Gefördert, aber nicht gehört – Das Spitzensportfördergesetz und die strukturelle Machtlosigkeit der Athlet*innen im deutschen Spitzensport 

„Die Athleten stehen im Mittelpunkt“: Diese Auffassung wird wiederholt aus verschiedenen Richtungen geäußert. Es sieht so aus, als ob alle sich in dieser Hinsicht einig sind.  

Doch weder im gegenwärtigen 2. Entwurf des Sportfördergesetzes noch im deutschen Sport stehen die Athlet*innen im Zentrum. Im neuen Sportfördergesetz stehen sie nicht einmal an der Seitenlinie, sondern befinden sich außerhalb der Entscheidungsräume und dürfen lediglich unverbindliche Vorschläge im Stiftungsbeirat geben. Ein historischer Fehler, denn innovativer und zeitgemäßer Spitzensport kann nur in Zusammenarbeit mit den Athlet*innen als integralem Bestandteil in Entscheidungsgremien erreicht werden. Sie sind es, die beobachten, an welchen Stellen es hakt, wo Fördermaßnahmen nicht greifen und an welchen Orten Maßnahmen intensiviert werden sollten. Die erneute strukturelle Exklusion dieser Gruppe im gegenwärtigen Gesetzesentwurf (kein Sitz im Stiftungsrat) führt dazu, dass die seit Jahrzehnten bestehende massive Repräsentationslücke konserviert und abermals nicht geschlossen wird. Ist dies bewusst geschehen?  

Die offensichtliche Dysbalance hat zur Folge, dass Athlet*innen weiterhin systematisch von wesentlichen Entscheidungsprozessen und Ressourcen ausgeschlossen bleiben oder spät über wichtige Maßnahmen informiert werden und dann aufgrund von Zeitmangel und fehlenden Ressourcen nicht mehr angemessen reagieren können. In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Förderprogramme im Spitzensport stets als Top-down-Reformen implementiert, häufig ohne eine gründliche Bewertung der tatsächlichen Bedürfnisse der Athlet*innen. Wiederholt wurden lediglich Fördermaßnahmen intensiviert oder neue Förderbereiche konzipiert, ohne angemessen auf die verschiedenen strukturellen Bedingungen einzugehen. Der gegenwärtige Gesetzesentwurf konzentriert die Macht zunächst beim Bund als Geldgeber und dann abermals beim DOSB (drei von neun Sitzen im Stiftungsrat der geplanten Spitzensportagentur sowie ein einstimmiges Votum des Stiftungsrats für die Wahl des Vorstands – der DOSB verfügt somit über ein Vetorecht). Der DOSB strebt sogar hinter den Kulissen in Kooperation mit der CSU an, die neu gegründete Sportagentur unter seiner eigenen Organisation zu integrieren. Ein einmaliger Vorgang – besteht da ein Zusammenhang mit der Bewerbung Münchens für die Olympischen Spiele 20XX? Die Unabhängigkeit der Agentur könnte laut DOSB dennoch durch einen unabhängigen Vorstand sichergestellt sein. Über die äußerst problematische Doppelrolle des DOSB als Lobbyist und Empfänger von Steuergeldern und die Ineffektivität dieser Strukturen wird dabei interessanterweise nicht diskutiert. 

Institutionen, wie die Bundeswehr, wurden in der Förderung kontinuierlich erweitert, was zu einer Monopolstellung der Bundeswehr führte, ohne zu wissen, ob diese Art von Fördermaßnahme überhaupt von einem Großteil der Athlet*innen gewünscht wird. Ist diese Art der Förderung politisch gewollt? Und nutzen viele diese Fördermöglichkeit lediglich, da hier die finanziellen Garantien deutlich am höchsten sind? Auf politischer Ebene wurde beschlossen, diese Form des Staatssports weiter zu intensivieren. Doch sollte eine duale Karriere nicht in allen beruflichen Bereichen realisierbar sein? Die Notwendigkeit, genau diese bereits am besten finanzierte duale Karriere mit zusätzlichen finanziellen Ressourcen auszustatten, während zivile Alternativen weiterhin unterfinanziert bleiben, ist zu hinterfragen. Der Bund verwendet die Institution Bundeswehr, um über die finanzielle und infrastrukturelle Macht, Sportler*innen an diese Förderung zu binden. Diese Abhängigkeitsbeziehung wird zusätzlich intensiviert durch die Tatsache, dass Trainer*innen auch als Vorgesetzte der Athlet*innen innerhalb der Bundeswehr fungieren. 

