Taschenspielertricks an der Elbe? Das Argument, das keines ist –wie Hamburg seine Bürger*innen mit Wissenschaft von Olympia überzeugen will 

In den vergangenen Wochen und Monaten haben die deutschen Bewerberstädte umfangreiche Werbekampagnen betrieben. Insbesondere in den sozialen Medien war die Präsenz durch intelligentes Marketing bemerkenswert. In München entschied sich die Stadt, im Rahmen ihrer eigenen Agenda-Settings im Vorfeld der Volksabstimmung Informationsbroschüren zu verteilen, die ausschließlich die Argumente für die Ausrichtung der Olympischen Spiele enthielten. Der Vorwurf der Manipulation wurde erhoben, wobei Kritiker von Desinformation gegenüber der Bevölkerung sprachen.  

Parallel dazu prognostizieren die Befürworter der Bewerbung Hamburg bereits Einnahmen im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich für die Hansestadt. In Hamburg wird der Sport mit Nachdruck als Wirtschaftsmotor präsentiert, wobei die Gründe für die Waghalsigkeit dieser Prognose im Folgenden erläutert werden. Berlin postuliert, die einzige Stadt mit internationaler Strahlkraft zu sein, an der kein Weg vorbeiführt. Die Tatsache, dass die städtischen Finanzen angespannt sind und Baustellen der Hauptstadt sich in Bereichen wie z. B. in der hohen Kinder- und Altersarmut, die über dem Bundesdurchschnitt liegt, befinden, wird nicht erwähnt.  Köln-Rhein-Ruhr bezeichnet das eigene Konzept als das nachhaltigste, aufgrund der zahlreichen vorhandenen Spielstätten in den Metropolregionen. 

Als Sportwissenschaftler und Anhänger des Sports befürworte ich ein Land, das reich an Bewegung und sportlichen Möglichkeiten ist. Eine psychisch gesunde und stabile Bevölkerung, unabhängig vom Alter, benötigt ein breites Spektrum an Bewegungsangeboten. Es ist unbestreitbar, dass jede Form des Sports, von Gesundheitssport über traditionellen Breitensport hin zum Leistungssport, in einer funktionierenden Gesellschaft eine Bedeutung hat.  Als Sportsoziologe bin ich entsetzt über die einseitige Darstellung der Auswirkungen von Olympischen Spielen, insbesondere angesichts der zunehmenden Evidenz für die umfangreichen negativen Konsequenzen dieses Großereignisses, die in den Bewerberstädten unzureichend oder gar nicht diskutiert werden. In sämtlichen Städten/Regionen wird von den kommunalen Behörden eine positive Grundhaltung gegenüber den Olympischen Spielen gefördert. Es vergeht kein Tag, an dem sich Einzelpersonen, Vereine oder Institutionen nicht für die Olympischen Spiele aussprechen und die Städte für die Ausrichtung werben. Dieses Fürsprechen stellt im Grunde kein Problem dar, sofern Städte und Organisatoren gleichzeitig auch die negativen Auswirkungen der Bewerbung und Ausrichtung der Spiele diskutieren und eine offene, transparente Debatte rund um die Spiele ermöglichen würden. 

Selbst im Fall einer umfangreichen und transparenten Aufklärung der Bevölkerung wäre es machbar, die Bevölkerung über die emotionale Ebene für die Ausrichtung zu begeistern. Diese wichtige, ausgewogene Aufklärung erfolgt jedoch nicht; stattdessen werden in allen Ausrichterstädten hohe Umsätze und sogar ökonomische Gewinne vorhergesagt. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den negativen Aspekten fehlt. Alle beteiligten Institutionen und Personen haben ein Interesse an der Ausrichtung der Spiele. Politiker*innen streben danach, diejenigen zu sein, die sich öffentlichkeitswirksam für den Leistungssport engagieren und die Spiele in die Stadt gebracht haben. Sportverbände erhoffen sich eine verstärkte Unterstützung durch Bund und Land, während Sportfunktionäre auf einen weiteren Ausbau der Sportstrukturen und eine zusätzliche Professionalisierung im Breitensport sowie auf höhere Positionen im organisierten Sport hoffen. Sogar Tageszeitungen geraten in einen journalistischen Konflikt, da sie sich bei einer Bewerbung und Ausrichtung über umfangreiche Berichterstattung bereits Jahre vor den Spielen und während der Wettkämpfe freuen. Häufig gehen Zeitungen in den Gastgeberländern sogar offizielle Partnerschaften mit dem Internationalen Olympischen Komitee ein oder werden selbst Sponsoren, was absurd erscheint, aber beispielsweise in Tokio geschehen ist. Selbst Sportwissenschaftler können sich nicht vollständig abkoppeln, auch sie können auf eine Erhöhung der Drittmittel für Studien im Bereich des Leistungssports hoffen. Wer beabsichtigt, sich in einem solchen Gefüge noch gegen die Spiele auszusprechen? Das Ergebnis ist eine hegemoniale Interpretationsdominanz, die mit dazu beiträgt, dass Kritik an dem Projekt als illegitim betrachtet wird. 

