht möglich. Sowohl das IOC als auch die nationalen Verbände besitzen im Spitzensport eine einzigartige Monopolstellung. Inwieweit diese Monopole überhaupt mit gesetzlichen Vorgaben vereinbar sind, steht zur Debatte. Entsprechen diese Strukturen einem offenen internationalen Weltsport und einer demokratischen Weltanschauung?

In einigen Ländern sind zudem die Trainer auch beruflich Vorgesetzte der Athleten (in Deutschland z.B. in der Bundeswehr). So können die Trainer Biographien entscheidend mit beeinflussen, ja sogar die Existenz eines Athleten zerstören. Die heutigen Athleten mutieren so zu modernen Sklaven eines weltweiten Verbandes, der die oft zu naiven und zu sehr auf den Sport fokussierten Spitzensportler über seine Monopolstellung für seinen Machterhalt und seine Profitgier skrupellos ausnutzt.

Die Athleten bereiten sich meist mehrere Jahre auf eigene Kosten und nah am Existenzminimum auf die Olympischen Spiele vor und hangeln dabei von Fördersumme zu Fördersumme. Nur ein nahezu unerreichbarer Olympiasieg kann diese Situation möglicherweise, aber nicht zwingend, verändern. Viele Athleten wissen, dass sie nur einen überschaubaren Einfluss auf die Strukturen des Sports haben, lassen sich jedoch durch die aktuellen Strukturen instrumentalisieren. Es ist an der Zeit, dass Athleten offensiver ihre Interessen vertreten, den Verbänden auch in der Öffentlichkeit mit ihren Argumenten die Stirn bieten. Nur mit Hilfe mutiger, aktiver Athleten wird es möglich sein, festgefahrene Strukturen aufzubrechen. Die Spitzenverbände werden sich nach jahrzehntelangen Machterhaltungsprozessen nicht von innen reformieren. Vielmehr beschwichtigen gut getimte Leuchtkerzen die Öffentlichkeit und Ministerien. Die internationalen und nationalen Spitzenverbände werden ihre Strategien nicht grundlegend ändern, solange nicht die breite Öffentlichkeit Einblick in die vernebelten Strukturen des Spitzensports erhält und es den Funktionären immer wieder gelingt, mit den altbekannten Taktiken die „Sportfamilie“ zu vereinen.

Gehen die Athleten ein persönliches Risiko ein, wenn sie sich trauen, ihre Interessen öffentlich zu vertreten?

Die Antwort ist ja. Die Athleten würden bei der Macht der Verbände nicht nur positive Rückmeldungen erhalten, andererseits aber Themen und Problemen eine Stimme geben. Doch haben die Spitzensportler überhaupt viel zu verlieren? Athleten riskieren bereits heute viel, da sie meist von der eigenen Familie oder regionalen Partnern gefördert werden und ohne diese häufig finanziell bankrott wären. Warum sollten diese Vorbilder nicht auf Missstände in ihrem System aufmerksam machen und die Öffentlichkeit an dem Dilemma teilhaben lassen?

Besonders nach den Korruptions- und Dopingskandalen der letzten Monate, bedarf es starken Charakteren, die den Unterschied machen. Athleten sollten die Plattform des Sports und der Olympischen Spiele in diesem Jahr nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen und offensiv ihre Meinung vertreten. Sie sollten Missstände, die sie selbst betreffen (z.B. Förderstrukturen, Probleme des dualen Karriere, Dopingproblematik, Rechte des Athleten, finanzielle Situation usw.), erläutern und diese mit Informationen füllen. Zu häufig haben sich Spitzenathleten in der Vergangenheit loyal gegenüber den Verbänden verhalten. Zu häufig lassen sich Spitzensportler auf Weltniveau nach ihrer Karriere vom Spitzensport einlullen, anstatt Missstände öffentlich zu äußern. Besonders wenn von den Medien, der Wissenschaft und auch einigen Verbandsmitgliedern der mündige Athlet gefordert wird, müssen die Athleten ihren medialen Einfluss, den sie manchmal nur für wenige Tage über ihre außergewöhnlichen Leistungen erhalten, auch nutzen dürfen, um auf eigene und gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Oder sollte ein mündiger Athlet über die Probleme hinwegschauen?

Historisch gesehen gab es in Deutschland nur wenige Athleten, die den Mut hatten, sich zu gesellschaftlichen oder spitzensportlichen Themen und Problemen zu äußern. Amerikanische Sporthelden wie Tommie Smith und John Carlos, oder Muhammad Ali gibt es in einem ähnlichen Ausmaß in der deutschen Sportgeschichte nicht. Doch wie wäre es mit einem deutschen spitzensportlich aktivem Bürgerrechtler? Warum sollten Athleten ihre kurzzeitige Bühne nicht auch für gesellschaftliche Themen nutzen? Sie sind Sportler und sollten sich deshalb viel eher auf ihr Spiel konzentrieren!?