Im gegenwärtigen Fördersystem, was bereits mehrfach vom Deutschen Rechnungshof bestätigt wurde, besteht eine erhebliche und nicht zu rechtfertigende Verschwendung von Ressourcen. Finanzielle Mittel werden für ungeeignete Projekte im Spitzensport und beteiligte Institutionen bereitgestellt, während bestehende Probleme der Athlet*innen vernachlässigt werden. Dazu ist der deutsche Spitzensport durch eine erhebliche bürokratische Ineffizienz belastet. Ein überproportionaler Anteil der Ressourcen fließt in die Strukturen und die Administration des Sports, bevor er die Trainer*innen und das primäre Förderziel, die Athlet*innen, erreicht (siehe auch „Hoffnungslos verstrickt? Der Teufelskreis des deutschen Spitzensports“). Diese Strukturen führen zu einem Innovationshindernis im deutschen Spitzensport, da das System teilweise die spezifischen Probleme der Athlet*innen und ihr Feedback sowie ihre Perspektive nicht berücksichtigt. Die Abwesenheit einer echten Beteiligung der Athlet*innen führt zu einer Legitimationskrise, da die Entscheidungen der neuen Gremien, die im Sportfördergesetz und damit der neu zu gründenden Sportagentur verankert sind, von den Athlet*innen nicht als gerecht empfunden werden. Gemäß Staatsministerin Schenderlein strebt Deutschland an, die Anzahl der gewonnenen Medaillen zu erhöhen, den Fokus verstärkt auf Medaillenchancen zu richten und sich im Nachgang an Olympischen Spielen daran zu messen (ein Ziel, das bereits unter Thomas de Maizière (CDU) im fast gleichen Wortlaut formuliert wurde). Diese Fokussierung auf Medaillen ist ein schwerwiegender Rückschritt in alte Zeiten. Wo sind die Förderstrukturen und Maßnahmen als grundlegende Voraussetzungen, die sicherstellen, dass sich alle Athlet*innen, insbesondere in sozialer und finanzieller Hinsicht, abgesichert fühlen? Werden die Athlet*innen zu reinen Objekten und als Lieferanten von Medaillen erneut ausgeschlossen? Eine strukturelle Ausgrenzung der Gruppe, die von allen Entscheidungen betroffen ist und nach Aussage der Funktionäre „profitieren“ soll, ist die Folge. Dies ist nicht nur aus der Perspektive der Athlet*innen bedauerlich, sondern ist auch eine verpasste Gelegenheit, das kreative Potenzial und das kollektive Wissen der Athlet*innen und ihrer Repräsentantinnen zu nutzen.  

Reformvorschläge, wie jene der Interessenvertretung Athleten Deutschland, werden zwar zur Kenntnis genommen, jedoch schaffen es viele der gut ausgearbeiteten und detaillierten Ideen bedauerlicherweise nicht durch die verschiedenen Arbeitsgruppen hin zu neuen Entwürfen. Eine Enttäuschung! 