Die Städte vermarkten die Olympischen Spiele als willkommenes Infrastrukturprogramm. Es ist alarmierend, wie viele Millionen Euro die Bewerberstädte und Regionen für den internen deutschen Wettbewerb aus Steuergeldern bereits investiert haben, insbesondere angesichts der häufig angespannten finanziellen Situation der Bewerberstädte und der Kürzungen der Fördermittel im Breitensport (siehe Berlin).  Nebelkerzen von mehr Wohnungen und neuem Nahverkehr werden kontinuierlich entzündet. Die lokale Wirtschaft wird durch das Versprechen von gesteigerten Umsätzen und verbesserter Infrastruktur angelockt. Es wird übersehen, dass in den vergangenen Jahrzehnten speziell multinationale Großkonzerne von den Olympischen Ringen profitiert haben, während der Mittelstand eher unter erhöhten Immobilienpreisen und Mieten gelitten hat.  

Nun richten wir unsere Aufmerksamkeit explizit nach Hamburg. Es wird der Bevölkerung und der Wirtschaft ein erheblicher Anstieg der Einnahmen im hohen Millionenbereich in Aussicht gestellt. Die Versprechen, die in zahlreichen Aussagen auf die HWWI-Studie (Hamburgisches WeltWirtschaftsInstituts) verweisen, werfen jedoch mehrere grundlegende Fragen auf, die auch die anderen Bewerberstädte indirekt betreffen. Ein direkter Vergleich, wie er in der Hamburger Wirtschaftsstudie durchgeführt wurde, zwischen dem regulären Sportbetrieb mit seinen Sportveranstaltungen in einer Stadt und der Ausrichtung der Olympischen Spiele ist mehr als fragwürdig. Die unbestreitbare Stärke der Sportwirtschaft im Bundesland Hamburg (z. B. jeder Arbeitsplatz im Hamburger Sport sichert 2,3 Arbeitsplätze, siehe S.8 in der HWWI-Studie) impliziert nicht zwangsläufig, dass Hamburg in der Lage wäre, die Olympischen Spiele erfolgreich auszurichten, und dieses Großereignis automatisch zu weiterem wirtschaftlichen Wachstum führen würde. Ein Vergleich wäre eher wie der Versuch, den Erfolg eines lokalen Wochenmarkts in einem Stadtteil Hamburgs mit der Eröffnung eines neuen Großfestivals (wie dem Lollapalooza) zu vergleichen. Beide Bereiche sind mit der „Wirtschaft“ verbunden, jedoch unterscheiden sich die Skalen, Akteure, Zeiträume und finanziellen Risiken grundlegend. Eine gründliche Untersuchung sollte die jeweiligen spezifischen Auswirkungen berücksichtigen. Der Hamburger Sportbetrieb, der sowohl im Breiten- als auch im Profisport über gute Strukturen verfügt, weist einen Sportkalender auf, der über das gesamte Jahr verteilt mit einigen Höhen und Tiefen durchzogen ist. Eine solche Struktur stellt eine gänzlich andere Situation dar als die bei Olympischen Spielen, bei denen die Wettkämpfe konzentriert in einem sehr kurzen Zeitraum stattfinden. Die Olympischen Spiele sind sowohl zeitlich als auch räumlich stark konzentriert. Die ökonomischen Auswirkungen des Spielbetriebs in Hamburg zeichnen sich im Vergleich zu den Olympischen Spielen durch wiederkehrende, kleinere Einnahmen aus, die teilweise auch auf einzelne Stadtteile wie St. Pauli beschränkt sind. Die Olympischen Spiele hingegen erfordern erhebliche einmalige Investitionen, deren nachhaltige Wirkung anzuzweifeln ist. Der lokale Sport zielt auf Anhänger*innen, Bewohner*innen und Sponsoren mit lokaler Verbindung ab. Bei den Olympischen Spielen profitieren insbesondere das IOC durch erhebliche Steuervergünstigungen und internationale Großkonzerne. Lokale Sponsoren verfügen weder über die finanziellen Ressourcen, um sich an den Olympischen Spielen zu beteiligen, noch um von diesen zu profitieren. 

Die allgemeinen Aussagen der HWWI-Studie bezüglich des Wirtschaftsfaktors Sport sind unbestreitbar und in der Studie nachvollziehbar belegt. In Bezug auf die sehr wenigen Erwähnungen im Kontext der Olympischen Spielen, wird hier das Phänomen des sogenannten „Cherry Picking“ genutzt. Die Untersuchung zitiert ausschließlich positive Beispiele von Olympischen Spielen wie Atlanta (Arbeitsplätze, siehe Feddersen, Maennig, 2023 auf S. 75 in der Fußnote 7 der HWWi-Studie) und Salt Lake City (Profit für die Sport- und Freizeitindustrie, siehe Baumann, Engelhardt, Matheson, 2012, gleiche Fußnote), während die (zahlreichen) negativen Beispiele unerwähnt bleiben. Insbesondere die letzten drei Jahrzehnte waren von erheblichen Budgetüberschreitungen und gravierenden sozialen Konsequenzen in den Gastgeberstädten geprägt. Ein Beispiel hierfür ist die Fußnote, in der darauf hingewiesen wird, dass die Spiele nicht zu der gewünschten Steigerung der Touristenzahlen führen. Dieser Aspekt wird jedoch in den Schlussfolgerungen der Studie nicht weiter thematisiert. Da die Untersuchung ausschließlich auf den Hamburger Sport fokussiert ist, werden die negativen Konsequenzen des Großereignisses, wie Gentrifizierung, soziale Verteilungseffekte (Kostenübernahme durch die Gastgeberstadt), Umweltkosten, steigende Mietpreise, Militarisierung und Greenwashing, nicht berücksichtigt. 