Die negativen Effekte der vergangenen Olympischen Spiele sind nicht vergessen. Die finanziellen Belastungen und letztendlich die vielen Bauruinen aus Athen sind bekannt, die Missachtung der Menschenrechte in Peking, sowie die horrenden Summen, die das Budget der Spiele in London sprengten als auch die misslungene Gesundheitsoffensive (siehe Rhodes, 2016, link: http://www.bbc.com/news/uk-england-36540017?ocid=socialflow_twitter&ns_mchannel=social&ns_campaign=bbcnews&ns_source=twitter) sind eindeutige Beispiele für negative, moderne Legenden der Spiele.

Banksy
Banksy Olympic Javelin Thrower (photo: http://www.banksy.co.uk)

Das Ausmaß der Probleme erreicht bei den diesjährigen Olympischen Spielen ein neues, bislang unerreichtes Level. Die Folgen für die einheimischen Favela-Bewohner sind und werden nach den Spielen weitreichend sein. Brasilien befindet sich bereits heute in einer zerreißenden Rezession (die Wirtschaftsleistung ging das fünfte Quartal in Folge zurück), die das Land spaltet. Probleme werden durch die finanziellen Belastungen der Olympischen Spiele multipliziert und Brasilien auf Jahre hinaus weiter beschäftigen und gesellschaftlich, politisch und finanziell belasten. 11 Millionen registrierte Arbeitslose, die größte Rezession des Landes seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts (Great Depression), nahezu 60% der Parlamentarier in aktuelle Korruptionsuntersuchungen verwickelt, eine entmachtete Präsidentin (deren endgültige Entmachtung durch eine Abstimmung drei Tage vor Beginn der Spiele feststehen könnte (02.08.2016)), die Verbreitung des Zika-Virus, ein nicht fertiggestelltes und überlastetes Transportsystem, eine nahezu zahlungsunfähige Gastgeberstadt, die hohe Kriminalität, eine erschreckende Polizei- und Militärbrutalität und der Zusammenbruch des brasilianischen Gesundheitssystems (Brasilien hatte vier Gesundheitsminister in den letzten acht Monaten) könnten den Ort der Spiele nicht besonderer machen. Die kostspieligen Olympischen Spiele sind die Spiele eines aufstrebenden Landes vor acht Jahren, das in den letzten drei Jahren einen rasanten und dramatischen Absturz erlebt hat. Die Olympischen Spiele werden so zu einer Mogelpackung bzw. Fata Morgana des „gemeinnützigen“ IOCs und der brasilianischen (Polit-)Elite. In vielen Ausrichterländern wie des diesjährigen Gastgebers Brasilien, wird der olympische Circus Maximus schlussendlich zu einem Trojanischen Pferd, das den anberaumten finanziellen Rahmen des Gastgeberlandes in einem unvorstellbaren Ausmaß sprengt, den nationalen Haushalt belastet und über Jahre hinaus die politische Balance des Landes aus dem Gleichgewicht bringen wird.

Deutsche Sportler sollten ihren Bekanntheitsgrad nutzen, um sich für einen guten Zweck oder einen politischen Diskurs einzusetzen. Sind nicht gerade die Sportler der Randsportarten Teil der breiten Bevölkerung, die viel mehr Überschneidungspunkte mit der Gesellschaft besitzen, als vielbeschäftigte Politiker oder Funktionäre. Sie kennen die alltäglichen Probleme des Arbeiters/ Geringverdieners, auch wenn sie studieren oder studiert haben. In Rio sind sie vor Ort und können sowohl sich als hart arbeitenden Spitzensportler als auch den Menschen ein Gehör geben, die es sonst nicht in die breite Öffentlichkeit schaffen. Es ist ein Trugschluss, dass Athleten keine eigene Meinung über den Sport hinaus haben dürfen. Sport und Politik haben und werden sich immer vermischen, das eine vom anderen zu trennen ist unmöglich. In einem Land, in dem über den mündigen Athleten seit Jahrzehnten diskutiert und dieser immer wieder gefordert wird, sollten wir für jeden politisch und gesellschaftlich interessierten Sportler und Weltbürger dankbar sein. Politisch und gesellschaftlich engagierte Athleten, sie sind die wahren Helden des Sports.

Zu oft lassen sich Sportler missbrauchen, achten zu sehr auf Political Correctness und zu wenig auf die möglichen positiven Folgen einer kritischen Äußerung. Spitzensportler sollten sich trauen, sowohl eigene Interessen als auch allgemeine politische und gesellschaftliche Themen zu äußern. Sportler dürfen die Effekte und das Potential solcher Äußerungen nicht unterschätzen.