Die vorliegende Machtasymmetrie erschließt sich zudem in noch geringerem Maße, wenn man die zahlreichen Missbrauchsfälle im internationalen und deutschen Sport berücksichtigt. Auch sie sind ein Produkt der alten Strukturen. Warum werden nicht jene, die täglich am stärksten unter der Ineffizienz leiden und gleichzeitig am schnellsten die Schwachstellen der bürokratischen Sportförderstrukturen erkennen, im neuen Stiftungsrat der Sportagentur des Spitzensportfördergesetzes berücksichtigt? Anstatt des Machtzuwachses, wie es der zweite Gesetzesentwurf nun ankündigt, müssten sowohl der DOSB als auch der Bund Macht abgeben, um den Athlet*innen einen tatsächlichen Einfluss zu ermöglichen. Ja, wird nicht genau das seit Jahrzehnten propagiert, die Sportler*innen in den Mittelpunkt zu stellen? Sollte der zweite Entwurf in seiner aktuellen Fassung bestehen bleiben, werden diese erheblichen Defizite in der Partizipation der Sportler*innen auch im Sportfördergesetz über viele weitere Jahre fortbestehen. Die Implementierung substanzieller, innovativer Reformen im Kontext des deutschen Spitzensports wird durch diese Vorgehensweise nahezu unmöglich. Eine zusätzliche Konsequenz ist ein weiterer Rückgang der sportlichen Leistungsfähigkeit deutscher Athlet*innen. 

Folgendes kann eine Verbesserung der Systemeffizienz bewirken:  

– eine signifikant erhöhte Beteiligung der Athlet*innen in sämtlichen Gremien und Entwürfen,  

– eine signifikant erhöhte Transparenz im deutschen Sport sowie  

– eine Umverteilung der Macht, bei der die Sportler*innen oder ihre gewählten Vertreter*innen (keine aktiven Sportler*innen) eine echte Stimme mit Sitzen in allen wesentlichen Gremien erhalten (inklusive des Vorstandes, siehe hier), einschließlich eines Vetorechts bei Angelegenheiten, die die Athlet*innen unmittelbar betreffen (eine detailliertere Erläuterung potenzieller Veränderungen, die im Sinne der Athlet*innen zu verstehen sind, ist hier zu finden, zudem wird ein Entwurf für einen alternativen Gesetzesentwurf präsentiert). 

Um Innovation und gesteigerte Effizienz zu erzielen, ist es unerlässlich, dass die Athlet*innen von Beginn an in alle wesentlichen Vorhaben involviert werden. Gleichzeitig sollten die Athlet*innen die Möglichkeit haben, eigene Reformvorschläge und Anträge einzubringen, da dies allen Beteiligten von einem beschleunigten Innovationsprozess zugutekommt. Athlet*innen mit Mitspracherecht gewährleisten ein signifikant verbessertes Monitoring des Systems. Unangemessene und ineffiziente Maßnahmen werden rascher identifiziert. Die Teilnahme der Athlet*innen hat auch einen wirtschaftlichen Einfluss, da sie zur Steigerung der Effizienz der Ausgaben und zur Reduzierung der Kontrollkosten beitragen kann. Eine erhöhte Beteiligung der Athlet*innen führt folglich zu gesteigerter Motivation, erweitertem Wissen, verstärktem Vertrauen in die Strukturen und potenziell zur Kostensenkung. 

Der gegenwärtige Entwurf hat nicht nur eine undemokratische Grundlage, sondern ist bereits jetzt ökonomisch ineffizient in Bezug auf die verwendeten Steuergelder. Dies wird dazu beitragen, dass das Vertrauen der Athlet*innen in die deutschen Förderstrukturen weiter abnimmt. Es wird Zeit, dies schnellstmöglich zu korrigieren und die Athlet*innen noch heute an alle Tische zu holen! 

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The Olympic Games – The Perfected Shell Game (Infographic)

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Also read: The Vicious Cycle of the Olympic Movement – How the Current Power Structures Oppress Athlete https://derballluegtnicht.com/2021/07/23/ioc-power-structures/

Missbrauch im Sport – Das Schweigegelübde des Sports und seine Folgen

(AUSZUG)