Ein weiterer Mythos besteht darin, dass die Olympischen Spiele die Bevölkerung zu vermehrter körperlicher Aktivität anregen. Dies wurde bereits mehrfach widerlegt, insbesondere eindrucksvoll bei den Olympischen Spielen in London 2012. Dieses Ziel wird effektiver durch regelmäßige sportliche Aktivitäten in den Vereinen erreicht, die Integration, Gesundheit und Jugendförderung fördern.  

Die Studie betont die positiven Beispiele von Sportveranstaltungen in der Stadt Hamburg (HYROX, Triathlon, Tennismeisterschaften, die beiden Fußballbundesligisten HSV und St. Pauli usw., S.76-106). Dies führt auch zu einer fehlenden Diskussion über potenzielle alternative Einsatzmöglichkeiten der veranschlagten 8–10 Milliarden Euro. Die Opportunitätskosten könnten einen bedeutenden Wandel für die Stadt darstellen. Liegt bei den zuständigen Personen eine Ignoranz gegenüber den negativen Externalitäten vor? Das Problem besteht darin, dass die Studie und die präsentierten Daten aus einem kleinen lokalen System auf ein wesentlich größeres, anders organisiertes System übertragen werden, ohne zu berücksichtigen, dass diese Größenunterschiede ab einem bestimmten Punkt erhebliche qualitative Veränderungen hervorrufen und nicht nur quantitative (Maßstabsirrtum). Ein angesehenes Triathlon-Ereignis mit 300 000 Zuschauern, dessen Kosten sich auf mehrere Millionen Euro belaufen, lässt sich schwer mit dem global größten Megasportevent der Welt vergleichen (S.76-81). Die Budgets und Auswirkungen der Ausrichtung sind so unterschiedlich, dass ein solcher Vergleich, der übrigens auch immer wieder in München mit den European Championships angestellt wird, unangebracht ist. Zwei Studien der Universität Oxford belegen, dass die Budgets der Olympischen Spiele seit den 1960er Jahren durchschnittlich um 176 % überschritten wurden (siehe Flyvberg, 2016, 2021). 

Es ist daher befremdlich, dass viele beteiligte Personen behaupten, die Situation bezüglich der Olympischen Spiele habe sich seit der Volksabstimmung im Jahr 2015 erheblich verändert, das IOC habe Reformen initiiert, die nun Wirkung zeigen würden, und daher sei eine Bewerbung nun sinnvoll. Dies lässt sich anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht im Geringsten belegen. Ferner adressiert die HWWi-Studie keinen der Aspekte, die für die Bevölkerung 2015 wichtig waren und auch gegenwärtig beschäftigen, was jedoch nicht das primäre Ziel der Studie war. Es fehlt eine Analyse der Kosten der Spiele, der Verdrängung, des Gigantismus oder der Militarisierung der Spiele. Die Begründung der neuen Wirtschaftsstudie ignoriert so den demokratisch geäußerten Willen der Bürger*innen. 

Die viel zitierte Studie, von der Handelskammer Hamburg finanziert, soll den ökonomischen Aspekt des organisierten Sports, Hamburg als Wirtschaftsstandort und die positiven Auswirkungen auf die Wirtschaft illustrieren. Die Forschung wird von einer Einrichtung finanziert, die ein Interesse an den Resultaten hat. Es resultiert folglich ein geschlossener Kreislauf: Die Handelskammer initiiert die Studie, die politischen Akteure verwenden diese zur Begründung ihrer Bewerbung, was den großen Mitgliedern (Großunternehmen) der Handelskammer zugutekommt. 

Folglich stellt der in der Studie hergestellte Vergleich keineswegs einen Indikator für potenziellen Erfolg dar, sondern wird von den Befürworter*innen der Spiele als eine öffentlichkeitswirksame Ablenkung missbraucht. Diese interpretieren ihn als ein „Na siehste“ und hinterfragen ihre eigene Interpretation nicht. Es scheint, dass die Ergebnisse der Auftragsforschung gut zu den politischen Agenden passen, was dazu führt, dass kritische Nachfragen von den Befürworter*innen ausbleiben. Das grundlegende Problem besteht nicht in der Studie selbst, sondern in der Art und Weise, wie sie politisch instrumentalisiert wird. Die Untersuchung liefert Antworten auf Fragen bezüglich der lokalen Sportökonomie in Hamburg, wird jedoch als Antwort auf eine gänzlich andere Frage (die Machbarkeit der Olympischen Spiele) herangezogen, die in der Studie nicht adressiert wurde, ein typischer epistemischer Irrtum. Wenn dies bewusst geschieht, ist dies ein Missbrauch der wissenschaftlichen Autorität der beteiligten Forscher*innen, da diese die Schlussfolgerung nicht ziehen. Das Muster ist demnach eindeutig: Legitime Daten werden aus dem methodischen Kontext gezogen, um sie für den eigenen Argumentationsstrang zu nutzen, für den die Studie ursprünglich nicht konzipiert wurde. Daher ist die Studie selbst nicht zu hinterfragen, sondern erst nachfolgend durch die Interpretation der Beteiligten als Irreführung der Öffentlichkeit. 