Wenige Sportler äußern ihre eigene Meinung offensiv zu Missständen innerhalb und außerhalb des Sports. Sportler wie Imke Duplitzer, Robert Harting, Per Günther, Charles Friedek oder zuletzt Arne Gabius und die Hahner Zwillinge (in einem kleineren Rahmen) trauen sich, ihre Plattform zu nutzen, um sich Gehör zu verschaffen oder ihre Rechte zu verteidigen (siehe z.B. Hahner, 2016, link: http://hahnertwins.com/de/news/413). Robert Hartings Kritik an dem Umgang mit den Dopingvergehen Russlands stellt eine der wenigen sehr kritischen Äußerungen von Seiten deutscher Athleten dar[1] (Nachtrag: In den letzten Tagen hat sich zudem die deutsche Athletenkommission geäußert). Gabius z.B. nutzt seinen Bekanntheitsgrad und seine überragende Form aus, um in der FAZ die Aussagen des IOC Präsidenten zu relativieren, zu korrigieren und zu kritisieren (vgl. FAZ; 2016, http://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/gastbeitrag-von-arne-gabius-bach-sollte-es-besser-wissen-14251129.html). Charles Fridek traute sich vor mehr als 7 Jahren sein Recht einzufordern und den DOSB auf Schadensersatz zu verklagen. Fridek erbrachte die Vorgaben des Verbandes und hatte sich einen Startplatz für Peking erkämpft. Der DOSB, der selbsternannte Anwalts des Sports und seiner Athleten, sah dies anders und verweigerte aufgrund von einer zweideutigen Formulierung Fridek die Teilnahme an den Spielen, für die er sich vier Jahre lang vorbereitet hatte, Entbehrungen hinnehmen, Verletzungen zuzog und diese ausheilen musste. Trotzdem ließ ihn sein Verband nicht an Olympia teilnehmen. Eine persönliche Tragödie und ein Skandal für den Sport (vgl. Die ZEIT, 2016 , http://www.zeit.de/sport/2015-10/charles-friedek-dosb-urteil-bgh ).

Der Sport und seine Verbände haben sich schon lange von den Athleten entfernt. Sie haben Empfindungen, Gefühle und Meinungen der Athleten ignoriert und ihn teilweise skrupellos missbraucht. Das höchste Gut des deutschen Grundgesetzes wird in vielen Fällen im Sport nicht mehr ausreichend geachtet. Die von Emmanuel Kant formulierte Grundidee setzt die Würde des Menschen in den Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Auch jeder deutsche Spitzensportler sollte durch Grundwerte und Gesetze geschützt sein und sich auf dieses berufen dürfen. Eine demokratische Gesellschaft kann es sich nicht erlauben, Athleten lediglich als Mittel zum Zweck zu missbrauchen und nur den auf den Sport fokussierten und immer systemkonformen Sportler als Ziel zu haben. Eine Nation mit klaren Prinzipien muss sich gegen einen singulären Karriereverlauf wehren und die duale Karriere von Athleten deutlich intensiver fördern. In der Vergangenheit wurden Athleten systematisch oder systemisch für menschenunwürdige Dopingpraktiken, teils ohne ihr Wissen, missbraucht. Solche Geschehnisse dürfen sich in Zukunft nicht wiederholen. Athleten dürfen nicht zum Zweck der Goldmedaille zu einem Objekt verkommen. Auch der spitzensportlich aktive Mensch ist in der Lage, seine Handlungen zu reflektieren und eigenständig Entscheidungen zu treffen. Deshalb muss es Ziel sein, unabhängige, eigenständige und willensstarke Athleten zu fördern. Athleten, die Vorbilder auf und neben dem Platz sind, muss man kritische Bemerkungen zugestehen und sie ermutigen, diese zu äußern. In der Vergangenheit wurde diese Werte unserer Gesellschaft häufig vom Sport ignoriert, viele Athleten trauten sich nicht, kontroverse Ansichten zu äußern. Die „Sportfamilie“ selbst hat in den letzten Jahren einen großen Teil zu dieser Entwicklung beigetragen und sieht Querdenker und Mitdenker unter den Athleten gar nicht mehr vor. Gegen diese Entwicklungen müssen sich die Athleten wehren. Athleten unterschätzen ihren Einfluss. Deutsche Athleten sollten wie Spitzensportler und Ex-Leistungssportler aus anderen Ländern, ob Romario, Langstreckenläufer Symmonds oder der ehemalige NBA Spieler Etan Thomas ihren Bekanntheitsgrad nutzen, sich einmischen und ihre Meinungen kundtun zu gesellschaftlichen Problemen und so auch politische Prozess beeinflussen. Spitzensportler sollten sich an die Worte des wohl mündigsten Athleten aller Zeiten Muhammad Alis erinnern und sich folgende Zeilen für Rio zu Herzen nehmen: „Wer nicht mutig genug ist, Risiken einzugehen, wird es im Leben zu nichts bringen.“

Cassius Clay
Cassius Clay aka Muhammad Ali (photo:Charly W. Karl via Flickr BY CC 2.0)

Olympia in Rio – Mündige Athleten? http://www.deutschlandfunk.de/olympia-in-rio-muendige-athleten.1346.de.html?dram:article_id=363071

[1]„Wenn Russland die Starterlaubnis kriegt, würde in mir der letzte Funken meines Glaubens erlöschen, den ich ans IOC und an die IAAF noch habe“, sagte der Athlet der dpa im Bundesleistungszentrum Kienbaum.

 

 

More photos:
Duncan.co/london-2012-olympics-photos/Duncan Rawlinson – Duncan.co – @thelastminute