Im deutschen Sport ist Missbrauch und sexualisierte Gewalt in der Öffentlichkeit eine Randerscheinung. Aktuell kommen jedoch immer neue besorgniserregende Details in verschiedenen Sportarten ans Licht. Ein über den gesamten Sport gewachsenes Missbrauchssystem, erstarkt durch die eigenen Organisationsstrukturen und die bisher zugesicherte Autonomie, bestätigt ein flächendeckendes Problem. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Safe Sport Studie der Sporthochschule Köln aus dem Jahr 2016 (siehe hier), und dies wird aktuell untermauert durch Fälle bei den Turnerinnen (psychische Gewalt, mentale Misshandlung), Boxerinnen (sexueller Missbrauch, mutmaßliche Vergewaltigung) und Segler*innen (Jugendliche, über mehrere Jahrzehnte sexuelle Gewalt). Die nun bekannten Fälle sind lediglich die Spitze des Eisberges. Der Spitzensport und auch Breitensport sind durchseucht von sexualisierter, psychischer und körperlicher Gewalt. Doch wie konnte es dazu kommen? Wer ist dafür verantwortlich? 

Missbrauch und sexuelle Gewalt können sich ausbreiten, wenn Institutionen (Verbände und Vereine) mit unzureichenden Präventionsstrukturen ausgestattet sind und die Athlet*innen am unteren Ende der Talentpyramide nur wenige Ressourcen haben, leicht austauschbar sind oder in das vorzeitige Karriereende geschickt werden können. Noch extremer ist das Ergebnis, wenn die Systemstrukturen sexualisiert sind und von Männern dominiert werden. Deutsche Universitäten, die Bundeswehr, die katholische Kirche und der Sport sind beste Beispiele, oft ausschließlich von Männern in den oberen Positionen beherrscht.  

Ein “unsichtbares” System der Belästigung und des Missbrauchs wie im deutschen Spitzensport ist nur umsetzbar durch die stille Komplizenschaft vieler.

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Die Meinungsfreiheit von Athlet*innen

Politisch bewusste Athlet*innen können die Doppelmoral und das merkwürdige Demokratieverständnis des IOC nur schwer akzeptieren. Athlet*innen stellen vermehrt den Verband in Frage, was wenig überraschend ist und eher eine logische Konsequenz des widersprüchlichen Verhaltens des IOC.   

Meinungen von Athlet*innen sind wie die der Bürger Tatsachenbehauptungen oder Werturteile, die begründet oder unbedacht getätigt werden, konstruktiv oder destruktiv sind, erhellend oder sinnfrei erscheinen. Sie sorgen im Sport und durch den Sport für Aufsehen. Eine öffentliche Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themen kann hilfreich sein, um problematischen und kontroversen Aspekten Aufmerksamkeit zu geben. Diesem positiven Effekt des Sports sollte auch das IOC Anerkennung schenken. Ein/e Athlet*in begibt sich mit einem Werteurteil in die Öffentlichkeit und muss sich auch möglicher Konsequenzen bewusst sein. Nicht jede Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit wird von dieser auch gefeiert oder gelobt, es kann auch zu Gegenreaktionen kommen, scharfe Kritik hervorrufen. Athlet*innen, die sich öffentlich äußern, müssen mit Gegenrede rechnen. Auch für sie gilt, dass die Meinungsfreiheit zwar ein elementares Grundrecht und Schutzrecht der Bürger*innen gegenüber dem Staat ist, jedoch schützt es nicht vor Widerspruch. Besonders die sozialen Medien erlauben heutzutage den Zuschauern eine mikroskopische Beobachtung der Athlet*innen.  

Dem Prinzip der freien Meinungsäußerung muss sich auch der global agierende Weltverband des Sports stellen. Das IOC will mit seinen Wettkämpfen Menschen friedlich zusammenbringen und die Kommunikation zwischen den Nationen stärken; wie kann es sich gleichzeitig seiner Verantwortung hinsichtlich dieser Werte entziehen? Diskriminierende politische Äußerungen jeglicher Art, Populismus oder Propaganda gehören in diesem Zusammenhang zu den Gefahren von Freiheit und Demokratie und sind abzulehnen. Es obliegt aber nicht dem IOC das Grundrecht der freien Meinungsäußerung grundsätzlich aufgrund der Durchsetzung einer höheren bzw. „besseren“ Moral des Sports einzuschränken, denn diese ist eine akzeptierte Norm in Demokratien. 