„Wer noch einen Nachweis dafür braucht, wie Hamburg von Olympia profitieren kann, sollte diese Studie lesen.“ Innensenator Grote

Die Argumentationskette wird schnell deutlich: Der Sportsektor in Hamburg erzeugt eine Wertschöpfung von 5,3 Milliarden Euro und schafft über 14.000 Arbeitsplätze (HWWi-Studie, S.7, 68). Die Sportveranstaltungen in Hamburg generieren Tourismus und Medienpräsenz, was gemäß der Studie letztlich zu einem Wirtschaftswachstum beiträgt. In diesem Zusammenhang werden die Olympischen Spiele als das weltweit größte Sportereignis dargestellt. Die problematische Schlussfolgerung, die von den beteiligten Personen aus diesen Fakten gezogen wird, ist: Bewerbung für die Ausrichtung des größten Sportereignisses der Welt. Doch rechtfertigt die gegenwärtige Wertschöpfung der Hansestadt die Ausrichtung dieses Großereignisses? 

Warum ist die Argumentationskette für die Spiele dennoch so effektiv? Die in der Studie dargelegten Zahlen (5,3 Milliarden Euro, über 14.000 Arbeitsplätze) sind beeindruckend, jedoch liegt ein Trugschluss darin, von der Größe auf die Kompetenz zu schließen und dabei die Unterschiede in den Kategorien zu übersehen. Aufgrund der positiven Zahlen wird Hamburg als sportlich bedeutsam wahrgenommen, was die Olympischen Spiele als logische Folge erscheinen lässt.  

Die Studie und das Referendum

Was wäre zu tun, um weitere Fehlinterpretationen zu vermeiden? Folgende Fragen, die in der Studie nicht untersucht wurden, könnten helfen:  

Welchen Nutzen bringen die Spiele für die Stadt und die Region (Kosten-Nutzen-Analyse)?  

Wo liegen die realistischen Gesamtkosten, einschließlich eines umfassenden Risikopuffers (Risikoanalyse)?  

Welche olympische Infrastruktur ist nicht vorhanden?  

Wird eine Machbarkeitsstudie für die Infrastruktur durchgeführt? 

Welche finanziellen Aufwendungen sind für die Errichtung neuer Infrastruktur erforderlich? 

Welche Bestimmungen sind im Host-City-Vertrag festgelegt? 

Welche Zusicherungen müssen Hamburg und Deutschland dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) garantieren? 

Was geschieht im Anschluss mit der geplanten Infrastruktur?  

Wer trägt die finanziellen Belastungen im Falle einer Budgetüberschreitung? 

Wie gestaltet sich das Konzept der Nachhaltigkeit? 

Was hat Hamburg aus dem Vergleich mit London, Rio, Tokio und Paris gelernt? 

Wird ein juristisches Gutachten zu staatlichen Garantieverpflichtungen erstellt? 

Die Studie adressiert diese Fragen nicht, da sie nicht für deren Beantwortung konzipiert wurde. Die Befürworter greifen auf die HWWi-Studie mit ihren beeindruckenden, jedoch irrelevanten Zahlen zurück, um sich für die Olympischen Spiele zu positionieren, ohne dabei auch nur eine der aufgeworfenen Fragen ansatzweise zu beantworten – ein fahrlässiges Vorgehen. Es wird auf das erhebliche Potenzial der sportlich aktivsten Stadt Deutschlands hingewiesen und darauf, dass der positive Einfluss des Wirtschaftsmotors Sport erneut vervielfacht würde. Diese Behauptung entbehrt jedoch jeglicher empirischer Fundierung. Viele Gastgeberstädte zeigen nach den Spielen keinen signifikanten Wachstumsanstieg im Vergleich zu anderen Metropolen (siehe Preuss, 2004). Es gibt deutliche Indikationen, dass die Städte, die als Gastgeber für Olympische Spiele fungierten, ohne diese Veranstaltung ein stärkeres Wachstum verzeichnet hätten (siehe Zimbalist, 2015).   

Eine erneute Volksabstimmung ist angemessen, um zu ermitteln, ob sich die öffentliche Meinung bezüglich der Olympischen Spiele gewandelt hat. Eine unabhängige Machbarkeitsstudie mit internationalen Vergleichen, eine umfassende Kosten-Nutzen-Analyse und insbesondere eine ausgewogene politische Diskussion zu diesem Thema sind unerlässlich. Ferner wäre es sinnvoll zu untersuchen, welche Auswirkungen die gleiche finanzielle Mittel in anderen gesellschaftlichen Sektoren wie dem Wohnungsbau oder dem Klimaschutz haben würden. Die vorliegende Untersuchung liefert keine Antworten auf die aufgeworfenen Fragen. Daher erscheinen Aussagen über potenzielle Einnahmen und Ausgaben als unangemessen. Sie wirken vielmehr wie ein klassischer Taschenspielertrick. Liegt hier Schönfärberei vor? 

Sie finden mich auf folgenden Plattformen – ich freue mich über Vernetzung, Diskussionen und Kollaborationen

Gerne können Sie diesen Blog auch abonnieren und oder mich direkt kontaktieren (benjamin.bendrich(at)web.de). Für weitere Anfragen, Vorträge oder Kooperationen stehe ich ebenfalls zur Verfügung. 

Hinweis zur Weiterverwendung des Artikels 

Falls Sie ihn (auszugsweise oder vollständig) woanders veröffentlichen möchten, bitte ich um eine kurze Kontaktaufnahme zur Klärung der Nutzungsbedingungen. Ich freue mich über Kooperationen und konstruktiven Austausch – einfach eine Nachricht an mich! 