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Der US-Collegesport vor dem Umbruch?

Stanford wird am Ende des akademischen Jahres 2020-21 folgende 11 Leistungssportprogramme einstellen: Fechten für Männer und Frauen, Feldhockey, Rudern für Männer, Segeln, Squash, Synchronschwimmen, Volleyball für Männer und Ringen. Weitere Collegeprogramme ziehen aktuell nach bzw. denken über weitere Kürzungen nach. Was dies für den globalen olympischen Sport bedeutet wird im aktuellen Spiegel erläutert. Unter anderem mit der ball lügt nicht. Jetzt am Kiosk oder online erhältlich.

Thema: Spitzensport und Studium (in D oder den USA)

Studium und Leistungssport zusammenzubringen, ist für deutsche Nachwuchsathlet*innen kaum möglich. Manche zieht es daher raus aus Deutschland an amerikanische Universitäten. Was dort besser läuft – zwei Talente berichten – Jetzt lesen im KURT Magazin mit Anmerkungen von der ball lügt nicht.

Der Re-Start der BBL und Athletenrechte

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Trotz erheblicher Kritik aus der Bevölkerung kehren Fußball und Basketball frühzeitig auf nationaler Ebene zurück. Beide Sportarten riskieren diesen Schritt, mit der Hoffnung auf wirtschaftliche Schadensbegrenzung. Sicher ist eine sowohl national als auch international erhöhte mediale und öffentliche Aufmerksamkeit ein wichtiger Wert für die Unterhaltungsindustrie Spitzensport. Der deutsche Spitzensport wird zum Vorreiter für Re-Starts der Wettkämpfe während einer Pandemie. Trotzdem schwanken die Reaktionen zwischen Bewunderung und Verachtung. Den ausführenden Akteuren, den Sportlern, wurde lediglich eine Statistenrolle zugeschrieben. Niemand wandte sich in den ersten Überlegungen an die Athleten. Sie blieben lange außen vor und stehen aktuell vor vollendeten Tatsachen. Diese Entwicklung ist aus Sicht der Unternehmen im Spitzensport vertretbar, jedoch bedauernswert. Die Gründe sollen nachfolgend erläutert werden.

Zunächst mussten viele Ligen während der Pandemie zwischen einem Aussetzen und einem Abbruch der Saison abwägen. Von Anfang an waren wirtschaftliche Chancen und Risiken für eine Entscheidung grundlegend. Auch deshalb zögerten einige Ligen lange mit der Unterbrechung bzw. dem Abbruch. Aus Sicht der Vereine und Ligen nachvollziehbar. Nach einigen Wochen versuchten prominente Ligen und Verbände die Politik durch geschickten Lobbyismus für einen schnellen Re-Start für sich zu gewinnen.  Oft auch, weil viele Vereinsetats in Deutschland und weltweit auf Kante genäht sind und Vereine weder finanziellen Spielraum noch Reserven haben. Die Mehrheit der Vereine ist von den TV-Einnahmen und Großsponsoren abhängig. Stellen diese ihre Zahlungen aufgrund nicht erbrachter Leistungen seitens der Vereine bzw. aufgrund der finanziellen Belastungen durch die Pandemie ein, stehen viele Vereine vor dem finanziellen Ruin. Schon seit Jahren leben viele Vereine über ihren Verhältnissen, einige haben sich allein durch staatliche Subventionen (Stadion- oder Hallenbau, vergünstigte Mieten, Darlehen, Sicherheiten usw.) am Leben gehalten. Lediglich eine geringe Anzahl an Vereinen hat Reserven angelegt, die es ihnen ermöglicht in dieser Ausnahmesituation gelassen und mit Demut zu reagieren. Denn mittlerweile gibt es Indizien, dass Sportveranstaltungen wie Champions League Spiele oder auch der Los Angeles Marathon zur weltweiten Verbreitung des Virus beigetragen haben (vgl. FAZ, 2020).