Deutsche Olympiabewerbungen: PR-Spektakel und Verzerrung der Realität – Grundlagen für einen demokratischen Entscheidungsprozess? 

Liebe Münchner, liebe Berliner, liebe Hamburger, liebe Ruhrpottler,  

Die aktuellen Werbekampagnen der jeweiligen Städte/Regionen sowie des DOSB erzeugen große Skepsis, da die Informationsbroschüren und Kampagnen signifikante Defizite in Bezug auf die Auswirkungen der Olympischen Spiele aufweisen. In der Tat lässt sich sogar von einer gewissen politischen Skrupellosigkeit sprechen, da entscheidende Argumente gegen eine Ausrichtung weder explizit erwähnt noch indirekt in Form von Nebensätzen angeführt werden. Gleichzeitig spricht z. B. der Münchner Rat von „transparenter Kommunikation und (einer) umfassenden Einbeziehung der Bevölkerung“. Gleiches suggeriert der „Olympi-O-Mat“ des DOSB, der eine Anspielung auf den „Wahl-O-Mat” ist. Letzterer stellt die Programme aller Parteien vor einer Bundestagswahl neutral gegenüber. Der DOSB missbraucht das Vertrauen in dieses Medium, indem er mit seinem eigenen Online-Abstimmungstool „Olympi-O-Mat“ durch Struktur und Design eine neutrale Position suggeriert, die Teilnehmer*innen beim Durchklicken jedoch lediglich über positive Effekte der Olympischen Spiele informiert oder ihnen Fragen stellt, die sie zu der Aussage „100 % für Olympia“ verleiten. Liegt hier vorsätzliche Täuschung vor? Diese Vorgehensweisen sollte der organisierte Sport nicht anwenden, da sie die eigene Glaubwürdigkeit massiv untergraben. 

Im Folgenden möchte ich darlegen, warum das Vorgehen in München und das vom DOSB Empörung auslösen. Zunächst ist festzuhalten, dass ich als Sportwissenschaftler und Breitensportler Sportveranstaltungen positiv gegenüberstehe. Eine deutsche Ausrichtung ist aus Sicht der Sportwissenschaft positiv zu sehen, da diese trotz ihrer gesellschaftlichen Relevanz – von Spitzensport über Gesundheit, Bildung hin zu sozialen Herausforderungen – chronisch unterfinanziert ist, und mit mangelnder Wertschätzung sowie dem fehlenden Austausch zwischen Wissenschaft, Sportorganisationen und Entscheidungsträgern kämpft. Ein solches Event könnte zu einem größeren Fokus verhelfen. 

Zudem ist es für jede*n einzelne*n Kaderathlet*in, möglicherweise vor der eigenen Familie und all den Freunden, in einem solch bedeutenden Weltsportereignis aktiv zu sein, ein unglaublich aufregendes Erlebnis, das durch einen Erfolg noch intensiviert werden kann. Jedem einzelnen Athlet*in, der sich heute unter den schweren Bedingungen, in Deutschland entscheidet, einer spitzensportlichen Karriere in Form einer dualen Karriere nachzugehen, sei dieses herausragende Erlebnis gegönnt. Die alltäglichen Belastungen und Herausforderungen, denen ein/ eine Spitzensportler*in ausgesetzt ist, in Kombination mit der psychischen Belastung, fortwährend sportliche Höchstleistungen erbringen zu müssen, sind signifikant. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass viele deutsche Athletinnen parallel eine Berufsausbildung bzw. ein Studium absolvieren, welches durch einen hohen qualitativen Anspruch gekennzeichnet ist. Infolgedessen sehen sich diese Athletinnen einer permanenten Doppelbelastung ausgesetzt und haben mit den Erwartungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Teilsysteme zu kämpfen. Es ärgert, dass der deutsche Sport bis heute so wenig Profit aus den vielen tollen Persönlichkeiten im Sport schlägt. Ihre Leistungen sind beeindruckend – wer wünscht diesen Athlet*innen nicht eine möglichst hohe öffentliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung? Falls die Entscheidung fällt, die Olympischen Spiele nach Deutschland zu vergeben, bin ich auf jeden Fall dabei, die Athlet*innen anzufeuern. 

Doch die Bewerbungen der deutschen Städte sind bei wichtigen Punkten problematisch. Sowohl der DOSB (mit seinen Olympi-O-Mat und seiner digitalen Informationskampagne „Dafür sein ist alles”) als auch die einzelnen deutschen Städte agieren nicht mit der erforderlichen Ehrlichkeit, Offenheit und Skepsis gegenüber den Olympischen Spielen und besonders dem IOC.  