Trotzdem waren es sowohl bei Saisonabbrüchen als auch -Aussetzungen die wirtschaftlichen Erfolgschancen der Vereine, die den Ausschlag gaben. Das Geschäftsmodell des dauerklammen Vereins muss hinsichtlich seiner Zukunftsfähigkeit gerade in einer solchen Ausnahmesituation hinterfragt werden. Durch den permanenten und stets größer werdenden finanziellen Druck, wurden andere Aspekte dieser Ausnahmesituation seitens der Funktionäre unzureichend beantwortet.

In all den Diskussionen und Überlegungen, über einen möglichst reibungslosen Re-Start der Ligen, wurden die Aktiven nicht ausreichend mit eingebunden. Sie müssen erkennen, dass ihnen eine effektive und mächtige Lobby fehlt. Die Fußballspieler der ersten drei deutschen Ligen sowie die Fußballerinnen der Frauen-Bundesliga wurden genauso wenig befragt wie die Basketballer der höchsten deutschen Spielklasse. Erst nach der Fertigstellung der Konzepte und Hygieneregeln wurden die Spieler über diese in Kenntnis gesetzt. Funktionäre betonten, dass über diesen Weg die Bedenken der Sportler beseitigt werden können und keine weiteren Einwände bestehen werden.

Beispielhaft am Basketball soll an dieser Stelle die Vorgehensweise der Ligen dargestellt werden. Die Aufklärungsarbeit der Vereine war an den einzelnen Standorten sehr unterschiedlich. Einige Vereine informierten in eigens anberaumten digitalen Teammeetings über die Lage, andere teilten ihren Spieler lediglich mit, an den Trainingsstandort zurückzukehren. Den Spielern war zunächst nicht bekannt, wie die Verfahrensweise bei einer Rückkehr aus dem Ausland aussehen sollte und wie die Isolation aller Spieler in einem Hotel organsiert wird. Sollen sich ausländische Spieler vor dem Beginn des Turniers noch 2 Wochen in Quarantäne begeben? Dies würde maximal eine Woche Vorbereitungszeit mit der Mannschaft auf das Turnier bedeuten. Wie werden Einzelfälle gelöst? Wie entscheiden die Behörden? Auch nach einem Schreiben mit den Bedenken und Fragen der Spieler, verhielt sich die Liga, die Basketball Bundesliga GmbH, zurückhaltend. Die Antworten der Liga waren aus Sicht der Athleten unzureichend (vgl. Sauer, 2020).

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Die Offenbarung des kommerziellen Spitzensports – Die Gier des IOC ist größer als die Vernunft

no-olympics-202_45178817Die Corona-Krise ist eine Offenbarung für die Elite des deutschen und internationalen Profisports. Die Maske des Humanitarismus fällt durch ein neuartiges Virus endgültig. Funktionäre, Verbände, Ligen und Athleten reagieren auf die Krise und zeigen, welche Interessen sie tatsächlich haben.

Besonders besorgniserregend ist die Reaktion von Funktionären der reichsten Sportligen und -Organisationen, so national der Fußball-Bundesliga und international des IOC.

Fußballbundesliga-Funktionäre wollten während der existentiellen Krise an Geisterspielen festhalten, um eine weitere Tranche der Fernsehgelder zu erhalten. Bis zuletzt fanden Spiele noch unter der Beteiligung der Fans statt, obwohl das Virus z.B. rund um Stuttgart bereits grassierte und Mönchengladbach (beim Spiel gegen Dortmund) nur wenige Kilometer von der sehr betroffenen Virusregion Heinsberg liegt. Zu “Flattening the Curve” hat die Bundesliga nicht beigetragen, eher als Brandbeschleuniger – dies gilt es nach der Pandemie detailliert aufzuarbeiten. Die Bundesliga wurde durch öffentlichen Druck gestoppt, das Risiko eines zu hohen Imageverlustes des Produktes Bundesliga war der alleinige Grund für eine Saisonunterbrechung.