Z.B. die Empfehlung des Deutschen Alpenvereins München, den sogenannten „Olympi-O-Mat“ zu nutzen, um “die wichtigsten Argumente und Informationen” bezüglich einer möglichen Olympiabewerbung zu erhalten, ist problematisch. Werden Inhalte vorenthalten, wie im Falle der Werbekampagne des DOSB, kommt es zu einer Verzerrung des Willensbildungsprozesses. In Bezug auf den Olympi-O-Mat warte ich nur auf diejenigen, die das Tool herunterreden, nachdem es detailliert analysiert wurde. „Das darf man ja alles nicht so ernst nehmen“ und so weiter. Aber schauen wir uns das Tool doch einmal genauer an! Der Olympi-O-Mat ist nicht, wie suggeriert, ein neutrales Informationstool, sondern vielmehr ein überzeugungsorientiertes, meinungsmachendes Instrument, das wichtige Informationen außer Acht lässt und beeinflussend wirkt. Zunächst einmal verstößt die Konstruktion gegen die Grundprinzipien der Neutralität und der qualitativen Sozialforschung. Klar, vielleicht war das von Anfang an auch gar nicht das Ziel, aber dieses Tool suggeriert allein durch seinen Namen Neutralität. Zudem reicht es, Folgendes von der Startseite des Tools zu zitieren: „Du bist noch unsicher, ob Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland tatsächlich einen Mehrwert für dich haben? Der Olympi-O-Mat soll dich dabei unterstützen, eine Antwort auf diese persönliche Frage zu finden. Entdecke die wichtigsten Argumente und bilde dir deine Meinung, der Olympi-O-Mat ist ein Informationsangebot des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).“ Doch der Olympi-O-Mat ist kein Informationsangebot, sondern lediglich ein PR-Instrument. Das Ziel ist eindeutig: Die Teilnehmer*innen sollen durch die Gestaltung, die Themenauswahl und das Framing zu einer generellen Zustimmung gebracht werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Olympische Spiele” findet erst gar nicht statt. 

Weiterlesen „Deutsche Olympiabewerbungen: PR-Spektakel und Verzerrung der Realität – Grundlagen für einen demokratischen Entscheidungsprozess? „

Olympische Spiele in Hamburg?

Vor knapp drei Wochen hatte ich die Gelegenheit, im Hamburger Abendblatt einen Kommentar zu den möglichen Olympischen Spielen in Hamburg zu schreiben. Aus sportsoziologischer Perspektive zeigt sich ein ambivalentes Bild: Solche Mega-Events bergen zweifellos Potenziale/ Trends– aber ebenso erhebliche umfangreiche Risiken und Herausforderungen für die austragende Stadt und ihre Bevölkerung. Für mich überwiegen leider die negativen Konsequenzen.

Für lokale Athletinnen und Athleten könnte eine Heim-Olympiade eine herausragende Möglichkeit sein, ihre Leistungen im eigenen sozialen Umfeld sichtbar zu machen. Die Chance, auf internationaler Bühne im eigenen Land aufzutreten, ist eine Form symbolischer Anerkennung, die nicht nur das individuelle Selbstwertgefühl stärkt, sondern auch Identifikation und gesellschaftliche Wertschätzung für den Leistungssport befördert. Diese Erfahrung wünsche ich jedem einzelnen, hart arbeitenden deutschen Athleten und jeder Athletin.

Gleichzeitig ist es wichtig, die oft übersehenen, aber umfangreichen Begleiterscheinungen solcher Großveranstaltungen offen zu benennen: die infrastrukturellen Belastungen, die hohe Belastungen für den städtischen Haushalt/ Staatshaushalt, mögliche soziale Verdrängungsprozesse (lokale Unternehmen/ Bewohner), Gentrifizierungseffekte sowie die Gefahr, dass die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung im Schatten globaler Eventlogiken marginalisiert werden.

Umso mehr freue ich mich darauf, heute Abend im Hamburger Rathaus gemeinsam mit weiteren Interessierten über diese Fragen weiterzudiskutieren:
Wie lassen sich Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele so gestalten, dass sie sozial verträglich, nachhaltig und tatsächlich gemeinwohlorientiert sind? Ist das überhaupt noch möglich? Was wären die Optionen?

The Olympic Games – The Perfected Shell Game (Infographic)

Feel free to download, please mention the blog

Also read: The Vicious Cycle of the Olympic Movement – How the Current Power Structures Oppress Athlete https://derballluegtnicht.com/2021/07/23/ioc-power-structures/

Abolish Rule 50 (part 1)

Abolish Rule 50

Abolish Rule 50.2 (Part 1 of the the Rule 50 series on http://www.derballluegtnicht.com)

In 2019, athlete protests brought attention to another polarizing issue about the Olympic Charter. Protests such as those by U.S. athletes Race Imboden and Gwen Berry, who showed solidarity with Colin Kaepernick’s and John Carlos/Tommie Smith’s political protests against racism and police violence at the 2019 Pan American Games in Lima, illustrate that the Olympic movement is internally divided on how to deal with political statements and actions.
The two athletes’ protests against racism and demands for social justice were timely, as there was a mass shooting at a Walmart in El Paso, Texas during the Pan Am Championships that killed twenty-three people, mostly Latinos.
Moreover, the two were protesting at a time when the U.S. was experiencing a rise in racist and xenophobic attacks and unchecked rhetoric that reached the highest levels of institutional power, the president of the United States. Following their protests, both athletes faced significant criticism from their governing body (see Draves, 2021). Athletically, they were placed on probation for one year after the competitions, a unique occurrence.

Weiterlesen „Abolish Rule 50 (part 1)“

Die Regel 50 – Ein heißer Sommer für das IOC? (Teil 2)

(Auszug)

Die kontroverse Diskussion zur Regel 50.2 der Olympischen Charta und die Entscheidung, die Regel zu erhalten, legen die Verlogenheit des IOC offen. Ein veraltetes Sportsystem schränkt über eine Regel die Rechte der Athlet*innen auf freie Meinungsäußerung ein, erkennt damit Grundrechte nicht an und unterdrückt sie. 

Bürgern, ob in Deutschland oder den USA, wird das Grundrecht der freien Meinungsäußerung zugesprochen, doch während der größten sportlichen Wettkämpfe weltweit, wird den gleichen Bürgern, nur diesmal in der Funktion der Athlet*innen unterwegs, dieses Recht durch den global mächtigsten und machtversessenen Verband IOC abgesprochen. Dem Verband kann eine Freiheits- und Demokratieverdrossenheit vorgeworfen werden. Wie ist dies innerhalb der weltweiten Staatengemeinschaft möglich? 

Das IOC ist nicht gegen Politik, sondern steht für eine bestimmte Art der Politik. Gesellschaftliche und soziale Kritik sind nicht erwünscht. Das IOC hat Probleme mit Protesten, die gesellschaftliche Ungleichgewichte und die Unterdrückung von Minderheiten anprangern. Sobald es zum Beispiel um das Thema Rassismus geht oder die Unterdrückung einzelner Bevölkerungsgruppen, will das IOC nicht Teil dieser Diskussionen sein. Der Status Quo und die Vorherrschaft der weißen Männer hat Vorrang (vgl. Boykoff, 2020).  

Erschreckend ist dabei, dass das IOC und die IOC-Athletenkommission trotz der vielen Gegenargumente an dem Verbot der freien Meinungsäußerung festhalten wollen. Damit widersprechen sie auch den Empfehlungen der eigens in Auftrag gegebenen Kommission zur Achtung der Menschenrechte im IOC.  Der Bericht fordert den Dachverband auf, die formulierten Vorschläge zu implementieren (siehe oben).  

Stattdessen erhebt sich das IOC mit dem weiterhin geltenden Verbot politischer Statements wie z.B. dem Tragen der Phrase „Black Lives Matter“, dem Hinknien oder gestreckten Faust, über alle demokratischen Instanzen. Zwar sind Rede- und Meinungsfreiheit bis heute keine absoluten Rechte, aber es nicht Aufgabe eines Verbandes, die Menschenrechte von Athlet*innen aus aller Welt zu definieren bzw. einzuschränken. Keine Umfrage kann dies rechtfertigen (vgl. EU Athletes, 2020). 

Weiterlesen „Die Regel 50 – Ein heißer Sommer für das IOC? (Teil 2)“

Die Regel 50 und die Entmythisierung des apolitischen Sports (Teil 1)

In 2019 machten Athletenproteste auf ein weiteres polarisierendes Thema zur olympischen Charta aufmerksam. Proteste wie die der US-Amerikaner*innen Race Imboden und Gwen Berry, die sich bei den Pan Amerika Spielen 2019 in Lima mit den politischen Protesten Colin Kaepernicks und John Carlos/ Tommie Smith gegen Rassismus und Polizeigewalt solidarisierten, verdeutlichen, dass sich die olympische Bewegung intern uneins ist, wie mit politischen Äußerungen und Aktionen umgegangen werden soll.   

Was war der Hintergrund? Die Regel 50.2 verbietet Athlet*innen politische Statements abzugeben bzw. während der Olympischen Spiele zu protestieren. Die Regel lautet: „No kind of demonstration or political, religious or racial propaganda is permitted in any Olympic sites, venues or other areas“ (IOC, 2019). Die Regel zielt darauf ab, Politik aus den Olympischen Spielen herauszuhalten und sie zu einer reinen Sportveranstaltung zu machen, was jedoch bisher nie gelang.

Sollte politischer Protest bei Olympischen Spielen verboten bleiben? Ist es sinnvoll aus Sicht der Sportorganisationen grundlegende Rechte der Athlet*innen für eine bestimmte Zeit zu beschneiden? Kann man die freie Meinungsäußerung, ein Grundrecht in Demokratien, begrenzen, nur weil die Olympischen Spiele und das IOC historisch durch ihre Vorgaben und Traditionen als apolitisch gelten? 

In seiner Neujahrsansprache 2020 wies IOC-Präsident Bach darauf hin, dass das IOC keine politischen Äußerungen und Aktionen bei den Olympischen Spielen in Tokio dulden würde. Er begründete die Vorgabe mit dem Schutz der Olympischen Spiele und der politischen Neutralität der Olympischen Idee (vgl. Bach, 2020). Diese Einschränkungen gelten jedoch nur für Athlet*innen und nicht für die Gastgebernationen (siehe unten). Ein Widerspruch! Im Sommer 2020 kam es zu umfassenden Black Lives Matter Protesten. Grund waren die Tötung schwarzer US-Bürger*innen durch Polizeibeamte sowie Polizeigewalt und Rassismus. Viele Sportler*innen weltweit beteiligten sich an diesen Protesten und rückten das Thema der freien Meinungsäußerung auch im Spitzensportsystem in den Fokus. 

Sport und Politik zu trennen, wie die Charta und Bach formulieren, war und ist eine utopische Idee des IOC und hat mit der Realität wenig zu tun. Historische und aktuelle Beispiele belegen dies. Auch eine Vorgabe wie die Regel 50 der Olympischen Charta wird da nichts Grundlegendes ändern.  

Weiterlesen „Die Regel 50 und die Entmythisierung des apolitischen Sports (Teil 1)“

Die Offenbarung des kommerziellen Spitzensports – Die Gier des IOC ist größer als die Vernunft

no-olympics-202_45178817Die Corona-Krise ist eine Offenbarung für die Elite des deutschen und internationalen Profisports. Die Maske des Humanitarismus fällt durch ein neuartiges Virus endgültig. Funktionäre, Verbände, Ligen und Athleten reagieren auf die Krise und zeigen, welche Interessen sie tatsächlich haben.