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Die multimilliardenschwere Kommerzmaschine Spitzensport bringt jedoch weitere soziale Konflikte zum Vorschein. Ist es gerechtfertigt, dass Sportstars der Bundesliga oder NBA aufgrund ihres “Marktwertes” übermäßig häufig als Vorsichtsmaßnahme auf das Coronavirus getestet werden, obwohl in vielen Regionen diese Tests für Schwererkrankte fehlen. Zwar argumentieren die Proficlubs damit, dass sie Vertragspartner im Gesundheitswesen haben und diese deshalb schnell und unkompliziert Tests ermöglichen. Doch ist ein solches Vorgehen gerecht und moralisch vertretbar? Könnten nicht genau diese Ressourcen anders genutzt werden? Gerade wenn die Verunsicherung in der Normalbevölkerung groß ist und nur bei klaren Symptomen eine Teststation aufgesucht werden darf. Sind dann solche medizinischen Privilegien gerechtfertigt? Aus wirtschaftlicher Sicht sicherlich, aus moralischer eher nicht.

Auch FIFA-Präsident Infantino gibt durch sein Handwaschvideo ein eigenartiges Bild in der aktuellen Krise. Er macht sich damit fast schon lustig über die weltweite Pandemie.  Will sich Mr. Infantino im symbolischen Sinne von allen möglichen Machenschaften reinwaschen? Infantino, der gerne für sich das Image des “Mr. Proppers” des internationalen Fußballs propagiert (der alles aufräumt und säubert), entpuppt sich aufgrund seiner korrupten Hinterzimmerdeals und seiner offensichtlichen Insensibilität vielmehr als “Mr. Improper”.

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IOC vs. Athleten

Getoppt wird das ganze aktuell nur noch durch das IOC. Das affärengestählte IOC – als weltweiter Dachverband – ist ein weiteres Beispiel für die Offenbarung des kommerziellen Spitzensports. Trotz eines vollständigen Lockdowns in vielen Staaten, hält das IOC an dem Termin der Olympischen Spiele im Sommer fest,  obwohl ein Ende der Pandemie nicht absehbar ist und die Athleten in vielen Ländern zurzeit nicht regelmäßig und unter professionellen Bedingungen trainieren und sich vorbereiten können. Durch den Host City Vertrag ist Tokio und die japanische Regierung hinsichtlich einer Verschiebung der Spiele machtlos, das letzte Wort hat immer das IOC. Der Host City Vertrag besagt, dass das IOC die Möglichkeit hat, die Spiele dem Gastgeber jederzeit zu entziehen (Seite 81), wenn das IOC das Gefühl hat, die Teilnehmer werden nicht ausreichend geschützt und einem unnötigen Risiko ausgesetzt. Der aktuelle Virus wäre ein triftiger Grund die Spiele zu verschieben oder ganz ausfallen zu lassen. Versichert wäre das IOC auch, jedoch geht es nicht nur um aktuelle, sondern besonders um zukünftige Einnahmen – die Gier ist größer als die Vernunft. IOC-Chef Bach scheint entgegen der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu glauben das hochansteckende Virus mit tiefeinschneidenen gesellschaftlichen Konsequenzen sei bis zum Sommer besiegt. Es besteht die Möglichkeit die Spiele zu verschieben, dies wird bisher partout abgelehnt. Hinzukommt, dass in zahlreichen Staaten, aus nachvollziehbaren Gründen, die Dopingtests zurückgefahren (z.B. Deutschland) oder ausgesetzt (z.B. China) werden mussten – aber auch diese Tatsache ist kein Argument für das IOC, eine Verschiebung in Erwägung zu ziehen. Dies erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Athleten unterschiedlich gut auf den Saisonhöhepunkt vorbereiten können und womöglich bei illegalen Methoden aktuell noch “unentdeckter” bleiben. Auch ein “Jahr der Doper” scheint dem IOC keine Sorgen zu bereiten. Ist das IOC an effektiven Dopingtests interessiert oder wird das IOC weiterhin von Profitgedanken mit umfangreichen Verträgen geleitet?

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