Besonders besorgniserregend ist die Reaktion von Funktionären der reichsten Sportligen und -Organisationen, so national der Fußball-Bundesliga und international des IOC.

Fußballbundesliga-Funktionäre wollten während der existentiellen Krise an Geisterspielen festhalten, um eine weitere Tranche der Fernsehgelder zu erhalten. Bis zuletzt fanden Spiele noch unter der Beteiligung der Fans statt, obwohl das Virus z.B. rund um Stuttgart bereits grassierte und Mönchengladbach (beim Spiel gegen Dortmund) nur wenige Kilometer von der sehr betroffenen Virusregion Heinsberg liegt. Zu “Flattening the Curve” hat die Bundesliga nicht beigetragen, eher als Brandbeschleuniger – dies gilt es nach der Pandemie detailliert aufzuarbeiten. Die Bundesliga wurde durch öffentlichen Druck gestoppt, das Risiko eines zu hohen Imageverlustes des Produktes Bundesliga war der alleinige Grund für eine Saisonunterbrechung.

kurzkommentar-b_45187503

Die multimilliardenschwere Kommerzmaschine Spitzensport bringt jedoch weitere soziale Konflikte zum Vorschein. Ist es gerechtfertigt, dass Sportstars der Bundesliga oder NBA aufgrund ihres “Marktwertes” übermäßig häufig als Vorsichtsmaßnahme auf das Coronavirus getestet werden, obwohl in vielen Regionen diese Tests für Schwererkrankte fehlen. Zwar argumentieren die Proficlubs damit, dass sie Vertragspartner im Gesundheitswesen haben und diese deshalb schnell und unkompliziert Tests ermöglichen. Doch ist ein solches Vorgehen gerecht und moralisch vertretbar? Könnten nicht genau diese Ressourcen anders genutzt werden? Gerade wenn die Verunsicherung in der Normalbevölkerung groß ist und nur bei klaren Symptomen eine Teststation aufgesucht werden darf. Sind dann solche medizinischen Privilegien gerechtfertigt? Aus wirtschaftlicher Sicht sicherlich, aus moralischer eher nicht.

Auch FIFA-Präsident Infantino gibt durch sein Handwaschvideo ein eigenartiges Bild in der aktuellen Krise. Er macht sich damit fast schon lustig über die weltweite Pandemie.  Will sich Mr. Infantino im symbolischen Sinne von allen möglichen Machenschaften reinwaschen? Infantino, der gerne für sich das Image des “Mr. Proppers” des internationalen Fußballs propagiert (der alles aufräumt und säubert), entpuppt sich aufgrund seiner korrupten Hinterzimmerdeals und seiner offensichtlichen Insensibilität vielmehr als “Mr. Improper”.

die-offenbarung_45180562(1)

IOC vs. Athleten

Getoppt wird das ganze aktuell nur noch durch das IOC. Das affärengestählte IOC – als weltweiter Dachverband – ist ein weiteres Beispiel für die Offenbarung des kommerziellen Spitzensports. Trotz eines vollständigen Lockdowns in vielen Staaten, hält das IOC an dem Termin der Olympischen Spiele im Sommer fest,  obwohl ein Ende der Pandemie nicht absehbar ist und die Athleten in vielen Ländern zurzeit nicht regelmäßig und unter professionellen Bedingungen trainieren und sich vorbereiten können. Durch den Host City Vertrag ist Tokio und die japanische Regierung hinsichtlich einer Verschiebung der Spiele machtlos, das letzte Wort hat immer das IOC. Der Host City Vertrag besagt, dass das IOC die Möglichkeit hat, die Spiele dem Gastgeber jederzeit zu entziehen (Seite 81), wenn das IOC das Gefühl hat, die Teilnehmer werden nicht ausreichend geschützt und einem unnötigen Risiko ausgesetzt. Der aktuelle Virus wäre ein triftiger Grund die Spiele zu verschieben oder ganz ausfallen zu lassen. Versichert wäre das IOC auch, jedoch geht es nicht nur um aktuelle, sondern besonders um zukünftige Einnahmen – die Gier ist größer als die Vernunft. IOC-Chef Bach scheint entgegen der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu glauben das hochansteckende Virus mit tiefeinschneidenen gesellschaftlichen Konsequenzen sei bis zum Sommer besiegt. Es besteht die Möglichkeit die Spiele zu verschieben, dies wird bisher partout abgelehnt. Hinzukommt, dass in zahlreichen Staaten, aus nachvollziehbaren Gründen, die Dopingtests zurückgefahren (z.B. Deutschland) oder ausgesetzt (z.B. China) werden mussten – aber auch diese Tatsache ist kein Argument für das IOC, eine Verschiebung in Erwägung zu ziehen. Dies erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Athleten unterschiedlich gut auf den Saisonhöhepunkt vorbereiten können und womöglich bei illegalen Methoden aktuell noch “unentdeckter” bleiben. Auch ein “Jahr der Doper” scheint dem IOC keine Sorgen zu bereiten. Ist das IOC an effektiven Dopingtests interessiert oder wird das IOC weiterhin von Profitgedanken mit umfangreichen Verträgen geleitet?

Weiterlesen „Die Offenbarung des kommerziellen Spitzensports – Die Gier des IOC ist größer als die Vernunft“